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uns vorübertrieben, und wenn auch in nördlicheren Breiten nicht selten Eisberge von drei- bis vierfacher Größe angetroffen werden, so gehörte doch dieser Koloß bereits zu den selbst in Seemannskreisen als „groß“ bezeichneten.
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Lawinensturz.
Woher kommen nun diese riesenhaften eisigen Boten des Nordens? Wohin tragen sie ihre erstarrten Wassermassen, die einzigen, winzigen Süßwasser-Oasen inmitten der unendlichen Salzflut des Oceans? Wie lösen sie sich von der heimischen Scholle los und welchen Gesetzen sind sie vom Entstehen bis zur Auflösung unterworfen?
Wenn der Alpentourist auf seinen Streifereien im Hochgebirge auf die mächtigen Firnfelder und Eiszungen der Montblanc-, der Bernina- oder der Finsteraargletscher stößt, so sieht er es diesen schweigenden und scheinbar ruhenden Eiswüsten nicht an, welche Veränderungen ihnen die Erdrinde verdankt und welche Kämpfe um ihretwillen in der Wissenschaft bereits ausgefochten worden sind. Diese aus den Gebieten des ewigen Schnees meilenweit in die Zone grünenden Lebens hinabreichenden Eisströme erschienen vor hundert Jahren dem Geologen ebenso harmlos und unauffällig wie heute wohl noch den meisten Touristen, welche ohne geologische Vorkenntnisse die Alpen besuchen; erst in den zwanziger und dreißiger Jahren begann man über diesen Gegenstand, veranlaßt durch die zahlreichen über ganz Europa zerstreuten Funde sogenannten „erratischen“ Gesteins, anders zu denken. Früher hatte man es vorgezogen, diese oft riesenhaften, im platten Lande ohne jedweden Zusammenhang mit den nächsten Gebirgen lagernden Gesteine aus gewaltigen, von Erdbeben, Feuerausbrüchen oder Wasserfluten begleiteten Revolutionen der Erdrinde herzuleiten, statt aus jenen langsam aber stetig wirkenden Kräften, welche in Wahrheit den weitaus größten Anteil an der Bodengestaltung der Erde haben: Wasser und Eis, Hitze und Kälte, langsame Hebungen und ähnliche Faktoren. Hatte doch selbst ein Leopold von Buch, den Humboldt für den größten Geologen seiner Zeit erklärte, sich bei der Enträtselung der kolossalen Steinfunde im nördlichen Deutschland, deren Natur unabweisbar auf die skandinavischen Gebirge als Ursprung hinwies, keinen besseren Rat gewußt als die Annahme so gewaltiger Revolutionen in den nordischen Gebirgen, daß durch deren Gewalt die oft über tausend Centner schweren Steinblöcke 1000 Kilometer weit über das Baltische Meer geschleudert worden wären, eine, wie L. v. Buch selbst in einiger Verlegenheit zugesteht, ziemlich erschreckliche Vorstellung. Und doch war die Zeit bereits gekommen, in der die Kenntnis von der gewichtigen Rolle der Gletscher und des Eises für die geologischen Vorgänge sich Bahn zu brechen begann.
In den Jahren 1815 und 1817, dann aber häufiger finden sich in geologischen Werken des Auslandes vereinzelte Andeutungen davon, daß die Frage der erratischen Funde nur durch die Annahme früherer gewaltiger Gletscher gelöst werden könne, von denen die Gesteinsmassen, sei es unmittelbar, sei es mittels schwimmender Eisberge, vom Orte ihrer einstigen Lagerung an ihre heutigen Fundorte befördert worden seien. Von da an beginnt überhaupt erst die Wertschätzung und die genauere Untersuchung der Gletscher. Merkwürdigerweise sind es für Deutschland nicht die Werke eines Geologen, in denen wir der Gletscher- und Eiszeittheorie zum erstenmal Erwähnung gethan finden; ein Roman, Goethes „Wilhelm Meisters Wanderjahre“, ist es, in welchem (2. Buch, Kapitel 10) unter längerem Hin- und Widerreden über allerlei Erdentstehungstheorien auch des Eises und der Kälte als mitwirkender Kräfte gedacht wird. Gelegentlich eines Bergfestes streitet man hin und her über die Bildung der Erdrinde; Wasser, Feuer, Gase und Meteorstürze werden zum Aufbau herangezogen, und zuletzt „wollten zwei oder drei stille Gäste sogar einen Zeitraum grimmiger Kälte zu Hilfe rufen und aus den höchsten Gebirgszügen auf weit ins Land hingesenkten Gletschern gleichsam Rutschwege für schwere Ursteinmassen bereitet und diese auf glatter Bahn fern und ferner hinausgeschoben im Geiste sehen. Sie sollten sich bei eintretender Epoche des Auftauens niedersenken und für ewig in fremdem Boden liegen bleiben. Auch sollte sodann durch schwimmendes Treibeis der Transport ungeheurer Felsblöcke von Norden her möglich werden“. Mit feinem Spott auf die damals noch allgemein herrschenden Revolutionstheorien in geologischer Hinsicht setzt dann der Dichter hinzu: „Diese guten Leute konnten jedoch mit ihrer etwas kühlen Betrachtung nicht durchdringen. Man hielt es ungleich naturgemäßer, die Erschaffung einer Welt mit kolossalem Krachen und Heben, mit wildem Toben und feurigem Schleudern vorgehen zu lassen.“ Der französische Alpenforscher Charpentier hat auf Grund dieser ersten Vertretung der Gletscherwirksamkeit sein 1841 erschienenes Werk über die Gletscher, in welchem die Wichtigkeit derselben für die Erdgestaltung zum erstenmal ausführlich und unwiderleglich dargethan worden ist, dem damals bereits verstorbenen Dichter gewidmet.
Wie wohl jedermann bekannt, ist seit mehreren geologischen Epochen das wichtigste Umbildungsmittel der Erdoberfläche der Kreislauf des Wassers, der, durch die Antriebskraft der Sonnenwärme unterhalten, ohne Unterlaß das feuchte Element aus den Meerestiefen auf die Höhen der Länder und Gebirge hebt und von dort in gewissen vorbezeichneten Wegen zum Meere zurückführt.
Verschiedene: Die Gartenlaube (1894). Leipzig: Ernst Keil, 1894, Seite 587. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1894)_587.jpg&oldid=- (Version vom 20.1.2025)