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Berühmte Tänze der Vorzeit.
enn unsere Urgroßeltern einen modernen
Tanzsaal beträten, wären sie wahrscheinlich
sehr verwundert über die
Veränderung, die stattgefunden, seit
sie selber im glücklichen Frohsinn
der Jugend nach den Klängen der
Musik sich gewiegt und gekreiselt
haben. Vor allem würden sie eine
ganze Reihe von Tänzen vermissen,
die ehemals auf keinem Balle
fehlen durften. Das gilt besonders
von der Allemande, dem buntbewegten
Tourentanz unserer Altvordern,
der noch zu Beginn dieses
Jahrhunderts eine hervorragende
Rolle bei den Vergnügungen aller
Stände spielte. Zugleich bildet
dieser Tanz in kultureller Hinsicht
eine der interessantesten Erscheinungen
auf dem gesamten Gebiete
der Choreographie, d. h. der
Tanzkunde. Zuerst in die eigentliche
Geschichte trat die Allemande in jener für Deutschland so
verhängnisvollen Epoche, als das Elsaß unter der Regierung
Ludwigs XIV an Frankreich verloren ging. In ihrer charakteristischen
Eigenart, jenem langsamen Schleifschritt, der unter
einem ganz bestimmten Rhythmus ausgeführt wurde, darf sie
jedoch wahrscheinlich als ältester und einziger Nationaltanz der
Deutschen angesehen werden. Während nämlich der Körper, leicht
gestützt auf die Spitze des einen Fußes, die Drehung vollführt,
zeichnet die des anderen in anmutiger Wellenform einen Halbkreis
auf den Fußboden. Kurzum: es ist im allgemeinen dieselbe
Tanzform, die augenblicklich der Walzer zeigt, noch ursprünglicher
jedoch sein nächster Verwandter oder vielmehr sein Vorgänger
auf choreographischem Gebiete, der Ländler. Jedem dieser drei
Tänze ist der charakteristische Schleifschritt eigen, das sicherste
Merkmal der germanischen Tanzform.
Ebenso bestimmt hat die Allemande auch schon sehr frühzeitig die Aufmerksamkeit anderer Völker erregt und Eingang bei ihnen gefunden. In seinem Roman „Dorothea“ erwähnt Lope de Vega ganz ausdrücklich einen Tanz, der bei seinen spanischen Landsleuten Allemanda hieß und ehemals dort sehr beliebt war. Auch in Italien, der Heimat der wilden, heißblütigen Tänze, war die Allemanda bekannt und beliebt. Das behagliche Sichwiegen und Dahinschweben, der anmutige Schleifschritt des germanischen Tanzes: all das gefiel in so hohem Maße, daß Gagliarda und Tarantella, diese alten Volkstänze der Italiener, eine Zeit lang völlig zurückgedrängt wurden. Sogar eine bildliche Darstellung, die, abgesehen von ihrem ehrwürdigen Alter, von hohem künstlerischen Wert ist, hat sich gerade in Italien erhalten. Denn das Deckengemälde in der Incoronata zu Neapel, das Giotto, der große Meister aus Florenz, einst malte, stellt nach der Ueberzeugung choreographischer Sachverständiger im Grunde nichts weiter dar als einen „Schreit- oder Schleiftanz“, die aus Deutschland eingeführte Allemanda.
Wenn auch räumlich getrennt, wurde dieser deutsche Tanzschritt sowohl an der Donau wie auch am Rheine ohne wesentlichen Unterschied bei den Belustigungen des Volkes ausgeführt. Genau so wie der Aelpler in den Thälern der grünen Steiermark seinen Ländler tanzte, drehte beim Kirchweihfest und in den Tagen der Weinlese der elsässische Bursche die Maid unter der Linde im Dorfe oder auf der Rasenfläche des Angers. Unscheinbar, kaum gekannt, lebten beide Tänze ihr Dornröschendasein dahin. Zuerst ward der elsässische Brudertanz diesem entrissen. Als Ludwig XIV das Elsaß unter seine Botmäßigkeit gebracht hatte, erhielt er Kunde von einem gar manierlichen und graziösen Tanze, der dort seit uralter Zeit zu Hause sei. Sowohl von den französischen Tänzen mit ihrem gekünstelten Schrittmaß, wie auch von den italienischen mit ihrer unbändigen Wildheit unterscheide er sich ganz augenfällig. Er nehme sich gemächlich aus, ohne schläfrig, fröhlich, ohne übermütig zu sein. Dabei verleihe er dem tanzenden Paare eine Anmut, die nicht leicht wieder bei einem anderen Tanze angetroffen werde. Dadurch war das Interesse Ludwigs in hohem Maße wachgerufen. Selber ein vorzüglicher Tänzer und zugleich so eitel, daß er es nicht verschmähte, in Balletten mitzuwirken, um nur ja in seiner Fußfertigkeit bewundert zu werden, ließ er ein elsässisches Tänzerpaar nach Versailles kommen, eigens zu dem Zwecke, daß es den Tanz der Heimat vor ihm aufführe. Bei jedem Schritt, bei jeder Drehung stieg seine Bewunderung. Er war entzückt; er konnte sich nicht satt sehen. Die Schilderung, die man ihm entworfen, blieb noch weit hinter der Wirklichkeit zurück. Bald war die Allemande der Favorittanz bei den glänzenden Festlichkeiten, die am Hofe des „Sonnenkönigs“ in Versailles stattfanden. Von hier aus trat sie dann ihren Siegeszug über die gesamte Welt an. Anfänglich im Zweivierteltakt gehalten, wurde sie späterhin meistens nur im Dreivierteltakt getanzt. Freilich, die Frische und Natürlichkeit der Heimat büßte sie ein von dem Augenblicke an, da sie von französischen Tanzmeistern ihr neues höfisches Gewand erhielt. Allein selbst in diesem prunkhaften Aufputz blieb sie anmutig und schön. Dabei war sie sehr schwer zu tanzen, schon wegen des Schleifschritts, der bald vorwärts, bald zurück ausgeführt wurde. Die Touren selber waren einfach, aber die Haltung, die der Körper einzunehmen hatte, sowie die Wendungen und Verschlingungen der tanzenden Paare erheischten neben einer großen angeborenen Grazie noch die fleißigsten Uebungen. Die Tanzenden standen paarweise oder im Kreise hintereinander oder schließlich derart, daß sich immer zwei Herren, jeder zwischen zwei Damen, einander gegenüber befanden.
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(Mitte des XVIII. Jahrhunderts.)
Eine Meisterin in der Allemande war die Kaiserin Josephine. Sie liebte diesen Tanz so leidenschaftlich, daß er, so oft sie das Theater besuchte, ihr zu Gefallen in jedem Zwischenakt auf der Bühne dargestellt wurde. Von dem Augenblicke an, da Bonaparte sich von ihr scheiden ließ, war es jedoch auch mit der Herrschaft der Allemande zu Ende. Sie geriet immer mehr in Vergessenheit; man kannte sie nachgerade nur noch dem Namen nach. Am längsten hielt sie sich in Deutschland, wo sie, als Tourentanz mit Gesang, in bürgerlichen Kreisen kleinerer Städte bei Familienfestlichkeiten von Zeit zu Zeit aus der choreographischen Rumpelkammer hervorgesucht und dann von älteren Leuten, in Erinnerung an die Tage der glücklichen Jugend, vor den staunenden Blicken der Kinder und Kindeskinder zur kurzlebigen Auferstehung gebracht
verschiedene: Die Gartenlaube (1899). Ernst Keil's Nachfolger, Leipzig 1899, Seite 93. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1899)_0093.jpg&oldid=- (Version vom 30.7.2025)