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verschiedene: Die Gartenlaube (1896)

oberhalb Berlins, welche reichlich die doppelte Fläche des Plötzensees bietet, besitzt dieselbe Gesellschaft vier riesige Speicher, die, wenn ganz gefüllt, mehr als anderthalb Millionen Centner bergen können. Ueber zwei Millionen Centner Eis fassen endlich die fünf ungeheuren Speicher der Gesellschaft an der Oberspree, oberhalb Köpenick, deren Inhalt als Reserve dient und in den heißen Sommermonaten durch eine eigene Flotte von Schleppern und großen Lastkähnen nach Berlin gebracht wird.

Haben wir nun die Eistafeln von ihrer Entstehungsstätte über das Paternosterwerk und die Gleitbahnen bis ins Innere der Speicher begleitet, wo die Arbeiter, wie unser nebenstehendes Bild es zeigt, unermüdlich Schicht auf Schicht häufen, stets bestrebt, alle Lücken durch den Abgang an Brocken und zerspaltenen Tafeln zu füllen, so ist damit doch unsere Wißbegierde noch nicht erschöpft. Hält sich das Eis in den Schuppen unversehrt bis zum Frühling? Geht viel verloren? Wie bringt man es heraus? – Daß es ohne Verluste bereits beim Füllen der Speicher nicht abgeht, zeigen die mächtigen Halden von Eisschutt, welche sich während der Campagne besonders unter den Paternosterwerken auftürmen. Hunderte von Platten zerbrechen während des Anschwemmens, des Aufwindens und während der Rutschpartie über die geneigten Bohlen, die es in den Speicher leiten, Tausende von Centnern bedecken in wertlosem Gebröckel den Boden. Dagegen zeigt das Eis, sobald es einmal den Speicher erreicht hat und aufgeschichtet ist, eine bewunderungswerte Dauer. Es gefriert in der ersten Zeit, teils durch das anhängende Wasser, teils durch den ungeheuren Druck, dem besonders die unteren Schichten ausgesetzt sind, zu einem einzigen hausgroßen Block zusammen, und dieser bietet dann bis hoch in den Sommer hinein allen Anfeindungen der Wärme siegreich Trotz. Die Sonnenstrahlen mögen im Juni und Juli noch so kräftig gegen die rohen Holzwände der Speicher prallen, das Eis hält stand. Das Meiste trägt dazu freilich die Konstruktion der Wände bei, welche aus zwei dicken Plankenwandungen mit einer zwischenliegenden fußdicken Isolationsschicht von Sägespänen bestehen. Das ganze Gefüge von Holz, Spänen und abermals Holz wird von den Wärmestrahlen nur sehr langsam durchdrungen. Auch die Oberfläche des Eises wird, wenn der Schuppen gefüllt oder im März kein Frost mehr zu erwarten ist, mit einer dicken Schicht von Sägespänen oder Hobelspänen abgedeckt, dann wird jede Oeffnung sorglich durch dieselbe Isolationsschicht geschlossen, und nun überläßt man den Speicher seinem Schicksal, bis die Reihe, seine Vorräte wieder herauszugeben, an ihn kommt.

Die Arbeit im Eisspeicher.

Dann muß die kompakte Masse mit Brechstangen wieder zerkleinert werden, und die so regelrecht geschnittenen und gepackten Eistafeln sehen erst als gestaltlose Klumpen und Brocken das Licht des Tages wieder, um in dem Gebrauch der Restaurateure und Hoteliers, der Cafes und Konditoreien, der Schlächter, Wild- und Fischhändler, der Konservenfabriken und endlich Zehntausender von täglich bedienten Haushaltungen ein schnelles Ende zu finden. Der Umsatz geht bei dem üblichen Preise von 10 Pfennig für den Eimer oder 50 bis 60 Pfennig für den Centner und bei dem jährlichen Verbrauch von drei bis vier Millionen Centnern ebenfalls in die Millionen Mark, und diese Werte schafft die Natur in einigen kalten Wintertagen. Der Preis ist sogar eher niedrig als hoch zu nennen, denn welche Kosten machen nicht die Arbeiter, welche das Sägen und Speichern, aber mehr noch die Hunderte von Pferden, Wagen und Leuten, welche das Ausfahren besorgen! Dazu kommen endlich noch die Verluste, welche schon beim Speichern, viel umfangreicher aber noch beim späteren Zerbrechen und Ausfahren eintreten. Beim Zerkleinern der kompakten Masse, in welche sich beim Oeffnen des Speichers das ganze Eis verwandelt hat, wird ein sehr großer Prozentsatz zu wertlosem Schutt zertrümmert.

Am meisten ist natürlich die ganze Eisspeicherei von den Launen des Winters abhängig. Wenn der Frost auf sich warten läßt, oder plötzliches starkes Tauwetter die Ernte vereitelt, so können die Speicher oft kaum zur Hälfte gefüllt werden. Dann tritt im Laufe der wärmsten Monate die künstliche Eisfabrikation in ihre Rechte, ohne freilich beim Publikum gleiche Gegenliebe zu finden, da der Preis des Kunsteises, eine Mark etwa für den Centner, den wenigsten Abnehmern behagt. Obwohl die „Norddeutschen Eiswerke“ auf ihrem Terrain in Rummelsburg umfangreiche Einrichtungen zur Fabrikation des Kunsteises besitzen, mittels deren sie täglich 1200 Centner erzeugen können, so ist dieses Produkt doch auf eine ziemlich eng begrenzte Verwendung beschränkt. Müßten doch jene großen Maschinenanlagen das ganze Jahr hindurch arbeiten, bevor sie in ihrer Produktion auch nur dem Inhalt eines einzigen jener zehn großen Speicher gleichkommen, welche die Werke nach guten Wintern wohlgefüllt zur Verfügung haben. Für den Verbrauch im großen wird also wohl die Gewinnung und Aufspeicherung des Natureises noch auf lange Zeit hinaus ihre unumschränkte Herrschaft behaupten.


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verschiedene: Die Gartenlaube (1896). Ernst Keil's Nachfolger, Leipzig 1896, Seite 798. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1896)_0798.jpg&oldid=- (Version vom 30.12.2024)