Seite:Die Gartenlaube (1894) 488.jpg
| Verschiedene: Die Gartenlaube (1894) | |
|
|
dar, der während meiner Kindheit auf mich gewirkt hat, denn die Maruschka konnte ich schlagen oder liebkosen, sie war für beides gleich dankbar, für ersteres vielleicht mehr, weil es öfter vorkam. Später wurde einem Hauslehrer, einem Russen, die Aufsicht über mich übertragen, aber dieser trank und spielte mit meinem Onkel, statt sich um meine Bildung zu kümmern. Tagelang durchstreifte ich nun auf flinken Pferden die Steppe, sah glutrot die Sonne über ihr untergehen und lag, den Kopf auf dem Sattel, die Nacht hindurch träumend im feuchten Steppengras oder trieb mich in Kosakendörfern umher, oft meilenweit entfernt vom Gutshofe. Aelter werdend, fühlte ich heraus, daß ich der Herr, daß dies ganze Besitztum mein Eigen sei, eine Herrschaft, weiter als das Auge reichte. Ich konnte stundenlang reiten und war immer noch der Herr des Bodens, den meines Pferdes Hufe berührten. Mein Onkel hatte das Prügeln aufgegeben, seit ich ihm eines Tages die Faust unter die Nase gehalten hatte. Nun sollte ich nach Moskau in ein Institut, ich lachte den Onkel aus und ging nicht. Es hätte mich wohl reizen können, in die Stadt zu kommen, aber mich hielt etwas fest, das stärker war als die Sehnsucht nach der Fremde.“
Der Prinz schwieg einen Augenblick und beugte lauschend das Haupt zur Seite, aus einem Nebenkabinett ertönte Gläserklang, das helle Lachen einer Frauenstimme, lebhafte Unterhaltung.
„Lebenskünstler!“ sagte der Russe sarkastisch, mit dem Kopf eine Bewegung nach der hinter ihm liegenden Wand machend. „Noch eine Cigarette gefällig? Aber Sie langweilen sich wohl bei meinen Reminiszenzen. Nicht? Wirklich nicht? Nun gut, mir thut es wohl, einmal wieder von diesen Dingen zu plaudern, und Sie sind der Schwager der Baronin, Sie sollen mich kennenlernen. Also: wo war ich doch stehen geblieben? Richtig! Ich war mit der Zeit achtzehn Jahre alt geworden, ein fast zur vollen Größe ausgewachsener Jüngling. In einem entfernt gelegenen Kosakendorf hatte ich sie gesehen, als sie an der Cisterne Wasser schöpfte für mein durstiges Pferd. Wie eine Gazelle schlank, schmiegsam, zwei Zöpfe im Nacken so dick wie meine Faust und rote Lippen mit Zähnen dazwischen wie die des Steppenfuchses. Es erwachte in mir jenes Gefühl, das die Menschen Liebe nennen, und zwar für dieses Mädchen, das Kind eines armen Kosaken. Mit der ängstlichen Scheu der erwachenden ersten Liebe näherte ich mich ihr; sie war nicht unfreundlich. Wie das Blut in den Adern kochte in stillen warmen Sommernächten, wenn wir mit den andern Paaren nach dem Klange der Kosakenlieder um das Feuer tanzten! Wie die Röcke flogen und die Glieder sich dehnten! Bei alledem aber wagte ich kaum, sie zu berühren.
Endlich eines Abends – wir standen nach dem Tanze dicht am Zaun, hinter dem das Schnauben und Prusten der Pferde in die stille Nacht tönte. Am Himmel die Sterne so klar und glitzernd und im Osten der Mond wie eine Brandfackel am Himmel aufflammend. Wie alles dann kam, ich weiß es nicht, obgleich ich glaube, eine ziemlich dumme Rolle gespielt zu haben. Ich fühlte ihren heißen Atem auf meinen Lippen, ihre weichen Arme an meinem Halse, ich küßte sie und erbebte bis ins Mark bei dem Sturm, der mir zum Kopf raste. Ein Gefühl war in mir, als hielte mich der Teufel mit eiserner Faust an den Haaren. Da stieß ich sie von mir mit einem Schrei, mit zwei Sprüngen war ich neben meinem Pferd, im nächsten Augenblick jagte ich in die nachtdunkle Steppe hinaus. War es Täuschung oder hörte ich hinter mir das Lachen einer Frauenstimme? Nach kurzem Ritt machte ich Halt. Die Bewegung, der frische Luftzug hatten mir das Blut gekühlt; ich schämte mich meiner albernen Flucht, die ganze Lächerlichkeit meines Benehmens wurde mir klar. Ich riß das Pferd herum, eilte denselben Weg zurück und schlich dann leise um das Haus ihres Vaters. Da tönte aus dem wirren Gestrüpp einer Laube leises Gespräch – ihre Stimme und die Stimme eines Mannes. Behutsam lugte ich durch das Blätterwerk. Ich glaubte zu ersticken; wie ein eisiger erstarrender Schauer ging es durch meinen Körper. Sie saß auf den Knien eines jungen Kosaken, er küßte sie und fragte: ‚Was hat der Gospodar gethan?‘ – ‚Dumm wie ein Pope, auf und davon gelaufen!‘ – ‚Laß nicht ab, mein Täubchen; er wird nicht knausern und dann bauen wir uns ein Häuschen!‘ – Ich fühlte in jener Sekunde die Wut eines gereizten Tieres in meinem Inneren. Der Mond schien klar; selbst durch das dichte Gestrüpp huschten seine Strahlen. Da sah ich, wie er sie umhalste, wie seine dicken Lippen sich auf ihr Gesicht herabsenkten – ich bezwang mich und ging mit einem unauslöschlichen Gefühl der Verachtung im Herzen. Als ich zur Besinnung kam, saß ich in einer Dorfschenke vor einer Schnapsflasche. Es war ganz gemeiner Fusel und ich trank und trank, obgleich es mir widerlich war. Dann weiß ich nur, daß mir alles lustig erschien, so rosenrot, zu komisch! Und ich lachte und lachte und trank, bis mir das Bewußtsein schwand und ich besinnungslos auf den Estrich rollte.“
(Fortsetzung folgt.)
Alle Rechte vorbehalten.
Etwas vom Gedächtnis.
Das Gedächtnis ist ein kapriciöses und launisches Wesen, einem jungen Mädchen zu vergleichen,“ – so lautet eine Bemerkung eines unserer ersten, auch in der Naturwissenschaft bedeutenden Philosophen über die Gabe des Erinnerungsvermögens, und es möchte schwer fallen, für diese wunderbarste aller menschlichen Fähigkeiten einen besseren Vergleich zu finden. Wie oft quälen wir nicht stunden-, tagelang vergeblich unseren Kopf, damit er etwas einmal Gewußtes wieder herausgebe, und dann, wenn wir, des eitlen Bemühens satt, davon abstehen, ja gar nicht mehr an den Gegenstand denken, wirft uns das Gedächtnis, wie neckend, das Gesuchte von selbst in den Schoß. Oder eine Melodie summt und klingt uns den ganzen Tag, bis zum Ueberdruß in den Ohren – der Schlaf einer Nacht liegt dazwischen, und am Morgen ist alles Bemühen, uns ihrer noch einmal zu entsinnen, vergeblich. Oder urplötzlich schießt, scheinbar ohne allen Anlaß, in uns die Erinnerung an einen schönen Augenblick der Vergangenheit herauf, dessen wir vielleicht seit Jahren völlig vergaßen; suchen wir aber weiter dem lieblichen Traum nachzuspüren, so schiebt das Gedächtnis mürrisch einen Riegel vor, all unser Pochen ist vergebens, und die Unmöglichkeit, den duftigen Schimmer, der so unvermutet vor uns auftauchte, zum genauen Erinnerungsbilde zu verstärken, kann uns schließlich wohl soweit bringen, daß wir zweifelnd fragen: war denn das, wovon eben eine schwache Erinnerung in uns aufblitzte, überhaupt einmal Wirklichkeit?
Und auch in der Art, wie es seine Gaben auf die einzelnen Menschen verteilt, gleicht das Gedächtnis einem kapriciösen Mädchen. Hier ein Gelehrter, dessen Kopf aus der ganzen Vergangenheit der Völker jedes Datum augenblicklich zur Verfügung hat und doch nicht imstande ist, die einfachsten Dinge des täglichen Lebens auf eine halbe Stunde zu behalten; dort ein einfacher, allem Wissen und Denken fernstehender Kopf, der plötzlich bei zufälligen Gelegenheiten sich von so außerordentlicher Gedächtniskraft zeigt, daß man ihm Hunderte von zusammenhangs- und bedeutungslosen Worten und Ziffern nur einmal vorzusprechen braucht, um sie ohne weiteres in derselben Folge von ihm wiederholt zu hören. Ja, es lassen sich leicht noch größere Extreme aufstellen: hier haben wir einen Knaben von acht bis zwölf Jahren, dem Alter, in welchem nachweislich die Erinnerungskraft noch am ungeschwächtesten ist, und wir sind nicht imstande, seinem Gedächtnis die einfachsten Regeln der lateinischen Sprache einzuprägen; dort wiederum stehen Gelehrte von geradezu unheimlicher Gedächtniskraft, wie der Philologe Lipsius, der sich erbot, angesichts eines dolchbewaffneten Mannes, der ihn beim ersten Versagen niederstoßen sollte, die „Historien“ des Tacitus wörtlich herzusagen, oder wie der Mathematiker Euler und der Philosoph Leibniz, deren Gedächtnis neben ihrem ungeheuren Specialwissen noch Platz für die ganze Aeneis bot.
Was ist nun das Gedächtnis? Welche Vorgänge spielen sich in uns ab, wenn sich längstvergangene Erlebnisse, einmal gehegte Gedanken, gehörte Worte oder Geschichten, plötzlich aufs neue vor unserm Geiste entrollen? Man hat über diese Fragen viel gesonnen und gestritten, ohne bis jetzt zu ganz unanfechtbaren Ergebnissen gekommen zu sein. Wo man sich früher mit einfachen, nichts- und allessagenden Worten wie „Denkkraft“, „Ideenverknüpfung“ aus der Verlegenheit half, da verlangt man heute bestimmte Erklärungen. Seit die Naturwissenschaft es mehr und mehr versucht, scheinbar übersinnliche Vorgänge des Lebens auf mechanische
Verschiedene: Die Gartenlaube (1894). Leipzig: Ernst Keil, 1894, Seite 488. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1894)_488.jpg&oldid=- (Version vom 30.12.2024)