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können uns leicht ausrechnen, daß in einer halben Stunde soeben mehr als 200 Centner Zeitungen in dem Raum hinter dieser Thür verschwunden sein müssen, aber da sehen wir bereits, wie das Haus seinen Inhalt wieder von sich giebt. Aus einem der Seitenportale schießen plötzlich vier Postwagen mit einem Male heraus und galoppieren in einem Tempo davon, als bildeten sie einen Löschzug der Feuerwehr. Zehn Minuten – und abermals verlassen vier bis unter die Decke gefüllte Paketposten das Amt, während der Zufluß an neuem Material sich allmählich verringert. Die Wagen fahren seltener vor. Handkarren mit kleineren Blättern mischen sich darunter, Boten bringen große Ballen von Zeitschriften; nach und nach schläft auch das ein; nur selten noch öffnet sich das Thor, während aus dem Seiteneingang in gewissen Abständen noch immer kleine Wagenzüge herausjagen, um sich in die Nebenstraßen zu verteilen. Nach drei Stunden endlich ist alles wieder ruhig wie vor dem großen Ansturm.
Freilich, könnten wir durch die Mauern ins Innere sehen, so entrollte sich vor unseren Augen ein anderes Bild! Die Thätigkeit des Postzeitungsamtes ist nicht derart, daß sie sich in wenigen Stunden bewältigen ließe, obwohl Hunderte von geschickten Händen fieberhaft und ohne Pause bei der Arbeit sind; sie erfordert im Gegenteil fast die ganzen 24 Stunden des Tages. Wird doch von hier aus sowohl die Annahme als die Versendung jeder Zeitung, jeder Zeitschrift, jedes Unterhaltungsblattes, der Modenzeitungen, kurz aller Blätter besorgt, welche auf dem Wege der Post den Lesern im ganzen Reiche zugehen. Ja, nach Frankreich, Italien und anderen Ländern, bis Konstantinopel und Aegypten gehen von hier Tag für Tag ganze Ballen von Zeitungen, von denen jedes Exemplar einzeln ausgesucht, verteilt und in das bestimmte Fach gelegt werden muß, welches für jedes auswärtige Postamt existiert. Wie weit sich diese Arbeit verzweigt, begreift man vielleicht, wenn wir mitteilen, daß das Postzeitungsamt mit nahezu 4000 fremden Postanstalten in direkter Verbindung steht. Groß ist ja allein schon die Zahl der in Berlin erscheinenden Zeitungen, welche durch das Amt vertrieben werden. Im Jahre 1825, als diese Centralisation der Zeitungsversendung eben eingeführt war, handelte sich’s um 38, heute jedoch um rund 800 Berliner Blätter! Aber das ist nicht alles. Jede mit der Post aus irgend einer Stadt Deutschlands oder des Auslands verschickte Zeitung, welche Berlin kreuzt, passiert ebenfalls das Zeitungsamt, um von hier aus derjenigen Postanstalt zugeleitet zu werden, welche die Bestellung angenommen hat. Und welche Legion von Zeitungen giebt es heute! Das Postverzeichnis von 1894 führte ihrer beinahe 11nbsp;000, darunter ein Viertel ausländische, aus. Und für diesen ganzen Strom von Druckerschwärze, der tagtäglich das Land überflutet, ist dieses unscheinbare Haus in der Dessauerstraße der unerschöpfliche Brunnen. Es sind etwa 230 Millionen Exemplare, welche im Laufe des Jahres von hier in die Welt gesandt werden, also täglich im Durchschnitt 640 000 Exemplare. Davon muß jedes einzelne in die Hand genommen, nach den Listen verteilt und in sein Fach gelegt werden, eine Arbeit, welche die volle Kraft von 250 bis 270 Beamten erfordert.
Schlagen wir indessen, um das ganze Getriebe des Postzeitungsamtes kennenzulernen, den kürzesten Weg ein, indem wir uns beim leitenden Direktor die Erlaubnis erbitten, mit eigenen Augen sehen zu dürfen, wie dieser gewaltige Organismus, der wie aus einem Herzen 100000 Adern speist, arbeitet. Freilich, um den Betrieb während eines ganzen Tages kennenzulernen, muß der freundliche Leser früh aufstehen oder vielmehr er thut besser, gar nicht erst schlafen zu gehen, da ich ihn doch schon vor Mitternacht wieder wecken müßte.
Es ist 12 Uhr nachts, wenn die erste Sektion der Beamten ihr Tagewerk beginnt, und zwar gleich in einer recht stattlichen Schar. Unter einem Aufsichtsbeamten treten 30 bis 40 Postschaffner an und machen sich sofort daran, die vom vergangenen Tage übriggebliebenen Reste aufzuarbeiten. Das sind die Blätter, welche entweder gestern abend zu spät aufgeliefert worden sind, um noch expediert zu werden, oder welche überhaupt immer in der Nacht eintreffen, um mit den Frühzügen abgesandt zu werden. Der Raum, in welchem diese Arbeit vor sich geht, ist die riesige, 36 m lange und etwa halb so breite „Versendungshalle“. Trotz ihrer Größe reicht sie aber für ihren Zweck doch noch lange nicht aus, so daß eine zweite, ebenso große Versendungshalle gerade über ihr angelegt ist. Eine Anzahl Aufzüge verbindet beide Räume, so daß der Zeitungstransport von unten nach oben und zurück mit der größten Schnelligkeit erfolgen kann. Ein Weilchen schauen wir der Arbeit zu. Die Beamten werden mit den großen Stößen der verschiedensten Zeitschriften, wissenschaftlichen Blätter etc. bewunderungswürdig rasch fertig. Ein Schaffner verliest nach der vor ihm liegenden Versendungsliste die Anzahl von Exemplaren, welche jedes Postamt von der augenblicklich auszuteilenden Zeitschrift erhält, ein zweiter zählt die Blätter ab und legt sie in das Fach der betreffenden Postanstalt. Er braucht gar nicht erst hinzusehen, sondern hat schon alles im Griff. Bald wird uns das Zusehen langweilig; alle Hände ringsum sind in eifriger Thätigkeit, wir machen uns also ebenfalls an die Arbeit und versuchen uns unter Führung eines Beamten ein wenig im Hause zu orientieren.
Schon beim Eintreten haben wir bemerkt, daß die Haupträume des Amtes nicht in dem von der Straße aus sichtbaren Gebäude liegen, sondern in dem vier- bis fünfmal tieferen, sich daran schließenden Hinterhause. Im Hauptbau liegt unten außer der Vorhalle, einigen Nebenräumen und dem großen Treppenhause nur ein geräumiger Saal, der Annahmeraum, bis in welchen die Überbringer der ankommenden Zeitungen vordringen. Hier, auf einen riesigen mit Stahlplatten belegten Tisch werden alle ankommenden Ballen zuerst niedergelegt, und von hier befördern die Schaffner sie weiter in die beiden großen Versendungshallen. Durchschreiten wir die letzteren, so schließt sich hinten der Packraum an, wo die zur Versendung fertigen Pakete entweder geschnürt oder bei größeren Mengen in Säcke gestopft werden, um nun ihre Reise anzutreten. Daneben ist noch ein Raum, wo die Säcke selbst zum Versandt fertig gemacht werden. Einen flüchtigen Blick können wir nur noch in die oberen Geschosse mit ihren großen Hallen und Amtszimmern, auf die Fahrstühle und die Gleitbahnen für den Zeitungstransport, auf die splendide elektrische Beleuchtung mit ihren 30 Bogen und 300 Glühlampen werfen, und schon wird es hohe Zeit, daß wir uns an unseren Posten zurückbegeben.
Die 30 Postschaffner sind inzwischen mit ihrer Arbeit rüstig fortgeschritten, es sind heute nur etwa 10000 Zeitungsblätter da, allerdings von den verschiedensten Titeln und Bestimmungsorten. Unter dem Zugreifen von 70 geübten Händen schwinden die Haufen dahin wie Schnee vor der Mittagssonne, und jetzt ist man schon daran, die in den einzelnen Fächern sich ansammelnden Stöße durch umzuklebende Streifen zu vereinigen und schmale Zettel darauf zu kleben, welche die Adressen der auswärtigen Postämter enthalten. Auch das geht mit Blitzgeschwindigkeit, die Zettel liegen bereits so geordnet, wie die Reihen der Fächer es verlangen, und in kurzer Zeit werden die Pakete, wohl adressiert, den 16 im Hause befindlichen Versendungsstellen zugeschickt, welche die einzelnen Teile des großen, über das ganze Land sich erstreckenden Netzes beherrschen. Hier sammeln sich gewaltige Zeitungsmassen für die verschiedenen „Kurse“ an, und von hier werden, je nach der Abgangszeit der Züge von den Berliner Bahnhöfen, die Postwagen abgefertigt, welche in kurzen Zwischenräumen den ganzen Tag über das Amt verlassen.
Es ist 2 Uhr. Inzwischen sind noch weitere 15 bis 20 Postschaffner angetreten und haben ein reges Treiben begonnen. Aus der Säckekammer werden große Haufen leerer Zeitungssäcke herangeschleppt und an den Versendungstischen so ausgebreitet, daß die Zeitungshaufen möglichst schnell hineingeschoben werden können; dann halten sich alle Arme in Bereitschaft, wie in den letzten Augenblicken vor einer großen Schlacht. Und die Schlacht läßt auch nicht lange auf sich warten. Von ½ 3 Uhr an beginnen die Wagen zu rollen, welche die in der Nacht fertig gestellten Zeitungen bringen. Die Thür zum Annahmeraum fliegt in immer schnellerem Tempo auf und zu, immer größer werden die Ballen, welche auf den Stahltisch niedergelegt werden, immer rascher folgen sie sich, und immer eiliger traben die Schaffner, welche sie von dort in die Versendungshalle oder an die Aufzüge schleppen. Um 3 Uhr erreicht der Andrang seinen Höhepunkt. Sechs, vielleicht sieben oder acht große politische Zeitungen liefern ihre ganze Postauflage, 60nbsp;000 bis 80nbsp;000 Exemplare, mit einem Male ab, auf den Stahlplatten des riesigen Annahmetisches türmen sich hohe Berge von Papier, aber so geschwind die Stöße von 200 bis 500 Exemplaren herangetragen werden, so rasch verschwinden sie wieder.
verschiedene: Die Gartenlaube (1898). Ernst Keil's Nachfolger, Leipzig 1898, Seite 434. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1898)_0434.jpg&oldid=- (Version vom 30.12.2024)