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| Verschiedene: Die Gartenlaube (1894) | |
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Auftrieb erfahren und sogar in der Richtung ihrer Bewegung fortgezogen werden. Auf diesen so wichtigen Thatsachen aber baut sich merkwürdigerweise Wellners Erfindung nur zum kleinsten Teil auf; sie wirkt in der Hauptsache durch Luftwirbel oder Pressungen, welche von eigentümlich geformten Schaufelrädern unter den schmalen, schiffsartigen Körper des Apparates geschleudert werden und ihn gewissermaßen tragen sollen. Suchen wir uns mit Hilfe der neben stehenden Abbildung den Hergang klar zu machen. Durch den im Tragkörper befindlichen Motor A werden die Segelräder zu beiden Seiten rasch in der Richtung der Pfeile umgedreht. Dabei werden die einzelnen Schaufeln dieser Segelräder durch die Excenter E so in ihrer Stellung verändert, daß sie mit ihren Vorderkanten oberhalb des Mittelpunktes stets auswärts, unterhalb desselben aber einwärts gedreht werden und so fortwährend die stärkste mögliche Hebekraft entfalten. An der inneren Seite sind sie durch schief zur Flugrichtung gestellte Rippen versteift, die zusammen gleichsam eine große unterbrochene Schraube bilden. Diese Rippen übernehmen die Vorwärtsbewegung. O und U sind vorn oben und rückwärts unten angebrachte drehbare Ruder zum Zweck der Steuerung des Fahrzeugs. Ob der Erfolg der erwartete sein wird, bleibt trotz der rechnungsmäßigen Unterlagen noch zu bezweifeln, da wir mit den Gesetzen der bewegten Luft noch durchaus nicht so innig vertraut sind. Jedenfalls aber würden wir auch in der Segelrad-Flugmaschine vor einer Erfindung stehen, welche bei ihrem Kraftaufwand von 80 bis 100 Pferdestärken für eine Last von wenigen Personen doch wohl nur ein Privilegium für wenige bleiben würde.
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Wellners „Segelrad-Flugmaschine“: Stirnansicht.
Kein entscheidender Haupterfolg, aber ein langsames Vorrücken auf verschiedenen Punkten, das ist der Gesamteindruck, den wir bei einem Rückblick auf die geschilderten Versuche gewinnen. Am fernsten einer Lösung steht noch das Problem einer Massenbeförderung von Menschen und Gütern durch die Luft. Und doch wäre von einer solchen erst jene tiefgreifende Veränderung unserer gesamten Lebens- und Verkehrsverhältnisse zu erwarten, in deren Ausmalung sich zu ergehen für Forscher und Laien ein gleich angenehmes Vergnügen ist. Was fingen der Privatmann noch mit Zaun und Mauer, die Staaten noch mit Wällen und Gräben an, wenn der Mensch nicht mehr dem Wurme gleich am Boden zu kriechen verurteilt wäre? Was würde aus den Zollschranken, wenn den Schmugglern der ganze Luftraum zur Verfügung stände, was hätten Staatengrenzen überhaupt noch für einen Sinn, wenn sie nicht bloß von den eisernen Schienen und dem elektrischen Draht, sondern auch noch von Tausenden von Flugmaschinen überbrückt würden? Breite Ströme und tiefe Thäler, ja das Hochgebirge und selbst die Fluten des Meeres müßten den letzten Rest von verkehrshemmender Wirkung einbüßen, der ihnen heute noch anhaftet. Und wenn es keine Grenzen der Staaten mehr giebt, dann giebt es auch keine Kriege um diese Grenzen mehr, der ewige Völkerfriede wäre das naturnotwendige Endergebnis des vollkommen gelösten Flugproblems! Ist es ein Wunder, daß solche Zukunftsbilder selbst auf nüchtern Denkende einen gewaltigen Reiz ausüben, daß schwärmerisch veranlagte Gemüter durch solche Träume ganz dahingerissen werden, bis zu vollständiger Verkennung des weiten und schwierigen, ja dem menschlichen Vermögen vielleicht ganz verschlossenen Weges, der die Menschheit noch von diesem Ziele trennt!
Wir haben manches gelernt und manches erreicht. Aber die Fabel von Ikarus, der im Uebermute zu hoch flog und sich die Flügel an der Sonne versengte, hat auch für das heutige Geschlecht noch nicht ganz ihre Bedeutung verloren.
Zwei thüringer Volkslieder.
Wie die weißen flatternden Fäden im Spätsommer – „Mariengarn“ nennt sie der Volksmund – so schwirren auch die Töne zu allen Zeiten und Stunden in der Luft umher, drängen sich an Ohr und Herz, wollen festgehalten sein und flüstern geheimnisvoll: „Wir haben dir etwas zu erzählen, wenn du zuzuhören verstehst!“ Solch Zuhören aber erscheint mir allezeit leicht und lohnend, denn im Nu reiht sich da Melodie an Melodie, es erhebt sich vor uns ein musikalischer Bau, ein Luftschloß, an dessen Fenstern die verschiedenartigsten Gestalten erscheinen, aus allen Zeiten, und jede von ihnen hat ihre Geschichte, und eine hängt eng mit der andern zusammen. Diesmal waren es lauter thüringer Kinder, alte und junge, die sich von dem mich umspinnenden Tongewebe abhoben, musikalische Charakterköpfe, von denen mir zufällig ein schönes Cello erzählte.
In einem Privatsalon Wiesbadens hatte ich eines Abends ein Kind Thüringens spielen hören, den Kammervirtuosen Oskar Brückner aus Erfurt. Wir saßen nachher noch beisammen in traulicher Unterhaltung und Brückner erzählte von seiner Lehrzeit bei Altmeister Grützmacher in Dresden, von der Art der Unterweisung und Auffassung Grützmachers und gab dazu die interessantesten Beispiele auf seinem schönen Instrument. Es war gleichsam ein Duo: schwieg Oskar Brückner, der Erzähler, nahm das Cello des Künstlers das Wort, und wie melodisch und beredt erschienen dann die Töne! Wir konnten kein Ende finden mit Zuhören. Endlich aber, als das Instrument zu Bett gebracht werden mußte – es war längst nach Mitternacht – und wir an den Aufbruch dachten, neigte Brückner sich noch einmal über sein Cello, und es glitt wie ein Hauch, wie ein Traum von seinen Saiten. Eigentlich war es nur der Schatten einer Melodie, und doch erkannte ich sie sofort: ein Schülerchor hatte sie einst, vor langer, langer Zeit, in Leipzig irgend einem scheidenden Lehrer gesungen. Ich erinnerte mich, daß jenes Lied die Ueberschrift trug „Der Wanderer“. Und wie man Worte rascher vergißt als Töne und Klänge, so ist mir vom Text kaum mehr als der Anfang und der Refrain geblieben. Er lautete:
„Wenn ich den Wandrer frage:
Wo willst Du hin? –
Nach Hause, nach Hause!“
Und das klagende Schlußwort hatte sich mir damals ins junge Herz geprägt:
„Hab’ keine Heimat mehr!“ – –
Aber auch noch andere waren da an jenem Abend, die sich aus der Jugendzeit eben dieses Liedes noch lebhaft erinnerten, das sie selber einst mitgesungen hatten; und so stürmten, als das Cello schwieg, Fragen über Fragen auf den Spieler ein, wie er denn eben jetzt zu jener längst verklungenen Melodie gekommen sei. Der Künstler aber entgegnete lachend: „Nun, weil wir alle jetzt endlich selber ,nach Hause’ wandern müssen, denke ich, und weil kein Geringerer als unser Silcher diese Melodie für Männerchor ausarbeitete, nachdem er hin und her, öffentlich und privatim, nach dem eigentlichen Komponisten geforscht. Der wirkliche Komponist dieser allbekannten Weise aber ist mein alter Vater in Quedlinburg!“
Und da reihen sich denn verschiedene Bilder aneinander, die an jenem Wandererliede hängen, das einst kein Männergesangverein in seinem Repertoire fehlen lassen durfte – ich versuchte,
Verschiedene: Die Gartenlaube (1894). Leipzig: Ernst Keil, 1894, Seite 109. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1894)_109.jpg&oldid=- (Version vom 22.3.2026)