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daran wird so vollkommen, daß sie weder eines äußeren Anstoßes noch eines Willensaktes von unserer Seite, der besonderen Aufmerksamkeit, mehr bedarf. Umgekehrt schwächt anhaltender Nichtgebrauch selbst anscheinend festsitzende Erinnerungen: auch Leute, die sich lange in Italien aufgehalten haben, vergessen allmählich ihr Italienisch, wenn sie „aus der Uebung kommen“. Wer seinen Geist mißbraucht, indem er ihn täglich mit neuen Eindrücken sättigt und ihm keine Gelegenheit zum Wiederholen des Gesehenen und Gewußten bietet, der sündigt damit gegen sein Gedächtnis und wird schließlich überhaupt nicht mehr imstande sein, etwas zu „behalten“. An allzu eifrigen Romanlesern kann man diese Erscheinung beobachten, ebenso wie an allen denen, welche, außer stande, sich zeitweilig an sich selbst genügen zu lassen, beständig nach allerhand „Zerstreuungen“ jagen – schließlich werden sie in der That „zerstreut“. Zu welch großartigen Leistungen das Gehirn wiederum durch anhaltende Uebung erzogen werden kann, beweisen die oben angeführten Fälle von Gedächtniskraft, denen wir hier noch die Namen Wallis und Dase anfügen wollen. Diese beiden Mathematiker hatten es durch stete Beschäftigung mit der Arithmetik schließlich zu der fast unglaublichen Fertigkeit gebracht, im Kopf aus fünfzigstelligen Zahlen die zweite, ja die dritte Wurzel zu ziehen. An solchen und ähnlichen Beispielen aber ist in der Geschichte durchaus kein Mangel, erinnern wir nur noch – ein Gegenstück zu der oben erwähnten musikalischen Dame – an einen französischen Herrscher, Ludwig XIII., dem es ein Leichtes gewesen sein soll, den Plan eines Landes, den er genau studiert hatte, noch nach Jahresfrist mit allen Einzelheiten aus der Erinnerung aufzuzeichnen.
Daß sich die Gedächtniskraft bei den verschiedenen Menschen so verschiedenartig ausprägt, darf uns nicht wundernehmen. Sind doch die Fähigkeiten unter den Menschen ebenso mannigfaltig verteilt, und ist es doch nur natürlich, daß sich bei jedem einzelnen auch das Gedächtnis in denjenigen Fächern am meisten übt, für welche er gerade begabt ist. So spricht sich in dieser Mannigfaltigkeit des Erinnerungsvermögens nur die Wahrheit um so deutlicher aus, daß das Gedächtnis keine besondere, den sonstigen geistigen Eigenschaften an die Seite zu stellende Fähigkeit ist, die etwa tn einem eigenen Punkte des Gehirns ihren Sitz hätte, sondern daß es nur die Grundeigenschaft des Stoffes, aus dem wir bestehen, darstellt, einen einmal durchgemachten Prozeß leicht zu wiederholen. In diesem Sinne kann man sogar den Muskeln eine Art Gedächtnis zusprechen, denn sind sie nicht ebenfalls um so besser befähigt, dem Willen ihres Eigners nachzukommen, je mehr sie geübt wurden? Ja wir gehen noch weiter und finden eine dem Gedächtnis entsprechende Eigenschaft im ganzen Reiche der lebenden Natur wieder, gleichermaßen bei Pflanzen und bei Tieren. „Die organisierte (d. h. lebende) Materie, das sogenannte ‚Protoplasma‘, hat die Eigentümlichkeit, daß sie durch wiederholte Thätigkeit verstärkt, thatfähiger, durch Unthätigkeit dagegen schwächer, unfähiger wird.“ So drückt der oben erwähnte Professor Forel die von uns betonte Eigenschaft des lebenden Stoffes in kurzen Worten aus. Durch das ganze Weltall gilt das Gesetz: Thätigkeit stärkt, Unthätigkeit schwächt. Ein jedes Stoffteilchen so gut wie jedes ausgebildete Organ trägt in sich die ebenso wichtige, wie unerklärliche Kraft, eine einmal verrichtete Funktion zu wiederholen. Das Gehen, Sprechen, Schreiben, alle technischen Fertigkeiten, alle unsere zum Teil das ganze Leben begleitenden Gewohnheiten gehören hierher. Am ausgeprägtesten beobachten wir diese Regel bei dem Vorgange der Vererbung, den deshalb mehrere ausgezeichnete Naturforscher rückhaltlos als im innersten Wesen gleichwertig mit dem Gedächtnis bezeichnet haben, gleichsam als ein „Artgedächtnis“ gegenüber dem individuellen Gedächtnis. Der Instinkt, der die junge Spinne ihr Netz bauen, den Käfer das Loch für seine Larven beißen oder graben, den Vogel im Herbst wärmere Lande aufsuchen läßt, dieser Instinkt wird verständlich, wenn man ihn als das von Geschlecht zu Geschlecht reichende Artgedächtnis betrachtet.
Kommen wir von dieser Abschweifung nunmehr auf unser eigentliches Thema zurück. Offenbar ist es ein weiter Weg von der allverbreiteten Eigenschaft der Materie, sich immer wieder in denselben Formen zu geben, bis zu dem hochentwickelten Erinnerungsvermögen des Menschen. Von einer eigentlichen bewußten und selbständigen Erinnerungsthätigkeit können wir überhaupt nur bei den letzteren sprechen; denn so viele überraschende Beispiele von Gedächtnis man auch an den Tieren, besonders an Hunden, Pferden und Elefanten, schon beobachtet hat, so bleiben doch alle Erinnerungsbilder auch des klügsten Tieres an seine Begierden gebannt und sind von seinem Wissen und Willen völlig unabhängig. Alle beobachteten Beispiele dieser Art stellen, wenn auch oft in wunderbarer Verkettung, nur das Auftauchen einer angenehmen oder unangenehmen Empfindung dar, welche das Tier in der Vergangenheit hatte und welche jetzt durch einen Vorgang der Gegenwart aufs neue erwacht. Niemals dagegen wird ein Tier sich mit Absicht und Bewußtsein vergangener Dinge entsinnen können; es fehlt dazu die wichtigste Vorbedingung, das reine, vom unmittelbaren Wirken der Sinne losgelöste Denken. Das Tier lebt nur in der Gegenwart und für die Gegenwart, der Mensch aber, mehr als in dieser, in der Vergangenheit und Zukunft.
Widmen wir nun zum Schluß auch der Kehrseite unserer Frage noch einen kurzen Abschnitt. Ist die Thätigkeit des Gedächtnisses ganz an die Zellen des Gehirns gebunden, so muß die Erinnerungskraft auch die Geschicke des Gehirns teilen, eine Mutmaßung, welche durch die Erfahrung bestätigt wird. Wer hat es nicht schon mit angesehen, wie an einem Greise bei sonst noch wohlerhaltenen Geisteskräften mit dem langsamen Verfall der Blutgefäße im Gehirn eine immer weiter greifende Gedächtnisschwäche sich bemerkbar machte? Zuerst schwindet die Erinnerung an alle Dinge, welche nicht ganz eng mit den persönlichen Angelegenheiten verknüpft sind, dann verblassen auch Erlebnisse, die sonst zu den wichtigsten zählten, und schließlich kann man es wohl erleben, daß der alte Mann oder die alte Frau zehnmal in einer Stunde an ihre Umgebung dieselbe Frage richtet und die Antwort mit stets gleicher Verwunderung entgegennimmt, um sie im nächsten Augenblick schon wieder vergessen zu haben. Am längsten pflegen sich Erinnerungen an die Kindheit zu erhalten, aber in schweren Fällen verlieren sich auch diese endlich, mit ihnen fast alles geistige Dasein, und die das ganze Leben hindurch geübten Thätigkeiten des Essens, Greifens, Gehens etc. sind schließlich alles, was dem absterbenden Organismus an Gedächtnis- oder Gewohnheitsfähigkeiten übrig bleibt.
Ist die Greisenschwäche eine Form von nahezu gänzlichem Schwund des Gedächtnisses, so besteht daneben noch eine Menge von anderen teilweisen Gedächtnisstörungen. So führt eine Zerstörung des Hinterhauptlappens im Großen Gehirn zum Verlust aller Erinnerungsbilder, welche mit dem Gesicht in Verbindung stehen. Der so Betroffene sieht wohl noch, ist aber nicht imstande, das Gesehene zu begreifen und im Gedächtnis zu behalten. Ebenso bewahren die Schläfenlappen die Erinnerungsbilder des Gehörsinns, und wer dieses Gehirnteiles beraubt ist, hört wohl noch die Glocken läuten, ohne daß er indessen wüßte, was er hört. Auch von noch weniger ausgedehnten Fällen von Gedächtnisverlust berichten die Naturforscher und Aerzte. Ribot z. B. thut eines Kindes Erwähnung, welches nach einer starken Verletzung des Kopfes drei Tage lang bewußtlos blieb, dann aber vollständig genas, bis auf einen Mangel – es hatte seine sämtlichen musikalischen Kenntnisse vergessen. Ein Chirurg, durch einen Sturz vom Pferde ebenfalls bewußtlos geworden, war, nachdem er in allen sonstigen Dingen den Vollbesitz seiner Geisteskräfte wiedererlangt hatte, drei Tage lang nicht imstande, sich zu entsinnen, daß er Gatte und Familienvater sei. Aehnliches geschah einer jungen Frau, welche ihren Mann leidenschaftlich liebte und nach der Geburt ihres ersten Kindes von einer langen Ohnmacht befallen wurde. Als sie zur Besinnung kam, hatte sie sowohl ihre Verheiratung als auch die ganze seit ihrer Hochzeit verflossene Zeit vollständig vergessen. Mit Abscheu stieß sie ihren Gatten und ihr Kind zurück, und als ihre Eltern sie schließlich mit vieler Mühe überredeten, daß sie verheiratet und Mutter sei, glaubte sie es nur, weil es ihr erträglicher schien, die Erinnerung an ein Jahr ihres Lebens verloren zu haben, als ihre ganze Umgebung für Betrüger halten zu müssen.
Um die Erklärung solcher Gedächtniskrankheiten steht es bis jetzt noch schlecht; die Heilkunde giebt darüber wohl Vermutungen, jedoch durchaus noch keine Gewißheit. Mit dem eifrig betriebenen Studium des Gehirns und seiner anatomischen Beschaffenheit wird indessen allmählich auch auf diese, wie auf alle geistigen Vorgänge ein helleres Licht geworfen und vielleicht in manchen Fällen die Heilung ermöglicht werden, wo heute der Arzt und Naturforscher noch einem dunklen Rätsel gegenübersteht.
Verschiedene: Die Gartenlaube (1894). Leipzig: Ernst Keil, 1894, Seite 491. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1894)_491.jpg&oldid=- (Version vom 30.12.2024)