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Jetzt wird mit einer Schnelligkeit und Sicherheit gearbeitet, die jeder Beschreibung spottet. Von dem Verpacken in Fächer ist keine Rede mehr. Jede Versendungsabteilung schickt ihren Schaffner in die Halle; er sagt den verteilenden Beamten nur die Anzahl der Nummern an, die er von jedem Blatte für seinen Postkurs gebraucht, und fast gleichzeitig schiebt man ihm schon die Stöße zu. Das Zählen bemerkt man kaum, die Beamten gleiten nur mit dem Finger über den Rand der Pakete hin und haben im Nu die gewünschte Zahl bereit. Große Stöße werden in die Säcke geschoben, kleinere in Pakete vereinigt, und in wenigen Minuten kehren die Boten schon, gebückt unter ihrer Last, zu den Versendungsstellen zurück, wo der Packmeister, der die Posten rechtzeitig abzufertigen hat, sich inzwischen bereits voll Ungeduld einigemal mit dem Sprachrohr oder der elektrischen Klingel gemeldet hat.
Mittlerweile dauert der Andrang der Zeitungswagen noch immer fort. Erst nach 6 Uhr werden die letzten Stöße eingeliefert. Dagegen sind schon um 3 Uhr 20 Minuten die ersten Postwagen beladen aus dem Thore gerasselt und haben sich mit Windeseile durch die schlafende Stadt zerstreut. Sie nehmen nur einen kleinen Bruchteil der eingelieferten Blätter, lediglich für Berlin und die nächste Umgebung, mit sich, aber diese Tausende von Exemplaren haben sich binnen einer Stunde auf mindestens 180 Postanstalten verteilt. Das Gewimmel der Arbeit wird größer und größer, je mehr sich die Nacht ihrem Ende zuneigt und die Abfahrtzeit der Züge heran kommt. Anfangs alle 10 Minuten, dann halbstündlich, endlich jede Stunde werden Kolonnen von Wägen abgelassen, die alle eiligst durch die Straßen sausen, um ihren Bahnhof noch rechtzeitig zu erreichen. Volle 5 Stunden dauert die schwere Arbeit an; erst nach 8 Uhr gehen die letzten Wagen ab, mehrere hunderttausend Zeitungsblätter haben in 6 Stunden das Räderwerk des Amtes passiert und fliegen nun auf den donnernden Zügen ins Land hinaus, um teils schon morgens, teils bis Mittag, teils erst gegen Abend ihren Lesern das Neueste aus Berlin und dem Reiche zu erzählen. Gegen 500 wohlgefüllte Säcke und Massen von Paketen haben das Postzeitungsamt verlassen, bevor die Hälfte der Bewohner Berlins sich besinnt, daß es Tag ist.
Jetzt kehrt in den Sälen ein Augenblick der Ruhe ein. Die erste Ablösung trifft mit ungefähr 50 Beamten ein, die voll neuen Mutes an die Zwischenarbeiten gehen, welche in den Pausen zwischen den Hauptexpeditionszeiten zu verrichten sind. Die von den Bahnhöfen eintreffenden leeren Säcke werden gereinigt und zum neuen Gebrauch vorbereitet, Botengänge verrichtet, Fahrten nach den Zeitungsdruckereien, die fast alle in geringer Entfernung von dem Amt liegen, ausgeführt, die Maschinen zum Schneiden der 20000 Klebestreifen und Adressen, welche man täglich gebraucht, in Betrieb gesetzt, und mancherlei andere Arbeit wird noch erledigt. Auch die Versendungsabteilung bekommt noch einmal zu thun, denn im Lauf des Vormittags treffen von der Reichsdruckerei die Gesetzblätter ein, deren Auflage über 100nbsp;000 beträgt und deren Versandt ebenfalls vom Postzeitungsamt vermittelt wird. Das giebt neue Arbeit bis 1 Uhr, denn auch die Gesetzblätter wollen, gleich den Zeitschriften, in Fächer verteilt und adressiert werden, da sie sich auf 100 Eisenbahnlinien über einige tausend Postämter verteilen.
Um 1 Uhr trifft erneute Ablösung ein. Es treten 60 bis 70 Postschaffner an, um die Vorbereitungen zur zweiten und größten Postschlacht, der Nachmittagsversendung, zu treffen. Wieder ist in den Annahme-, Verteilungs- und Packräumen vieles zu ordnen, die Listen und Verteilungsbücher müssen an die 16 Versendungsstellen geschafft werden, inzwischen sind die 40 Säcke füllenden Gesetzblätter in die Postwagen zu verteilen, um später mit den Zeitungen zugleich abzugehen. Einzelne Zeitschriften treffen zu jeder Tageszeit ein, ebenso die von den Bahnhöfen kommenden Sendungen anderer Städte, die schnell noch erledigt werden, und so vergehen rasch die ersten Nachmittagsstunden. Vor 5 Uhr trifft abermals ein mächtiger Strom frischer Kräfte ein, und jetzt rollen auch schon die ersten Wagen heran und mit ihnen eine Flut von Arbeit, der die weit über 200 jetzt verfügbaren Arme kaum gewachsen sind. Der Hauptstoß erfolgt gleich um 5 Uhr. Zehn oder mehr große Blätter werfen ihre ganze Postauflage fast gleichzeitig auf den Annahmetisch. Es sind über 100 000 dicke Zeitungen; 100 Centner Papier im Laufe einer Viertelstunde! Sollte der ungeheure Tisch nicht zusammenbrechen? Nein, die Schaffner reißen sie fast so schnell fort, als die Packträger sie heranschleppen; alles schreit, zählt, kommandiert, gestikuliert und rennt durcheinander; die Arbeitskraft scheint bei jedem Einzelnen ins Uebermenschliche zu wachsen; centnerschwere Säcke fliegen wie Spielbälle. Binnen 30 Minuten jagen 8 schwere Postwagen mit 25 Säcken und 30 großen Paketen vom Hof, und in einer halben Stunde hat man sich 40nbsp;000 Exemplare vom Halse geschafft. In diesem Gewirr, das dem Uneingeweihten ein sinnloses Toben erscheint, bleibt noch Zeit, jede einzelne Zeitung, die aufgeliefert wird, nach Minute und Zahl der Auflage genau zu registrieren. Inzwischen wettert hinten der Packmeister nach schnellerer Erledigung, er möchte alle seine elektrischen Klingeln zugleich ziehen. Die Postillone bestürmen ihn um Zeitungsballen, und so schnell die Boten aus den Versendungshallen mit den schweren Säcken herangekeucht kommen, so schnell verschwinden Säcke, Ballen und Pakete in den Höhlungen von einem Dutzend stets bereitstehender Wagen. Der Andrang will vorn noch immer nicht abnehmen, bis ½ 7 Uhr sind schon gegen 100 Zeitungen und Zeitschriften mit mehr als einer Viertelmillion Exemplaren zu den Bahnen befördert. Nach 7 Uhr gehen noch mit späteren Abendzügen fast ebensoviele Blätter ab, und wenn wir nach der Beendigung des Dienstes eine Anfrage bei der Abrechnungsstelle riskieren, so erfahren wir, daß zwischen 5 und 10 Uhr fast eine halbe Million Exemplare, etwa 120 verschiedenen Blättern angehörig, eingeliefert und wieder ausgefahren worden sind. Etwa 40 Postwagen, mit 600 centnerschweren Säcken beladen, haben den Transport zu den Stadtpostämtern und den 7 Bahnhöfen vermittelt. Rechnet man aber die schon am Morgen und im Laufe des Tages expedierten Blätter hinzu, so sind innerhalb 24 Stunden nicht weniger als 1100 Säcke, rund 800 Centner, Zeitungen und andere Blätter vom Postzeitungsamt empfangen und befördert worden.
Wir fragen erstaunt, ob das Tag für Tag so geht, aber man giebt uns zur Antwort, daß wir noch einen sehr stillen Tag angetroffen haben. Es ist weder Reichstag noch Sitzung im Abgeordnetenhause, im anderen Fall würde das Gewicht der politischen Zeitungen vielleicht um 100 Centner angeschwollen sein. Es ist weder der erste noch der fünfzehnte eines Monats, sonst hätten die Monatsjournale mit ihren gewichtigen Heften und die Modezeitungen mit ihren kolossalen Auflagen noch ein gutes Stück Arbeit und Wirrwarr mehr hervorgebracht. An solchen Tagen kann die Zahl der aufgelieferten Exemplare auf eine Million oder nahe daran steigen, und es sind oft 10 oder mehr Gespanne über die gewöhnliche Zahl nötig, um den Transport zu den Bahnhöfen zu bewältigen.
So spielt sich heute ein Tageslauf auf dem Postzeitungsamt ab. Bis 10 Uhr pflegt die zweite große Versendung erledigt zu sein; es gehen alsdann keine Züge, die zur Mitnahme von Zeitungen geeignet sind, mehr ab, und was nicht mehr früh genug angeliefert worden ist, um bis zu diesem Zeitpunkt erledigt zu sein, bleibt einstweilen liegen, um am nächsten Morgen bearbeitet zu werden. Im ganzen genommen, ist diese papierne Flut, die sich von Berlin aus über das Reich ergießt, noch immer in stetem Wachsen begriffen. Seit 1825, als das damalige Zeitungsamt, welches noch von 3 Beamten und 2 Boten verwaltet werden konnte, mit der Expedition der preußischen Gesetzsammlung vereinigt wurde, ist die Arbeit unaufhaltsam angewachsen, und immer wieder war das Amt genötigt, neue Räume für seine Thätigkeit auszusuchen. Endlich gelang es, in der Dessauer Straße, in der nächsten Nachbarschaft der meisten Zeitungsdruckereien und in der Nähe von 3 Hauptbahnhöfen, einen Platz für das jetzt aufgerichtete große und würdig ausgestattete Haus zu erlangen. Wird es jetzt mit seinen technischen Vorkehrungen, seinen Riesensälen auf die Dauer genügen? 200 Beamte, ja vielleicht noch viel mehr, können hier walten, ohne sich zu stören. Aber wird das Bedürfnis nicht auch über diesen Bau hinauswachsen? – Im Jahre 1825 betrug die Zahl der Zeitungsexemplare, deren Versendung das Amt vermittelte, 3 Millionen; 1804 aber 330 Millionen. 1860 wurden im Lauf des ganzen Jahres etwa 1nbsp;400nbsp;000 Ballen verschickt, also 3900 an jedem Tage, 34 Jahre später aber das Vierfache. Wenn die Benutzung im gleichen Maße weiter fortschritte, so dürften allerdings wohl kaum 20 Jahre vergehen, bis auch das neue Postzeitungsamt für seinen Zweck zu klein wird.
verschiedene: Die Gartenlaube (1898). Ernst Keil's Nachfolger, Leipzig 1898, Seite 435. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1898)_0435.jpg&oldid=- (Version vom 30.12.2024)