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Welche Einwirkungen auf die Erdoberfläche dabei stattfinden, erkennen wir, wenn wir unsere deutschen Ströme auf ihrem Durchbruch durch die Mittelgebirge begleiten, wenn wir bedenken, daß der Ganges und Brahmaputra in ihrem Delta ein Land größer als Bayern aufgehäuft haben, während das Delta des Niger das Königreich Württemberg, das des Mississippi Holland, das des Nils Westfalen an Ausdehnung hinter sich läßt; selbst die Donau hat sich ein Delta geschaffen, welches das Herzogtum Sachsen-Meiningen an Umfang übertrifft; um aber solche Länder, deren aufgeschwemmter Boden 10 bis 100 Meter stark ist, zu schaffen, mußten buchstäblich Berge abgetragen werden. Liegt doch beispielsweise in dem 18 Meter hohen Schwemmlande der Zwillingsflüsse Ganges-Brahmaputra eine Bodenmasse aufgehäuft, aus dem sich ein Gebirge von der Größe des Harzes und von wahrscheinlich noch bedeutenderer Höhe errichten ließe!
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Sturz und Zunge des Rhonegletschers.
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Unteraargletscher mit Moräne.
Wir wissen, daß die atmosphärischen Niederschläge den Boden in zweierlei Gestalt erreichen: als Regen im Flachlande und in warmen Gegenden, als Schnee im Hochgebirge, in den kalten Zonen und im Winter auch unter den gemäßigten Breiten. Lediglich der letztere Teil wird im Frühling und Sommer von der höher steigenden Sonne geschmolzen und reiht sich unmittelbar dem Gefälle der Bäche und Ströme ein, für Gebirge aber und Polarländer giebt es eine Grenze, jenseit deren der gefallene Schnee nicht mehr schmilzt, sondern sich aufhäuft, eine Grenze, welche in den Tropen auf die gewaltigsten Bergesgipfel, bis 5000 Meter und höher steigt, in den gemäßigten Zonen auf 3000 bis 4000 Meter, im Umkreis der Pole aber bis zum Meeresniveau hinabreicht. Sämtliche oberhalb dieser Grenze gefallenen Niederschläge müssen nun, da sie als Wasser nicht abfließen können, in fester Form zu Thale gelangen, denn wenn dies nicht geschähe, hätten sich z. B. die Alpen nach einer Berechnung des jüngst verstorbenen englischen Forschers John Tyndall allein in christlicher Zeit schon um 1600 Meter erhöhen müssen, und die Eisfelder Norwegens, Grönlands, Islands müßten längst ins Ungeheure gewachsen sein. In Wirklichkeit entledigen sie sich ihrer Schneelast genau so sicher und regelmäßig, wie niedere Gebirge ihre Regenmengen zu Thale senden, und die Alpen belehren uns, daß der Sturz in Lawinenform und das langsame Gleiten in Eisgestalt die beiden Wege sind, auf denen es geschieht. Von den Lawinen sei hier nur soviel mitgeteilt, daß sie allerdings nur in Gebirgen mit steilen Hängen, also z. B. nicht in dem eine einzige rundliche Kuppe bildenden Grönland, zur Schneeabfuhr beitragen können, daß ihre Rolle aber in den Alpen und in allen ähnlichen Gebirgen mit hoher Niederschlagsmenge durchaus nicht so gering ist, als man wohl meinen möchte. Im St. Gotthardgebiete allein sollen nach Oberinspektor Coaz die Lawinen, welche dort 500 von der Natur vorgezeichnete Bahnen haben, jährlich 300 Millionen Kubikmeter Schnee über die Eisgrenze ins Thal tragen.
Kommen wir indes zu den Gletschern zurück, welche für die Entwässerung des Hochgebirges doch die wichtigsten Kanäle bleiben. Wir wissen heute, daß wir in diesen langgestreckten Eiszungen buchstäblich gefrorene Ströme vor uns haben, welche ihre erstarrten Fluten zwar langsam, aber ebenso sicher wie die Ströme der Ebene, ins Thal wälzen. Was bei dieser Bewegung starrer, häufig riesig breiter und dicker Eisströme das Wunderbarste bleibt, ist der Umstand, daß weder enge Schluchten noch große Plateaus, weder Felsenriffe noch hohe Absätze sie im geringsten aufzuhalten vermögen. Bei der leichtesten Biegung seines Bettes bricht zwar der Gletscher mit donnerartigem Krachen auseinander und es öffnen sich jene steilen, gähnenden Spalten, welche schon so manchem Gletscherforscher gefährlich geworden sind, aber gleich hinter der Biegung wächst der Strom wieder zur starren Masse zusammen. Der gewaltige Rhonegletscher hat vor Trelaporte eine Breite von 2240 Metern und ein tägliches Vorrücken von 15 bis 18 Centimetern, dann schließen sich plötzlich (vergl. das obenstehende Bild) die Felsen zu einem granitenen Schraubstock von kaum 840 Metern Breite zusammen, und wie sich ein Strom unter schäumenden Wirbeln durch diese Felsenenge stürzen würde, so preßt sich auch der Gletscher unter Brechen und Reißen mit verdreifachter Geschwindigkeit hindurch, um dann wieder zu demselben gewaltigen Eisstrom sich auszudehnen, der er vorher war. Ja, ein Nebengletscher dieses Stromes wird von 770 auf 82 Meter Breite zusammengepreßt und selbst eine solche Felsenenge vermag ihn nicht
Verschiedene: Die Gartenlaube (1894). Leipzig: Ernst Keil, 1894, Seite 588. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1894)_588.jpg&oldid=- (Version vom 20.1.2025)