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ich meinen Geschwistern gestohlen hatte. Geh’, ich habe dich lieb, alte Monika.«

»Du warst ein hartes Kind, es brauchte viel, bis du liebtest. Hast du nicht den Ersten genommen, weil alle deine Verwandten dagegen waren?«

»Ich nahm ihn, weil er ein einsamer berühmter Mann war.«

»Und diesen?«

»Weil er mich liebt, wie ich bin. Weil er nicht fragt. Weil er alles von mir weiß – und nichts.«

Sie setzt sich und richtet den Blick auf die Tür.

»Ich warte auf ihn, wie auf einen ganz Fremden und wie auf mich selbst. Wir haben so Vieles hinter uns, was keiner versteht. Es war grell und wirr, es macht müde.«

Sie lehnt den Kopf zurück nnd[WS 1] schließt die Augen. Leise:

»Ein Kuß im Dunkeln.«

Sie schrickt zusammen; es klopft.


II

Die alte Frau öffnet; sie flüstert:

»Die gnädige Frau erwartet den Herrn Doktor.«

Im Hinausschlüpfen greift sie nach seiner Hand und küßt sie.

Er nähert sich leise seiner Frau.

»Gabriele!«

Sie hebt, immer die Augen geschlossen, ein wenig den Kopf. Er beugt sich über sie, ihre Lippen treffen sich, sie sinkt zurück.

»Sieh mich an, Gabriele!«

»Schließ lieber auch du die Augen! Wir sind in Sicherheit, solange wir nicht sehen. Du bist jung und du liebst mich. Du hast Mut und Leben auch für mich, die ich schon den Mut verloren hatte und fast auch das Leben.«

»Ich weiß, wie kühn das ist: dich alles verschmerzen

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: nnd
Empfohlene Zitierweise:
Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel Nr. 301–302. Die Fackel, Wien 1910, Seite 5. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Fackel_Nr._301%E2%80%93302.djvu/7&oldid=- (Version vom 31.12.2025)