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allmählich schwächer werden und schließlich ganz aufhören – das Denkorgan stellt seine Arbeit ein, das Lebewesen, Thier oder Mensch, schläft. Damit ist dem Gehirn gleichzeitig die äußere Erregung durch die Sinnesorgane abgeschnitten, welche beim Wachen unablässig auf dasselbe einwirkt, die Hirnthätigkeit anfacht, die Verbrennungsarbeit vermehrt und in erster Linie im Großgehirn jenen starken Stoffverbrauch hervorruft. Zwei Fesseln, Stoffmangel und das Fehlen äußerer Anreize, lähmen nun gleichzeitig das Centralorgan.
Daß diese Erklärung des Einschlafens von der Wahrheit nicht weit entfernt sein kann, beweisen viele Beobachtungen und mannigfache Versuche, von denen hier nur der eine Erwähnung finden mag, daß man Frösche durch allmähliche Sauerstoffentziehung in einen schläfrigen Zustand versetzen, ja bald zum völligen Schlafe und schließlich zum Scheintod, der die tiefste und dem Tode unmittelbar vorangehende Art des Schlafes darstellt, zwingen kann. Auch daß Blutarmuth eine Quelle steter Müdigkeit ist, weist auf denselben Zusammenhang hin, insofern es eben das Blut ist, welches dem Gehirn den nothwendigen Sauerstoff zuführt. Endlich wollen wir nicht unbemerkt lassen, daß man die beginnende Müdigkeit recht wohl eine Weile hinauszuschieben vermag, wenn man sich beeilt, durch kräftige Bewegung, womöglich in freier Luft, und tiefes Einathmen dem Gehirn einen erneuten sauerstoffhaltigen Blutstrom zuzusenden, während das gegentheilige Verhalten, nämlich Stillsitzen, besonders bei gebückter Haltung und geringer Athembewegung, bekanntlich die Müdigkeit beschleunigt.
Während des Schlafes nun geht die Erfrischung der erschöpften Hirn- und Nervensubstanz vor sich. Dem Einschlafen jener Organe folgt natürlich von selbst die Ruhe der Muskeln und Glieder, da diese ihre gesammten Bewegungen nur auf das Kommando des Gehirns auszuführen gewohnt sind, und die gesammte Lebensthätigkeit wirft sich nunmehr auf das unbewußte Geschäft der Ernährung und Stoffbildung und betreibt dieses um so nachhaltiger. Diejenigen Organe nämlich, welche diesem Theile des leiblichen Daseins dienen, also in erster Linie Magen, Herz und Lunge, stehen mit dem Großgehirn nur in sehr losem Zusammenhang, erhalten ihren Antrieb vielmehr, als sogenannte Reflexbewegungen, von gewissen im Körper vertheilten und die ganze Lebenszeit hindurch in gleichmäßiger Thätigkeit bleibenden Nerven- und Markanhäufungen. So ist die Kraft ausgabe des Centralorgans im Schlafe auf das geringste Maß eingeschränkt, während die Zufuhr von Blut und, in diesem enthalten, von Sauerstoff und Kohlenstoffverbindungen im regsten Grade vor sich geht, um Gehirn und Nerven für die Arbeiten des nächsten Tages von neuem zu stärken. Somit ergiebt sich der Wechsel von Wachen und Schlafen gleichzeitig als ein abwechselndes Hervortreten der bewußten geistigen oder körperlichen Lebensthätigkeit am Tage und der unbewußten ernährenden Thätigkeit der unwillkürlich arbeitenden Organe während der Nacht.
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Wie Du mir –
Es soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, daß die
Grundzüge dieser Lehre vom Schlafen bereits in der ersten Hälfte
unseres Jahrhunderts, als die Physiologie im allgemeinen noch
weit hinter ihrem heutigen Stande zurück war, von Schopenhauer
in sehr klarer Weise aufgestellt worden sind. Der scharfsinnige
Philosoph war, unbeschadet seiner sonstigen Geistesrichtung,
unermüdlich in dem Bestreben, die naturwissenschaftlichen Fortschritte
seiner Zeit zu verfolgen und sich anzueignen, und namentlich auf
dem Gebiet der Physiologie verrathen seine Schriften ein hervorragendes
Wissen und eine unübertreffliche Kombinationsgabe.
Nachdem er als Zeugen für die mehr geistige, d. h. auf das
Gehirn bezügliche, Bedeutung des Schlafes eine Reihe der größten
Denker aller Zeiten aufgeführt hat, deren fester und langer Schlaf
mit ihrer eindringenden Geistesarbeit Hand in Hand ging, spricht
er sich folgendermaßen aus: „Vieles Denken wird demnach das
Bedürfniß des Schlafes vermehren. Daß aber auch fortgesetzte
Muskelanstrengung schläfrig macht, ist daraus zu erklären, daß
bei dieser das Gehirn fortdauernd, vermittelst des verlängerten
Marks, des Rückenmarks und der motorischen Nerven, den Muskeln
den Reiz ertheilt, der auf ihre Beweglichkeit wirkt, dasselbe also
dadurch seine Kraft erschöpft: die Ermüdung, welche wir in
Armen und Beinen spüren, hat demnach ihren eigentlichen Sitz
im Gehirn; ebenso wie der Schmerz, den diese Theile fühlen,
eigentlich im Gehirn empfunden wird ... Die Muskeln,
welche nicht vom Gehirn aktuiert (bewegt) werden, z. B. die des
Herzens, ermüden eben deshalb nicht. Eben deshalb ist es
erklärlich, daß man sowohl während als nach großer Muskelanstrengung
nicht scharf denken kann.“
Soviel über die Natur des Schlafes im allgemeinen. Kommen wir nunmehr zum Mittagsschlaf im besonderen.
Den besten Anhalt zu seiner Erklärung bietet die obenerwähnte Spaltung der Lebensvorgänge in bewußte und unbewußte; unter die ersteren rechnen wir sowohl die geistigen als die körperlichen, mit Absicht und Bewußtsein ausgeführten Willensakte, während die letzteren alle der Ernährung und dem Wachsthum des Körpers dienenden, unwillkürlichen Vorgänge umfassen. Scheinbar besteht ja auch schon zwischen den beiden Arten der bewußten Thätigkeit eine tiefgehende Spaltung, indem man bei starkem Nachdenken nicht zu körperlicher Arbeit geneigt ist und umgekehrt, doch dürfen wir mit Schopenhauer als ziemlich gewiß annehmen, daß beide, vom Gehirn gelenkt, auch in annähernd gleicher Weise auf dasselbe zurückwirken und somit voneinander weniger verschieden sind, als es den Anschein hat. Es erklärt sich ja auch bei dieser Annahme sehr ungezwungen, weshalb das Gehirn, dessen Arbeit sich größtentheils in Bewegungsreize umsetzt, für geistige Thätigkeit keine Spannkraft mehr besitzt, und weshalb umgekehrt der geistige Arbeiter nicht in derselben Weise über seine Muskeln verfügen kann wie der Turner oder der Schmied. Ganz anders aber ist es mit der unbewußten, „reproduktiven“, d. h. mit derjenigen Lebensthätigkeit, welche unausgesetzt bemüht ist, den im Kampf ums Dasein sich verzehrenden Körper wiederherzustellen. Sie ist in ihrem Wirken der bewußten Thätigkeit gerade entgegengesetzt: diese verzehrt, jene aber baut auf, und es ist leicht erklärlich, daß sie ihre stille Wirksamkeit dann am besten entfalten kann, wenn das Gehirn seine verzehrende Arbeit auf kurze Zeit einstellt, daß sie also im Schlafe ihre größte Kraft entfaltet und ihre größten Erfolge, sei es in der bloßen Kräftigung des gesunden, sei es in der Heilung des kranken Körpers, erzielt.
Unter allen Zweigen der unwillkürlichen Lebensthätigkeit – hier treffen wir plötzlich den wahren Grund des Mittagsschlafs – ist
Verschiedene: Die Gartenlaube (1893). Leipzig: Ernst Keil, 1893, Seite 44. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1893)_044.jpg&oldid=- (Version vom 30.12.2024)