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| Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel Nr. 301–302 | |
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machen zu wollen, was du erlitten hast. Aber ich will es.«
»Du mußt mich mehr lieben, als alle anderen Menschen einander lieben. Wir haben die Liebe, um das Leben zu vergessen. Ich weiß mehr und habe mehr zu vergessen.«
»Ich liebe dich unbedingt und für immer.«
Sie öffnet die Augen, sie hebt sich an seinen Schultern hinauf.
»Du sagst es? Wenn es wahr ist, hast du mich zum zweitenmal befreit.«
»Du hast mir Genie gegeben. Genie ist die höchste Männlichkeit.«
»Ich bin dir nicht unheimlich?«
Da er abwehrt:
»Denn ich bin es mir selbst. Das Urteil mag gesprochen sein: ich bleibe die Witwe des Ermordeten, – dessen Mörder niemand kennt.«
Über sich gebeugt, dumpf:
»Wo habe ich das Trauerjahr verbracht?«
»Ich bitte dich,« – er streckt die Arme nach ihr aus. Sie sieht ihn an und schüttelt den Kopf.
»Das macht kein Triumph ungeschehen. Meinst du, ich sehe nicht das Erschrecken der Blicke? Sie wollen immer wieder zu mir eindringen, wie durch ein vergittertes Fenster, aus dem eine beklemmende Luft strömt. Heute abend flüsterten unsere Gäste mit einander, als wunderten sie sich, daß sie zu einer Hochzeit geladen seien und nicht zu einer Hinrichtung.«
»Gabriele! Meine Frau!«
Aber sie springt auf.
»Wundere ich mich nicht selbst? Ah! du bist kühn, weil du es unternimmst, mich zu heilen von der Tortur der Untersuchung, der öffentlichen Schande der Verhandlung. Wer aber müßtest du sein, um jene anderen Bilder, jene geheimen, von diesen Augen wegzuwischen.«
Karl Kraus (Hrsg.): Die Fackel Nr. 301–302. Die Fackel, Wien 1910, Seite 6. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Fackel_Nr._301%E2%80%93302.djvu/8&oldid=- (Version vom 31.12.2025)