Seite:Die Gartenlaube (1894) 107.jpg

Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
verschiedene: Die Gartenlaube (1894)

Die Eigenart dieser noch jungen Erfindung liegt in der Form ihrer „Propeller“. Diese bestehen nämlich weder aus Schrauben noch aus Schaufelrädern, sondern aus acht länglichen Flügeln, denen der Libelle ähnlich, welche paarweise zu beiden Seiten des cylindrischen Flugkörpers angebracht sind. Im Auf- und Abschlagen erzeugen sie, ähnlich den Flügeln der Vögel und Insekten, einen so starken Vorwärtstrieb, daß dadurch nach den Versuchen des Erfinders die Wirkung von Schraubenflügeln um das Dreifache übertroffen werden soll. Bedenkt man, daß die häufig ungeheuren Flugleistungen der Vögel lediglich durch dieselbe Schlagbewegung der Flügel erreicht werden, so liegt durchaus kein Grund vor, an den Angaben Compaguons zu zweifeln, und man darf sich nur darüber wundern, daß dieses Fortbewegungsprinzip erst so spät in die Flugtechnik eingeführt worden ist. Noch günstiger stellt sich die Wirkung der neuen Erfindung dadurch, daß nun zum erstenmal der Antrieb in den Ballon selbst, anstatt in die Gondel verlegt worden ist. Alle früheren Versuche krankten an dem Uebelstande, daß die Schrauben oder Räder ihre Kraft zunächst nur an die Gondel abgaben und der Ballon lediglich mitgezerrt werden mußte. Compaguon vermied diesen Uebelstand dadurch, daß er die gaserfüllte Hülle seines Ballons in der Mitte durch einen freien Raum unterbrach, der, von der Gondel aus erreichbar, den gesamten Antriebsmechanismus enthält. Ein Getriebe von Rädern und Hebeln steht hier im Innern mit den Flügelpaaren in Verbindung und entwickelt hinreichend Kraft, um den Schwingen eine Bewegung von 250 Schlägen in der Minute zu erteilen. Wie die Abbildung S. 106 zeigt, bildet das ganze Luftschiff einen äußerst einfachen, einheitlichen Bewegungskörper, an dem die kleine Gondel lediglich als ein kleines Anhängsel sich ausnimmt.

Wenn nun auch der Compaguonsche Ballon, trotz der günstigen Ergebnisse, die bei Versuchen damit erzielt worden sind, noch keineswegs als das vollkommene Ideal des lenkbaren Luftschiffes gelten kann, so ist anderseits nicht mehr zu leugnen, daß wir hier vor recht befriedigenden und brauchbaren Erfolgen stehen. Eine andere Frage ist freilich die nach dem praktischen Nutzen der gelungenen Erfindung für die Verkehrszwecke im großen – das Ziel, welches doch schließlich allen Bestrebungen der Luftschifffahrt als höchster Preis vorschwebt – und die Antwort auf diese Frage würde, selbst wenn die Brauchbarkeit des Luftschiffes über allem Zweifel stünde, dennoch ein Achselzucken bleiben müssen. Welchen Wert für den Verkehr könnten jemals diese Luftschiffe erhalten, welche kaum mehr als ein, höchstens einige Dutzend Personen gleichzeitig zu befördern imstande sind. Ein Eisenbahnzug faßt über 1000 Passagiere, 4000 und mehr Centner an Lasten; ein Seeschiff vereinigt in seinem Riesenbauch 1000 Reisende und 20000 Centner Frachtgüter – und das lenkbare Luftschiff, mit seiner Tragfähigkeit von 50 Centnern, sollte den Verkehr in umwälzender Weise beeinflußen? Man sieht, wenn nicht noch andere Hilfsmittel dazukommen, so ist es mit der langersehnten Verkehrsstraße durch die Luft – noch lange nichts!

Indessen haben andere Forscher und Erfinder ihre Bemühungen in der That dem „aerostatischen“, d. h. durch die Tragkraft leichter Gase unterstützten Luftschiff zielbewußt zugewandt. Daß dem bloßen Luftballon, selbst bei vollkommener Lenkbarkeit und Beweglichkeit, diese Aufgabe nie gelingen werde, lehrte die einfachste Rechnung, dagegen bot sich dem Beobachter des Vogelfluges eine gewisse, besonders von den Raub- und Seevögeln ausgeübte Flugart, welche dem ersehnten Ziel näher zu führen schien. Man sieht diese Vögel nämlich häufig, ohne daß sie einen Flügel rühren, in langen Wellenlinien und mit ungeheurer Geschwindigkeit die Luft durchschneiden und muß sich sagen, daß es bei diesem FLuge einzig und allein die Atmosphäre sein kann, welche das Gewicht des Vogelkörpers trägt. Zur Erklärung dieses sogenannten „Segelfluges“ nimmt man an, daß der Vogel sich, möglichst gegen den Wind gerichtet, mit seinem vollen Gewicht der Luft entgegenwirft und nun, vermöge der günstigen Form seiner Flügel, förmlich auf dem Winde abwärts gleitet wie ein Wagen auf geneigter Strecke. Am tiefsten Punkte seiner Bahn braucht sich dann der Segler nur etwas aufzurichten, um durch die Schwungkraft des Abwärtssausens und den Luftwiderstand drachenartig wieder emporgetragen zu werden und sich aus der erreichten Höhe von neuem fallen zu lassen.

Auf der Bahn dieses Segelfluges bewegen sich die Bemühungen einer ganzen Anzahl von Luftschiffern, und Proben dieser Art liegen vor in den zwei Flugapparaten von Lippert und Platte. Der Wiener Ingenieur Lippert will die hebende Kraft der Atmosphäre durch ein ganzes System von Segelflächen auffangen, welche durch Schnüre oder Gestänge verbunden sind, an geeigneten Punkten ein oder mehrere Fahrzeuge zur Aufnahme von Menschen oder Lasten enthalten und je nach ihrer Schrägstellung entweder auf dem Winde abwärts gleiten, oder mit kräftigem Schwunge von ihm emporgetragen werden. Vorbehalten bleibt dabei, die Fahrzeuge wenigstens anfänglich durch große, dreiseitige Gassäcke, welche etwa in die Falten der einzelnen Segelflächen mit eingenäht werden können, teilweise zu entlasten, so daß dem Winde nur noch die Hebung des Uebergewichtes zufiele. Eine ähnliche Rolle spielt das Gas beim Platteschen Luftschiff, welches, in riesigen Größenverhältnissen gedacht, zum größten Teile durch einen ringförmigen, die Wandung des Ganzen bildenden gasgefüllten Tragballon entlastet wird, während seine Hauptwirkung darauf beruht, daß es sich wie ein Adler oder Habicht von hochgelegenen Punkten in die Tiefe stürzt und die dabei erlangte lebendige Kraft, im Verein mit der hebenden Wirkung des Windes, in derselben Weise zum Ansteigen benutzt, wie dies auch der Vogel beim Segelflug thut.

Wir brauchen den Leser übrigens kaum zu versichern, daß wir die letztgenannten Erfindungen, trotz ihrer anscheinend ganz vernünftigen Grundlagen, nicht für ernsthafte Lösungen der Luftschiffahrtsfrage halten, und so sei es denn mit dem Platteschen Phantasiestück genug von der Luftschiffahrt unter Benutzung von Gasballons. Wenden wir uns nun den Bestrebungen zu, die Atmosphäre nur mit Hilfe mechanischer Arbeit zu meistern, so finden wir auch da eine nicht geringe Mannigfaltigkeit der Lösungsversuche. Bald mit Maschinenkraft, bald ohne dieselbe und im bloßen Vertrauen auf die menschliche Kraft, bald mit Schraubenflügeln von der verwickeltsten Form, bald mit einfachen Ruderschlägen denkt man sich in der Schwebe zu halten.

Delprads Luftvelociped.

Am längsten findet sich die Ansicht verfochten, daß es mittels sich drehender, den Schiffsschrauben ähnlicher Schraubenräder gelingen müsse, sich sowohl in die Luft emporzuheben, als auch in horizontaler Richtung vorzudringen. Jedem Leser sind ohne Zweifel die kleinen als „Schraubenflieger“ bezeichneten Kinderspielzeuge bekannt, deren Wirksamkeit darin besteht, daß eine kleine Blechschraube durch das Abziehen einer Schnur in schnelle Umdrehung versetzt wird und sich nun zu beträchtlicher Höhe emporschraubt – ein einfaches und unwiderlegliches Beispiel dafür, daß es keine Unmöglichkeit ist, mittels geeigneter Luftschrauben auch den Menschen zum Aufsteigen in die Luft zu befähigen. An Versuchen hat es nicht gefehlt, und im Jahre 1878 gelang es in der That dem Professor Forlanini in Mailand, das Modell eines Dampfflugapparates herzustellen, das sich mehrmals bis zu 15 Meter emporhob. Indessen auch Forlanini stellte seine Arbeiten bald wieder ein, wahrscheinlich weil er einsah, daß das Fliegen von nur geringem praktischen Wert bliebe, solange zur Beförderung eines einzelnen Menschen eine Maschinenkraft von mehrere Pferdestärken erforderlich sei. Man hat denn auch genugsam versucht, den Schraubenflug lediglich mit den Muskelkräften des Menschen selbst zu bewerkstelligen, und der jüngste derartige Versuch liegt uns in dem Delpradschen „Luftvelociped“ vor; indessen ist doch zu befürchten, daß diese Maschine das Schicksal aller ihrer Vorgängerinnen teilen und nach kurzen, mißglückten Versuchen wieder der Vergessenheit anheimfallen werde. Der Erfinder hat seinen Apparat mit allen Mitteln der Neuzeit

Empfohlene Zitierweise:
verschiedene: Die Gartenlaube (1894). Ernst Keil's Nachfolger, Leipzig 1894, Seite 107. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1894)_107.jpg&oldid=- (Version vom 22.1.2026)