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im Tage bringen. Immerhin sind das unbeträchtliche Geschwindigkeiten. Wie lange ein Teil des Gletschers braucht, um das ganze Bett zu durchmessen, das haben mehrere Vorfälle veranschaulicht. Am unteren Ende des Bossonsgletschers in der Montblanc-Gruppe kamen seinerzeit die Kleiderreste dreier Alpenforscher zum Vorschein, welche 41 Jahre zuvor unweit des Gipfels in einer Eisspalte verunglückt waren, und im Jahre 1892 erschien auf dieselbe Weise am Ende des Parrotgletschers ein unversehrter Rock, welcher sich alsbald als derjenige des italienischen Alpenklubmitgliedes und späteren Finanzministers Pelazzi erwies, der ihn 16 Jahre zuvor in einer Gletscherspalte, kaum 900 Meter höher, verloren hatte. Um die ganze Ausdehnung der 14 Kilometer langen Gletscherreihe am Montblanc zu durchmessen, braucht ein einzelnes Eisstückchen nach Helmholtz 120 Jahre, ist es aber dann als Wassertropfen in die den Gletscherbach aufnehmende Rhone gesprungen, so bedarf es nur noch der kurzen Frist von 10 Tagen und der Tropfen hat seinen Kreislauf in den Schoß des Meeres zurückgelegt. Angesichts dessen könnte auch die geologische Thätigkeit der Gletscher geringfügig erscheinen, aber man muß bedenken, daß ihr Querschnitt, also auch ihre Masse, eine ganz andere ist als diejenige selbst großer Ströme, daß sie oft Hunderte von Metern tief die Felsenthäler ausfüllen und ihr Bett mit einem Druck und einer Gewalt angreifen, gegen welche das Nagen des Wassers belanglos ist. Wie gewaltig die nagenden, stürzenden und fortschaffenden Wirkungen dieser wandernden Eiszungen sind, läßt sich schwer beschreiben. Welche Ausdehnung schon die Moränen, diese langgestreckten Stein- und Schutthalden auf dem Gletscherrücken, annehmen können, zeigt die Mittelmoräne des Unteraargletschers, welche, bei einer Breite bis zu 200 Metern, nicht weniger als 42 Meter hoch ist (s. S. 588). Es sind mitunter Blöcke von 1000, ja von 2000 bis 3000 Kubikmetern Gehalt, welche von den heutigen Alpengletschern meilenweit fortgetragen werden, und oft bildet sich dabei die Form eines sogenannten „Gletschertischs“, indem das Eis unter dem Blocke zum Teil wegschmilzt. So sind die Wirkungen nach oben hin, an den vom Gletscher gestreiften Thalwänden; ungleich gewaltiger werden sie an der Thalsohle sein, wo die ganze Wucht der Gletscherlast sich langsam über den Boden hinschiebt. Da werden die Felszacken zerbrochen und widerstandslos mitgenommen, die härtesten Steine gleich Spiegeln geschliffen, und wie auf dem Rücken, so wälzt sich auch am Grunde des Gletschers eine Moräne hinab, die später, wenn das Eis zurückweicht, ganze Thäler füllen und Alpenseen aufstauen kann. Wieviel Anteil die Gletscherthätigkeit an der Bildung der tiefen Alpenthäler hat, läßt sich noch nicht mit Bestimmtheit sagen. Doch ist es nicht unmöglich, daß die heute von donnernden Sturzbächen durchrauschten Schründe ihre Entstehung zum größten Teile der wühlenden Kraft ehemaliger Gletscher verdanken. Denn einst haben sich ja die Eisströme der Alpen, wie hundert Zeugnisse beweisen, bis über den Jura hinaus ins deutsche Land erstreckt, und nur 300 bis 400 Kilometer grünenden oder doch wenigstens von der Eisdecke frei gebliebenen Bodens trennten ihre Ausläufer von denen des ungleich riesigeren Eisstromes, der sich wahrscheinlich zur gleichen Zeit von Skandinavien aus durchs Baltische Meer über die norddeutsche Tiefebene ergoß. Das war vielleicht die Zeit, wo an der norwegischen Küste jene tief in das Felsufer schneidenden Fjorde ausgeschliffen wurden, deren Entstehung ohne die Eisthätigkeit unerklärlich wäre, und zu denen die noch jetzt von Gletschern erfüllten Fjorde der Grönlandküste ein lebendiges Gegenstück bilden.
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Gletscherschliffe.
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Gletschertisch.
Und damit wären wir bei den Grönlandsgletschern, den Geburtsstätten der atlantischen Treibeismassen, wieder angelangt. Hier sehen wir alles, was die Alpen in dieser Hinsicht noch bieten, ins Ungeheure gesteigert. Der Große Aletschgletscher, der Riese unter den Alpengletschern, bildet mit seiner Länge von 24 Kilometern bei fast 2 Kilometern Breite und mit seinen beinahe 100 Quadratkilometer umfassenden Firnmulden schon eine ganz achtungswerte Eiswüste. Was aber bedeutet das gegen die Eisströme Grönlands, welche sich, meilenbreit und bis zu 500 Meter dick, mit 60- bis 80facher Geschwindigkeit fortwälzen und von Firnmeeren gespeist werden, die einen Erdteil bedecken! Seit Nansens Durchquerung Grönlands im Jahre 1888 wissen wir, daß das gesamte Binnenland dieses ungeheuren Polargebietes eine einzige, schwach ansteigende, durchweg mit 300 bis 1000 Meter dickem Firneise bedeckte Wüste ist, um welche sich lediglich an der Meeresküste ein schmaler, oft durch Eishänge und Gletscherströme unterbrochener Streifen kahlen oder teilweise grünen Bodens windet. Diese ganze Firnmasse, welche ihre eigene ungeheure Schwere über den geneigten Boden der Küste zutreibt, findet nun, wenn man den neueren Forschungen folgt, ihr Ende hauptsächlich in 25 bis 30 gewaltigen Gletschern, die sich nicht wie diejenigen anderer Länder in Bächen fortsetzen, sondern unmittelbar ins Meer münden und hier teils abschmelzen, teils, wohl zum größten Teil, als Eisberge abbrechen. Der Gletscher, welcher sich im Eisfjord von Jacobshavn, an der Westküste Grönlands, ins Meer senkt und wohl der gründlichst untersuchte des ganzen Gebietes ist, schreitet, 5 Kilometer breit und 200 bis 300 Meter dick, täglich mit 15 Meter Geschwindigkeit vor und wälzt in derselben Zeit genug Eis ins Meer, um zwei solcher Berge zu entsenden, wie ich sie oben nach eigener Anschauung geschildert habe. Das Losbrechen dieser riesigen Eisschollen vom Gletscherende und der Kampf der einzelnen Eisberge untereinander in dem vom Sturze aufgewühlten Wasser des Fjordes ist von Augenzeugen als eines der gewaltigsten Naturschauspiele geschildert worden, welche die Erde bietet. Nach Dr. H. Rink in Christiania, einem der neueren Besucher Grönlands, dürften etwa 7 oder 8 Gletscher sich demjenigen des Jacobshavn-Fjordes an Mächtigkeit zur Seite stellen lassen, aber das würde auch schon genügen, um dem Eismeere jährlich das Material zu Tausenden der riesigsten Eisberge und zu Treibeisschollen von unermeßlicher Ausdehnung zu geben.
Verfolgen wir nun den weiteren Lauf des vom Gletscher abgestoßenen Eises, so lagert dasselbe vorläufig in und vor der die Eiszunge aufnehmenden Bucht, um alsdann von der an Grönland vorüberstreichenden Strömung, der „Polar-“ oder „Labradortrift“, ergriffen und in südlichere Regionen entführt zu werden. Dort, in der warmen Golfströmung, finden auch die Eisberge, nachdem sie wohl oft einen Weg von 6000 bis 8000 Kilometern aus dem Innern Grönlands bis zum Breitengrade Roms zurückgelegt haben, ihr Ende, um als Wasserdunst, von den Strahlen der Sonne emporgehoben, den alten Kreislauf wieder zu beginnen.
Verschiedene: Die Gartenlaube (1894). Leipzig: Ernst Keil, 1894, Seite 590. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1894)_590.jpg&oldid=- (Version vom 20.1.2025)