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Ursachen zurückzuführen, haben sich ähnliche Anschauungen auch für die Erscheinungen des Denkens und der Erinnerung vielfach geltend gemacht und sind innerhalb gewisser Grenzen sicherlich nicht ohne Berechtigung. Eine andere Frage wäre es freilich, ob im Gehirn, wie es die radikalen Vertreter dieser Lehre wollen, die Grundursache aller geistigen Vorgänge zu suchen ist, oder ob wir dieses nicht vielmehr lediglich als ein Werkzeug ansehen müssen, dessen sich die in ihrem tiefsten Wesen unerkannte, ja vielleicht unerkennbare Lebenskraft zum Denken und Empfinden, wie etwa des Magens und Blutlaufes zur Ernährung bedient. Jedenfalls bietet auch bei der letzteren, gerade von den tiefsten Denkern stets bevorzugten Ansicht die Art und Weise, wie das Gedächtnis ans Gehirn gebunden ist, genug Interesse, daß es sich verlohnt, der Natur auf ihren versteckten Pfaden nachzugehen, soweit es die bisherigen Forschungen gestatten.
Schon im fünfzehnten Jahrhundert finden wir die Ansicht ausgesprochen, daß den geistigen Fähigkeiten im Gehirn je ihr besonderer Sitz zugeteilt sei, und zwar ist es der sogenannte „Hexenhammer“, jenes gelehrte und doch voll des blödesten Aberglaubens steckende Werkzeug der Hexenrichter des Mittelalters, in dem diese Anschauung ausgesprochen wird. Die Vorstellungen haben nach diesem schauerlichen Gesetzbuche ihren Sitz im Mittelgehirn, während das Erinnerungsvermögen im Hintergehirn untergebracht ist: eine Ansicht, die schon um deswillen ziemlich kindlich klingt, weil doch, falls überhaupt solche örtliche Verteilung annehmbar erschiene, das Gedächtnis auch dort, wo die Vorstellungen entstehen, offenbar nicht fehlen dürfte. Man müßte ja sonst annehmen, daß die Vorstellungen, im ursprünglichen Zustande im Mittelgehirn entstehend, alsdann diesen ihren Geburtsort gleich Bohrwürmern durchkreuzen, nur im hinteren Teil des Gehirns als Erinnerungen in verjüngter Gestalt wieder aufzutauchen.
Heute ist man von derlei abenteuerlichen Vermutungen zurückgekommen und weiß, daß überall da, wo im Gehirn Vorstellungen, seien es durch die Sinne vermittelte Anschauungen, seien es Gedankenverbindungen, gebildet werden, auch die Fähigkeit schlummern muß, sie als Erinnerungsbilder zu wiederholen. Sehr geteilt sind hingegen die Ansichten darüber, auf welche Art und Weise diese Wiedererzeugung längstvergangener Gedanken oder Erlebnisse bewerkstelligt wird, und zwar schwanken hier die Meinungen vom treuherzigsten Idealismus, der alles auf übersinnlichem Wege vor sich gehen läßt, bis zum hartnäckigsten Materialismus, der in der ganzen Gedanken- und Gedächtnisarbeit bloße Atom- oder Molekularveränderungen sieht, und nach dem, um einen Ausdruck von Carl Vogt zu gebrauchen, „die Gedanken in demselben Verhältnis zum Gehirn stehen, wie die Galle zu der Leber“. In der Laienwelt findet man besonders jene durch den Sprachgebrauch begünstigte Meinung noch weit verbreitet, daß sich die Gedanken dem Gehirn „einprägen“, d. h. erkennbare Veränderungen in demselben zurücklassen, wie etwa der vom Ton in Bewegung gesetzte Stift auf dem Wachscylinder des Phonographen. Daß weiter die Erinnerungsbilder diesen Gehirneindrücken entsprechen und demgemäß aufs notwendigste hervorgerufen werden müssen, sobald die von früheren Vorgängen zurückgebliebenen Eindrücke durch irgend welche Ursachen aufs neue erregt werden. Die Erregung kann einerseits durch den Willen des Betreffenden geschehen, der dann in seinem „Gedächtnis“ solange herumtastet, bis er auf die richtige Stelle gestoßen ist und die vielleicht vor Jahren eingegrabenen Runen entziffert hat, anderseits aber können auch äußere Anlässe, ein Wort, ein Gesichtseindruck, ja ein Geruch auf die im Gehirn lagernden Eindrücke wirken und damit die schlummernde Erinnerung wecken.
In Wirklichkeit ist auch diese Anschauung von der Wahrheit weit entfernt und wird schon dadurch widerlegt, daß das Gehirn ebensogut wie alle anderen Teile des Körpers einer fortwährenden Abnutzung (Verbrennung) unterliegt und sich ebenso unausgesetzt durch die Zufuhr des Blutes erneut und verjüngt. In diesem fortwährenden Kreislauf des Stoffes giebt es keine bleibende Stätte, welche fähig wäre, mechanische Eindrücke aufzunehmen und jahre-, ja jahrzehntelang für die Wiedererregung aufzubewahren; wenn also wirklich körperliche Vorgänge bei der Thätigkeit des Gedächtnisses eine bedeutende Rolle spielen, so muß diese Thätigkeit so beschaffen sein, daß sie durch das Werden und Vergehen des Stoffes in unserem irdischen Teile nicht gestört wird. Es giebt aber auch noch eine Menge anderer Thatsachen, welche gegen eine so einfache Erklärung des Gedächtnisses sprechen und dasselbe als eine weit verwickeltere und weit schwieriger zu enträtselnde Thätigkeit unseres Geistes kennzeichnen. Verweilen wir einen Augenblick bei einigen hervorragenden Gedächtnisleistungen aus verschiedenen Zeiten und legen wir uns dann die Frage vor, ob es möglich ist, solche Massen von Vorstellungen, wie sie hier auftreten, gleichzeitig zu späterer Benutzung im Gehirn aufzubewahren, während dieses in der That bei den meisten Menschen außer stande ist, mehr als einen einzigen Gedanken zu genau gleicher Zeit zu erfassen. Von dem Athener Themistokles wird erzählt, daß er die Namen von 20 000 Athenern gewußt habe; mehreren Feldherren des Altertums, z. B. dem Cyrus, dem Mithridates, dem Scipio und dem Kaiser Hadrian, wird die Fähigkeit zugeschrieben, jeden einzelnen Mann ihres Heeres bei Namen zu nennen. Von dem römischen Redner Hortensius erzählte man sich, daß er einmal einer den ganzen Tag dauernden öffentlichen Versteigerung beigewohnt habe, um dann, als diese zu Ende war, sämtliche verkauften Gegenstände mitsamt dem Preise und dem Namen dessen, der sie erworben, der Reihe nach aufzusagen: eine That, welche die Zuhörer ebenso in Staunen gesetzt haben mag wie die des Gesandten Kineas, der, einmal im römischen Senat vorgelassen, am folgenden Tage alle 300 Senatoren mit Namen anredete. Sind solche Leistungen schon außerordentlich, so ist beispielsweise die Erinnerungskraft des Italieners Scaliger noch mehr danach angethan, den Glauben an ein mechanisches Haften der einzelnen Eindrücke im Gedächtnis zu bannen; Scaliger nämlich brachte es in 21 Tagen dahin, die ganze, 15 210 Verse und über hunderttausend Worte zählende Ilias auswendig zu lernen, worauf sein Gedächtnis für die ganze Odyssee noch ebenfalls Platz bot. Hunderttausend Eindrücke, dem Gehirn mechanisch eingepflanzt, ohne sich gegenseitig zu stören oder zu verwischen, wer vermöchte an einer derartigen Vermutung im Ernst festzuhalten? Und welche verwickelten Seelenzustände bewahrt man unter Umständen lange Zeit hindurch im Gedächtnis auf, ohne damit das Gehirn sonderlich zu belasten! So erzählt der Schweizer Professor Aug. Forel von einer älteren ihm bekannten Dame, welche die Fähigkeit besitzt, sich eine Menge großer Musikwerke, Opern, Oratorien und dergl. nach der bloßen Erinnerung vorzustellen, ohne den Text, ohne das Anschlagen einer Note, aber mit dem vollen unbeeinträchtigten Genuß aller Schönheiten. Wem das noch nicht genügt, den erinnern wir an die bewundernswürdige Gedächtniskraft des jüngst verstorbenen Hans von Bülow, welcher die ganzen von ihm geleiteten Konzerte aus dem Kopfe zu dirigieren pflegte, ohne selbst bei stundenlang währenden Tondichtungen auch nur einer Note zu bedürfen. Halten wir daneben das ebenfalls von Forel beglaubigte Gegenstück eines berühmten Professors, der in der Zerstreuung einmal zum nicht geringen Vergnügen seiner Hörer in Unterbeinkleidern den Kollegsaal betrat, so kommt uns unbewußt wieder des Philosophen treffendes Wort auf die Lippen: „Das Gedächtnis ist ein kapriciöses und launisches Wesen, einem jungen Mädchen zu vergleichen.“
Kommen wir indessen, nach allen diesen Beispielen und der Verwerfung jener älteren Anschauung vom „Einprägen“ der Vorstellungen, zur wirklichen Erklärung: wie bewahrt das Gehirn seine Erinnerungsbilder auf?
Die verständlichste Antwort würde etwa lauten: „Genau so, wie der Turner sich seine Uebungen einprägt!“ Nicht die Riesenwellen oder Luftsprünge, nicht die Kunstgriffe sind es, die erhalten bleiben, wohl aber die Fähigkeit der Muskeln, sie auszuführen; und ebenso ist es beim Gedächtnis: nicht die Eindrücke, die Vorstellungen etc. sind es, die sich erhalten, sondern die Fähigkeit der Nerven- und Gehirnsubstanz, diese einmal empfangenen Eindrücke gelegentlich wieder zu erneuern.
Das Gehirn ist eben kein Faß, welches man mit Vorstellungen und Kenntnissen anfüllen könnte, sondern ein arbeitendes Organ, welchem, genau wie den Muskeln, diejenigen Thätigkeiten am leichtesten werden, welche es am häufigsten geübt hat. Bei einer Aufspeicherung der Erinnerungsbilder sollte man zudem geradezu meinen, daß diejenigen Bilder, welche man am häufigsten hervorkramt und benutzt, am frühesten abgebraucht und undeutlich werden müßten, aber wie oft zeigt uns nicht die Erfahrung das gerade Gegenteil! Die Erinnerungen aus unserer Kindheit nehmen wir mit bis in die spätesten Lebensjahre, eben weil das Gehirn in den frühesten Jahren am schwächsten beschäftigt ist und die wenigen Eindrücke, welche es in dieser Zeit aufnimmt, unablässig wiederholt. Die täglich von uns geübten Handgriffe, wie das Ankleiden, Waschen, werden bald zur Gewohnheit, d. h. die Erinnerung
verschiedene: Die Gartenlaube (1894). Ernst Keil's Nachfolger, Leipzig 1894, Seite 490. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1894)_490.jpg&oldid=- (Version vom 30.12.2024)