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| Verschiedene: Die Gartenlaube (1893) | |
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nun die Verdauung und Blutbildung die wichtigste und den
Organismus am stärksten beanspruchende. Denn was es auch
für Stoffe sind, deren die Einzelorgane zu ihrer Erhaltung bedürfen,
stets muß es der kreisende Strom des Blutes sein, dem sie
entnommen werden, und stets ist es die Thätigkeit des Magens und
Darms, die das verbrauchte Blut mit frischen Verbrennungsstoffen
sättigt. Kein Wunder also, wenn wir beständig mehr, als wir
es eingestehen mögen, unter der Herrschaft unseres Magens stehen!
Dazu kommt, daß mit der je nach den Mahlzeiten regelmäßig
ab- und zunehmenden Verdauungsarbeit, der sogenannten Chylus-
oder Speisesaftbildung, auch die übrigen Zweige der inneren
Körperthätigkeit eine gleichmäßige Verlangsamung oder
Beschleunigung erfahren; daß die Herzthätigkeit ebenso wie die
Lungenarbeit sich nach der Hauptmahlzeit bedeutend steigert. Man
findet an der Hand von E. Smiths Untersuchungen, daß die durch
eine einzelne Atmung in die Lungen gezogene Luftmenge mittags,
im Höhepunkt der inneren Lebenstätigkeit, 32 Kubikzoll,
in den ruhigsten Stunden der Nacht dagegen nur 18, im Durch-
schnitt aber 26 Kubikzoll beträgt. Weit weniger schwankt der
Blutumlauf, immerhin aber erweist auch er sich von der Thätigkeit
der Verdauungsorgane in hohem Maße abhängig – z. B. stieg
beim Verfasser dieses Aufsatzes die Anzahl der Pulsschläge
mehrfachen Beobachtungen zufolge nach dem Mittagsmahl um volle zehn
Schläge in der Minute – und trägt ebenfalls dazu bei, in den
Stunden der Verdauung das ganze unbewußte Arbeiten des
Körpers auf den Höhepunkt seiner Leistungen zu treiben. Daß
unter diesen Umständen für die Thätigkeit der bewußten Organe
wenig Spannkraft übrig bleibt, ist begreiflich; jedermann weiß,
wie wenig Geist und Gliedmaßen unmittelbar nach der
Hauptmahlzeit zur Arbeit geneigt sind, ja daß schon die Lust zur
Führung angeregter Gespräche, möge sie auch während des Essens noch
so lebhaft sein, bald nach der Mahlzeit, wenn die Verdauung
beginnt, wesentlich erlahmt.
So läßt sich die Schläfrigkeit nach Tische ungezwungen erklären, und es ist durchaus gerechtfertigt, ihr nachzugeben, indem man dem Geiste für kurze Zeit unbedingte Ruhe gewährt und den Körper gänzlich den inneren Kräften zum Tummelplatz überläßt – wohlverstanden, auf ein Viertelstündchen. Denn übertritt man dieses Gebot, so stellt sich in engstem Zusammenhange mit dem Schlafe flugs eine andere Erscheinung ein, welche innerhalb kurzer Zeit genau das Gegentheil von dem herbeiführt, was man beabsichtigt, nämlich den Ernährungsprozeß, anstatt ihn zu begünstigen, geradezu hemmt.
Wir sagten oben, daß die Thätigkeit des Herzens und der Lunge ihren Anreiz anstatt aus dem Gehirn aus anderen, von diesem unabhängigen Nervencentren erhält. Nichtsdestoweniger besteht aber doch ein gewisser Zusammenhang zwischen dem Gehirn und diesen Organen, deren Arbeit deshalb durch geistige Vorgänge immerhin etwas beeinflußt werden kann und anscheinend auch beständig beeinflußt wird. So wissen wir, daß die seelisch anregenden Stoffe Wein, Kaffee, Narkotika, auch anstrengendes Denken – den Herzschlag beschleunigen. Carl Vogt erinnert in seinen physiologischen Briefen nach dem römischen Schriftsteller Valerius Maximus an einen Fall von Selbstmord durch willkürliche Verlangssamung und endliches Stocken des Herzschlages. Dasselbe sollen sehr willenskräftige Naturen durch Anhalten des Athems vollbracht haben, während die gewöhnliche Natur lediglich hemmend oder antreibend auf die Thätigkeit der Lunge einzuwirken, nicht aber sie ganz zum Stillstand zu bringen vermag.
Die äußere oder willkürliche Erregung von Herz und Lunge muß nun während des Schlafs, wenn also das Gehirn unthätig ist, ausfallen; in der That geht der Herzschlag und, wie oben gezeigt, noch weit mehr die Athmung während des Schlafs bedeutend zurück, ohne daß dadurch die heilsame Wirkung desselben wesentlich beeinträchtigt würde, denn für den ruhenden, nichts verausgabenden Körper ist auch diese eingeschränkte Thätigkeit der inneren Lebenskraft von Vortheil. Ganz anders aber, um auf unser Thema zurückzukommen, stellt sich die Sache, wenn diese verminderte Thätigkeit von Herz und Lunge bald nach der Hauptmahlzeit eintritt. Während der ersten Viertelstunde Schlafs wird sich ein solches Herabgehen kaum bemerkbar machen, weil die regelmäßig schwingenden Massentheilchen des Gehirns und der Nerven ihre Bewegung nicht mit dem Einschlafen ohne weiteres abbrechen, sondern sie gleichsam ganz allmählich ausklingen lassen und durch diese Nachklänge ihrer früheren Erregung den Organen der Athmung und des Blutumlaufs über die erste Zeit hinweghelfen. Allmählich aber nimmt dieses Nachschwingen der Bewegungsnerven und mit ihm die bewußte Erregung der betroffenen Organe ab, hört gänzlich auf und das Herz, vor allem aber die Lunge, verfallen in ein matteres Tempo gerade zu der Zeit, da der Körper ihrer am meisten bedarf.
Denn die Verdauung, gänzlich unabhängig vom Gehirn, arbeitet im Schlafe ungestört weiter, führt den Geweben immer neue Mengen von Speisesaft zu und verlangt gebieterisch deren Weiterschaffung durchs Blut und ihre Speisung mit Sauerstoff in den Lungen. Kommt schon das Herz des Schlafenden dieser Forderung nur träge nach, so versagen die Lungen vollends den ausreichenden Dienst, denn abgesehen von ihrer Behinderung durch den Schlaf an sich, hemmt obendrein das nach dem Essen durch den angefüllten Unterleib nach oben getriebene Zwerchfell ihre Bewegung. Die Folgen dieses ungünstigen Zusammentreffens sind leicht einzusehen. Zunächst müssen durch die Stauung des neugebildeten und durch den Pulsschlag nicht genügend schnell fortgeschafften Blutes Kongestionen entstehen, welche uns, anstatt frisch und gestärkt, müde und mit dem Gefühl von Ueberfüllung aus einem solchen ausgedehnten Mittagsschlaf erwachen lassen; dann aber strömt das wirklich in Umlauf versetzte Blut immerhin noch in einer Menge durch die Lungen, die viel zu groß ist, um mit Sauerstoff hinreichend gesättigt zu werden. Erinnern wir uns nun, daß wir gerade die Ernährung des Gehirns mit sauerstoffhaltigem Blute als Zweck des Schlafes und den Mangel des Gehirns an Sauerstoff als Ursache der Ermüdung gefunden haben, so begreifen wir, weshalb man nach einem zu langen Nachmittagsschlaf eher Ermüdung als Erholung empfindet. Kann sich doch nach Versuchen und Erfahrungen schließlich tiefe Ohnmacht als Folge eines andauernden Sauerstoffmangels im Blute einstellen, während als anderes Extrem das Einathmen stark sauerstoffhaltiger Gase (Lustgas) eine unbezwingbare und übermäßige Erregung des Gehirns und der Nerven hervorruft. Es ist nun auch verständlich, weshalb – eine vom Verfasser und gewiß von vielen Lesern am eigenen Leibe beobachtete Thatsache –
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– So ich Dir!
Verschiedene: Die Gartenlaube (1893). Leipzig: Ernst Keil, 1893, Seite 45. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1893)_045.jpg&oldid=- (Version vom 30.12.2024)