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Verschiedene: Die Gartenlaube (1872)

könnte!“ flüsterte sie und nahm die alten Blätter zur Hand. Sie mußte das Buch dicht vor die Augen halten, um die Schriftzüge darin entziffern zu können, aber diese schienen eine magische Gewalt auf die alte Frau auszuüben; die sorgenvolle Stirn glättete sich immer mehr, je weiter sie las, das finstere Antlitz ward friedlich und ruhig.

Schiller, Goethe, Jean Paul!“ sprach sie begeistert und drückte einen Kuß auf die gelben Blätter, „nein, nein, von solchen Schätzen trenne ich mich nicht! – Sind doch die Grüße dieser Edlen das Einzige, was mir aus einer schönen Zeit, aus einer reichen Vergangenheit, aus einem Leben, das wirklich ein Leben war, geblieben ist!“

Nun lag es wieder da, jenes Gedenkbuch, in das so manche Dichtergröße jener Zeit der originellen Declamatrice einen Gedenkspruch, ein kleines Lied geschrieben hatte, ein kostbarer Schatz für einen Handschriftensammler. Keine Noth, keine Entbehrung hatte die alte Frau vermocht, sich dieses Schatzes zu entäußern. Und war es nicht, als wollte der Himmel solches Thun belohnen? Im selben Augenblick öffnete eine alte Dienerin die Thür und rief: „Na, Frau Professorin, da bring’ ich endlich einmal wieder einen fünffach gesiegelten Brief, nun können wir Vorrath für den Winter einkaufen!“

Mit zitternden Händen öffnete Elise das Schreiben und rief stolz und froh: „Die Götter verlassen mich nicht! Da, Dörthe, da ist Gold, Gold von der Kaiserin von Oesterreich!“

Die erstaunte Dienerin schlug die Hände vor Verwunderung zusammen; ihre Herrin wuchs urplötzlich vor ihren Augen, da sogar eine Kaiserin ihrer gedachte. „Wie kann nur so eine Majestät wissen, daß wir g’rad’ jetzt so nöthig Geld brauchen?“ fragte Dörthe.

Elise lachte. „Es ist die Antwort auf mein Glückwunschgedicht, das ich ihr zuschickte,“ sagte sie. „Da sieh’, zehn blanke, herrliche Ducaten!“

„Für ein Gedicht! Ach, du meine Güte, Frau Professorin, wenn uns das doch öfter passirte! – Ja, was ich sagen wollte, da ist mir eingefallen, die Majorin von Breitbach hat Zwillinge bekommen, das wär’ so ein Ereigniß, wenn Sie da –“

„Schweig’,“ rief Elise, „an einem Tage, wo eine Kaiserin meiner gedenkt, mache ich nicht die Bänkelsängerin!“ –

Das kaiserliche Geld war bald genug wieder in Nichts zerronnen. Kein Wunder, die Frau Professorin hatte gar Manches damit zu bezahlen und anzuschaffen, und dann gab’s im Nebenhause eine kranke Nachbarin, die so lange schon keinen warmen Ofen, kein ordentliches Stück Fleisch gehabt hatte – der mußte nothwendig beigestanden werden. Wie auch Dörthe brummen und murren wollte: wo Elisens gutes Herz sprach, war jede Einrede nutzlos.

Ganz und gar ärgerlich ward die alte, treue Person, als die Herrin, die doch um Gotteswillen froh sein sollte, endlich einmal ein paar Groschen in der Hand zu haben, nun auch noch Geld in einen Brief schloß und Dörthe den Auftrag gab, ihn auf die Post zu bringen.

„An wen ist denn das Schreiben da?“ sagte die alte Dienerin fast weinend.

„An ihn!“ entgegnete Elise, „an Bürger’s Sohn! Schüttle nicht den Kopf, Dörthe, starre mich nicht so an, gönne mir das süße Gefühl solcher Rache; sie haben ihn mich verachten gelehrt, diese Verachtung soll ihn bitter reuen. Zu beklagen war ich, zu verachten nie! Geh’, Dörthe, geh’, der arme Mensch braucht’s, es geht ihm elend, wie mir; nun, wir wollen desto sparsamer sein!“

Derartige kleine Scenen spielten sich oft zwischen Herrin und Dienerin ab, denn bis an ihren Tod lernte Elise nicht, der nüchternen Vernunft gehorsam auf ihr höchstes Glück, wohlzuthun und mitzutheilen, zu verzichten.

Die alternde Dichterin suchte und fand nun auch allerlei Hülfsquellen; da bestellte man bei ihr Polterabendscherze und Gelegenheitsgedichte aller Gattung, die sie mit Geschick und wunderbarer Geläufigkeit zu verfertigen wußte. Ja, Elise verstand es, manchmal diesen Versen ein hohes Pathos, eine echt klingende Begeisterung zu verleihen, so daß sich der geachtete Geheimrath B. nicht entblödete, ihre Gedichte bei festlichen Gelegenheiten für die seinigen auszugeben und das Lob dafür einzuernten. Für die vergessene Frau in der Bockenheimer Gasse konnte das ja nur eine Ehre sein, und bezahlt wurde sie doch auch immer.

Außer der Einnahme von solchen Dichtungen war es hauptsächlich dramatischer Unterricht, durch den sich Elise erhielt. Zu jener Zeit gab es weder Theaterschulen, noch Künstler, die aus solchem Unterricht einen förmlichen Erwerb machten. Der einzige dramatische Lehrer Frankfurts, der tüchtige Schauspieler Rottmeyer, ließ sich seinen Unterricht mit einem Kronenthaler bezahlen, und wie viele von Thaliens Jüngern konnten so viel wohl erschwingen!

Die Frau Professorin war bescheidener; für fünfzig Kreuzer die Stunde übte sie den angehenden Posas und Ferdinands, den Ebolis und Louisen gewissenhaft ihre Rollen ein.

Es ist bekannt, daß Elise sich mit wenig Glück der Bühnencarrière gewidmet hatte. Sie trat bald von dieser zurück, zog als Declamatrice in Deutschland umher und errang hauptsächlich in den durch die Händel-Schütz aufgebrachten mimisch-plastischen Darstellungen große Erfolge. Aber wie die meisten Künstlernaturen dachte sie in den Zeiten der Ernte nicht an des Lebens Wintertage, und auf solche Weise sah sie sich zuletzt mit kleinlichen Sorgen beladen, die jedoch nie im Stande waren, ihren elastischen Geist zu Boden zu drücken. Bei dem geringsten freudigen Anlaß wallte ihr leichtes Blut, ihre alte Lebhaftigkeit wieder auf, und wenn auch der Körper dem Zahne der Zeit nicht Widerstand leisten konnte, der Geist erhielt sich in frischer Jugendkraft. Selbst von ihren Eigenthümlichkeiten konnte die alte Frau nicht lassen; wie sie es stets geliebt hatte, sich mit phantastischem Schmucke zu beladen, so zog sie noch jetzt die verblaßtesten, altmodischsten Kleider, wenn sie von Seide waren, einem schlichten Gewande vor; das Theatralische behielt eben immer die Oberhand bei ihr.

So wurde ihr einstmals Herr von W., ein alter Bekannter aus ihrer Hamburger Zeit, gemeldet. Schnell schlüpfte sie erst in ihr kleines Schlafkämmerlein, um sich mit dem schönsten Staatskleide und großen silbernen Haarnadeln zu schmücken. Dann erst trat sie dem Freunde mit jugendlicher Lebhaftigkeit entgegen; leider vermochte sie die einst so theuren Züge nicht mehr ganz zu erkennen, denn das Licht des Auges ward von Tag zu Tag matter bei der armen Einsamen.

Nachdem die Beiden einige Zeit miteinander geplaudert und sich vergangener Tage so gern erinnert, rief Elise ganz plötzlich: „Ich glaube gar, Sie tragen eine Perrücke!“

„Seit lange schon, liebe Professorin,“ seufzte Herr v. W.

Elise lachte, ließ stolz ihre grauen Locken durch ihre Finger gleiten und sagte: „Hergeschaut! ich habe noch echtes Haar; sehen Sie, man hält sich besser!“

„Kein Wunder, bei Ihrem Temperament conservirt man sich. Elise, Sie müssen sehr schön gewesen sein!“

„Nein, lieber Freund, es wäre unrecht, wenn ich mit Gretchen declamiren wollte: ‚Schön war ich auch, und das war mein Verderben!‘ Schönheit hat mich nie beschwert; aber ich hatte einen guten Wuchs, eine schlanke Taille, blitzende Augen und schwarzes Leonoren-Rabenhaar. Im Uebrigen hat sich mein Aussehen nicht über das Niveau des Mittelmäßigen erhoben.“

„Verzeihen Sie! diese Worte muß ich Ihrer Bescheidenheit zuschreiben. Ein Weib, das Molly vergessen machen konnte, muß ein ideales Weib gewesen sein!“

„Ach, schweigen Sie mir davon, ich bitte! Bürger hat seine Molly meinetwegen nie vergessen: Eitelkeit, Caprice, Langeweile waren es, die ihn durch jenes unselige Gedicht zu mir zogen und mich aus einem glücklich angelegten Geschöpf ein verzweifelndes, nach Betäubung suchendes Wesen werden ließen!“

„Ja, man bietet sich auch nicht ungestraft einem berühmten Dichter in verlockenden Versen zum Ehebunde an,“ versuchte Herr v. W. zu scherzen.

„Die Welt lügt, es ist nicht wahr, ich habe mich ihm nicht zur Ehe angetragen!“ rief Elise empört und leidenschaftlich. „Das Gedicht war der Ausfluß einer tollen Laune, nichts weiter. Wir saßen froh beieinander, junge Mädchen und Männer, in Stuttgart war’s, wir spielten Pfänderspiele; da gab man mir die Aufgabe, mein Pfand mit einer Antwort an Bürger, der gerade durch einen scherzhaften Aufruf die Mädchen gebeten hatte, sich seiner Wittwerschaft zu erbarmen, auszulösen. Man kannte meine Schwärmerei für den Dichter und sein tragisches Geschick. Ich war ein überspanntes Ding, außerdem übermüthig über die Maßen. Durch jene Zeilen stachelte ich zugleich die Eifersucht meiner jungen Verehrer an; stolz gab ich ihnen das schnell entstandene Gedicht, lachend mein Pfand zurücknehmend. Ohne mein

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