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| Verschiedene: Die Gartenlaube (1893) | |
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Das Mittagsschläfchen.
Nein – diese Müdigkeit nach dem Essen! Nur zehn, höchstens zwanzig Minuten möchte ich schlafen, aber ja nicht länger!“
Wer kennt es nicht aus Erfahrung, dieses je nach der Jahreszeit, Gewohnheit und Individualität mehr oder weniger dringende oder auch geradezu unbezwingliche Bedürfniß, nach Tisch einer kurzen Ruhe zu pflegen? Wer kennt nicht auch die üblen Wirkungen, die es fast immer nach sich zieht, wenn man diese an und für sich so gerechtfertigte Pause in der täglichen Arbeit über das gewohnte Maß hinaus verlängert?
Es sind gewiß auffallende Erscheinungen, daß sich nach der Mittagsmahlzeit viele Menschen außer stande fühlen, wach zu bleiben, welche nach dem Abendessen, wo doch die Arbeit des ganzen abgelaufenen Tages weit schwerer auf Kopf und Muskeln lastet, noch stundenlang ohne Schwierigkeiten den Schlaf entbehren können; daß ferner ein kurzer viertelstündiger Schlaf nach Tische sich erquickend und gedeihlich erweist, ja für geistig stark beschäftigte Menschen zu einem wahren Elixir und einer Bedingung der Gesundheit werden kann – während derselbe Schlaf, sobald er über dieses Maß gesteigert wird, Müdigkeit statt Frische, Uebelbefinden und Verdrießlichkeit statt Erquickung im Gefolge hat, bei allzu langer Ausdehnung sogar nachweislich höchst gesundheitsschädlich wirkt. Es ist gewiß etwas Eigenthümliches um diese verschiedenartigen Wirkungen, welche das Mittagsschläfchen keineswegs als das unschuldige Vergnügen erkennen lassen, für das es vielfach gilt, sondern im Gegentheil als eine sehr ernsthaft zu nehmende und – falsch gehandhabt – höchst zweischneidige hygieinische Maßregel.
Bedenkt man, daß schon die Weisheit aller alten Kulturvölker über den Räthseln des Schlafes gebrütet und gesonnen hat, und daß noch die neuere Physiologie sich zu dem Geständniß gezwungen sieht, daß wir ungeachtet verschiedener eingehender Vermuthungen über seine Ursachen von dem eigentlichen Wirken und Wesen des Schlafes noch sehr wenig Sicheres wissen; ja daß, nach Professor Exners Worten, bisher über kein Kapitel der Physiologie so vieles mit so wenig Erfolg geschrieben worden ist, als über dieses – so leuchtet es ein, daß wir unverbrüchliche Gewißheit und unabänderliche Ergebnisse auch für das Nachmittagsschläfchen noch nicht zu bieten imstande sind. Immerhin aber wissen wir von den Lebensvorgängen im Menschen beim Wachen und Schlafen bereits genug, um wenigstens einiges Licht über unsere Frage zu verbreiten und vielleicht manchen Leser zu veranlassen, an sich selbst und an der Hand seiner eigenen Erfahrungen dem Problem des Schlafes weiter nachzuspüren.
Mit der früher wohl üblichen und anscheinend sehr einfachen und einleuchtenden Anschauung, daß der Schlaf nichts weiter sei als die „Erholung“ des „ermüdeten“ Körpers, ist nach dem heutigen Stande unseres Wissens nichts erklärt. Einmal besagen die Ausdrücke „ermüden“ und „sich erholen“, als Erklärung genommen, gar nichts; dann aber ist es bei aufmerksamer Beobachtung einleuchtend, daß die Vorgänge des Schlafes vielmehr ans Gehirn als an den Körper gebunden sind. Denn es ist eine Erfahrungsthatsache, daß geistig beschäftigte Menschen des Schlafes eben so sehr und so lange, ja noch mehr bedürftig sind wie körperliche Arbeiter; und dann liegt es sowohl für die unbefangene Anschauung als auch nach den neuesten wissenschaftlichen Annahmen über die Ursachen der Muskelerschlaffung auf der Hand, daß zur körperlichen Erholung auch die einfache körperliche Ruhe vollständig ausreichend sein müßte, ohne daß es dabei des eigenthümlichen Zustandes von Bewußtlosigkeit bedürfte, der eben den Schlaf kennzeichnet. In der That kann ein Mensch, der körperlich gar nicht arbeitet, den Schlaf keineswegs entbehren – es ist im Gegentheil bekannt, daß andauernde Schlaflosigkeit, selbst bei völliger körperlicher Ruhe, den kräftigsten Organismus in kurzer Zeit zu Grunde richtet. Andererseits bedarf der Arbeiter, der in fünf- bis sechsstündiger Schicht seine Muskeln erschöpft, oder der Wanderer, den ein Marsch von einigen Meilen ermüdet hat, zur Neustärkung seines Körpers nicht des Schlafs, vielmehr genügt beiden eine kräftige Mahlzeit und eine ein- bis zweistündige Ruhepause, um munter weiterschaffen oder weiterwandern zu können, bis der Abend kommt und auf Geistes- wie Muskelarbeiter gleichmäßig seine Fittiche senkt. Weiter ist es bekannt, daß eine heftige Gemüthsaufregung, ein eingehendes Betrachten fremder interessanter Gegenstände und viele andere, lediglich den Geist beanspruchende Vorgänge imstande sind, uns so müde zu machen, daß wir uns „wie zerschlagen“ fühlen. Endlich haben zahlreiche Versuche und Beobachtungen erwiesen, daß es zum Schlafen nicht einmal der körperlichen oder geistigen Erschöpfung bedarf – die bloße Abschließung von den Eindrücken der Außenwelt durch Verdunkeln des Zimmers, Fernhaltung von Geräuschen etc. genügt schon, um die meisten Menschen in Schlummer zu versetzen, wenn auch nervöse oder geistig sehr rege Persönlichkeiten solchen Beeinflussungen nicht leicht nachgeben. Es ließe sich noch eine ganze Reihe anderer Umstände hinzufügen, die gegen eine Erklärung des Schlafes als einer körperlichen Erscheinung Einspruch erheben, doch sei es an den vorstehenden genug.
Die eigentliche Erklärung des Schlafes wird nun freilich dadurch, daß wir gezwungen sind, seine Grundursachen vom Gebiet des Körperlichen in das des Geistigen zu verschieben, nicht eben erleichtert, denn unter allen Wissenschaften, welche sich die Erforschung der Lebensvorgänge zur Aufgabe gestellt haben, ist keine von so jugendlichem Alter und dementsprechend von so lückenhaften Ergebnissen wie die „Phrenologie“ oder Geisteskunde, deren Beschäftigung es ist, das Gehirn und seine Thätigkeit zu studieren und an der Hand kühler anatomischer Untersuchungen die Ansichten der älteren, mehr spekulativ vorgehenden Seelenlehre zu vergleichen, zu bestätigen oder zu verwerfen. Was den Schlaf betrifft, so haben nun die bisherigen Arbeiten, wie bemerkt, wohl eine ganze Reihe von Vermuthungen, aber herzlich wenig sichere Ergebnisse geliefert, und uns bleibt daher, um die Erscheinungen der Müdigkeit und des Einschlafens zu erklären, nur übrig, die gründlichste aller bis jetzt gegebenen Theorien hier in kurzen Zügen hervorzuheben. Wenn wir dabei von unserem eigentlichen Gegenstand noch ferner ein Weilchen abschweifen, so mag uns die Unmöglichkeit entschuldigen, ohne eine Erklärung des Schlafes im allgemeinen den besonderen Erscheinungen des Mittagsschlafes näher zu kommen; wir dürfen dabei um so eher auf die Verzeihung unserer Leser rechnen, als wir ja mit unserer Abschweifung ein Gebiet berühren, das zu den fesselndsten Kapiteln der ganzen Wissenschaft von den Lebenserscheinungen zählt.
Professor Pflüger scheint es uns zu sein, dessen Erklärung das eigentliche Wesen des Schlafes am tiefsten trifft, eben weil dieser Gelehrte, den zwingenden Gründen der täglichen Beobachtung folgend, alle auf die Ermüdung bezüglichen Vorgänge in den Sitz des geistigen Lebens oder in die Substanz der Nerven, des Gehirns und Rückenmarks verlegt. Alle sogenannten Erregungen, d. h. die Gehirnvorgänge und die Thätigkeit der Nerven, welche die Wahrnehmungen des Gehirns von und zu den Sinnes- und Bewegungsorganen übertragen, beruhen nach Pflügers Erklärung auf chemischen Prozessen, und zwar des genaueren auf Verbrennungserscheinungen. So wie beispielsweise die Thätigkeit einer Dampfmaschine nur dadurch zu unterhalten ist, daß fortwährend unter dem Kessel derselben Kohle verbrannt wird, und so wie die Verbrennung der Kohle nur eine chemische Verbindung derselben mit dem Sauerstoff der Luft bedeutet, so beruht auch die Energie, welche während des wachen Zustandes in unseren Sinnen, Nerven und unserem Hirn verbraucht wird, nur auf dem Verbrennen und Auszehren der Kohlenstoffverbindungen, aus denen die Substanz unseres Gehirns und unserer Nerven besteht. Diese Verbrennung, mit unwahrnehmbaren, aber nichtsdestoweniger sehr heftigen Schwingungen der Massentheilchen oder Atome des betreffenden Organs verbunden, verzehrt außer der Substanz derselben naturgemäß auch Sauerstoff, und zwar weit mehr, als der tägliche Stoffwechsel dem arbeitenden Gehirn zuzuführen vermag.
Somit muß im letzteren schließlich ein Mangel an Sauerstoff eintreten, und dieser Mangel, mit der mehr oder minder großen Erschöpfung an Kohlenstoff, d. h. Brennmaterial, zusammentreffend, macht sich in der Form bemerkbar, daß die Verbrennung langsam nachläßt, daß die Atomschwingungen des Gehirns
Verschiedene: Die Gartenlaube (1893). Leipzig: Ernst Keil, 1893, Seite 43. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1893)_043.jpg&oldid=- (Version vom 13.5.2025)