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verschiedene: Die Gartenlaube (1899)

Aus jenem Jahre stammt das lebensvolle Porträt des Dichters von dem Münchner Hofmaler Stieler, welches die erste Seite dieser Nummer schmückt und dessen nähere Besprechung der Leser auf S. 580 findet.

Damals stand Goethe vor dem Ende seiner Tage, wie der greise Faust im Schlußakt des zweiten Teils der Dichtung sein Lebenswerk überschauend, das seinem Volke eine neue Welt schuf. In der Symbolik dieser Scene gestaltete er noch einmal sein Humanitätsideal: der von allen Leidenschaften befreite Faust findet sein Glück in dem Wirken für andere, in der Wonne des Schaffens, das andere beglückt! Auch ein kleiner Spruch aus jener Zeit, den Goethe einem Darsteller des Orest in das demselben gewidmete Exemplar der „Iphigenie“ schrieb, enthält die Quintessenz der idealen Weltanschauung, welche die Seele seiner reifsten Werke bildet:

„Was der Dichter diesem Bande,
Glaubend, hoffend, anvertraut,
Werd’ im Kreise deutscher Lande
Durch des Künstlers Wirken laut!
So im Handeln, so im Sprechen,
Liebevoll verkünd’ es weit:
Alle menschlichen Gebrechen
Sühnet reine Menschlichkeit!“

Mit diesem Mahnwort geleitet Goethes Genius die zur Macht geeinte Nation an die Pforten des neuen Jahrhunderts.Johannes Proelß.     


Die Kunst des Fliegens an der Jahrhundertwende.

Von Wilhelm Berdrow.

Zum zweitenmal binnen kurzer Zeit versetzt ein Unternehmen auf dem Gebiete der Luftschiffahrt, das zu Füßen der Alpen ins Werk gesetzt wird, die Welt in allgemeine Spannung. Im vorigen Jahre war es der Versuch des Kapitäns Spelterini, von Sitten aus die Berner Hochalpen im Ballon zu übersteigen, in diesem ist es die bevorstehende Vollendung und der erste Aufstieg des in einer schwimmenden Riesenhalle auf dem Bodensee erbauten Graf Zeppelinschen Luftschiffs, zu dem nicht nur die Herrscher von Württemberg und Baden, sondern auch das deutsche Kaiserpaar erwartet werden. Uns giebt dieses Ereignis, auf welches wir am Schlusse dieses Artikels des näheren zurückkommen werden, Veranlassung, dem Entwicklungsgang der Luftschiffahrt und Flugtechnik, dem die „Gartenlaube“ in seinen einzelnen Phasen immer mit Aufmerksamkeit gefolgt ist, eine zusammenhängende Darstellung in Wort und Bild zu widmen.

Fig. 1. Lanas Entwurf eines Luftschiffes. 1670.

Fig. 2. Erster Versuch mit der Montgolfiere zu Annonay am 5. Juni 1783.
Nach einem gleichzeitigen Stiche.

Daß die Bestrebungen, mit Hilfe von Maschinen zu fliegen, älter sind als der Luftballon, ist nicht unbekannt. Lassen wir auch den Kreis der Sagen, die schon bei verschiedenen Völkern des Altertums von fliegenden Menschen erzählen, ganz beiseite, so hat doch das Mittelalter in seiner zweiten Hälfte, die überhaupt einen bedeutenden Aufschwung der mechanischen Künste herbeiführte, einige ernsthafte Versuche auf unserem Felde zu verzeichnen. Leonardo da Vinci, jener Riesengeist des 15. Jahrhunderts, der den ganzen Lebens- und Gedankeninhalt seines Zeitalters in sich zusammengefaßt hat, wie es nach ihm nur Goethe noch einmal verstanden hat, war nicht nur Maler, Bildhauer, Dichter und Schriftsteller, er war auch in seiner Zeit der hervorragendste Mathematiker, Techniker und Mechaniker. Nicht nur der Fallschirm, der bald wieder vergessen und nach Leonardo noch zweimal selbständig erfunden wurde, auch die Luftschraube, jenes bekannte Kinderspielzeug und die motorische Seele zahlreicher moderner Luftschiffe, soll ihm zu verdanken sein. Ja sogar die genaue Beobachtung des Vogelfluges als Grundlage für die Konstruktion mechanischer Flugmaschinen, die Aviatik (vom Lateinischen: avis, der Vogel), welche erst seit etwa 30 Jahren wieder die Frage des Fliegens in lebhafteren Fluß gebracht hat, ist von Leonardo da Vinci und nach ihm im Jahre 1680 von Professor Borelli in Rom zum großen Teil vorweg genommen worden.

Und es war nicht einmal die Aviatik allein, in der sich das spätere Mittelalter zu Gunsten des menschlichen Fluges tapfer bemüht hat, auch der Luftballon ist seinen unsterblichen Erfindern Montgolfier und Charles schon einige Male vorerfunden worden, wenn auch nur auf dem Papier, aber nach unleugbar richtigen Principien. Was ist das in Figur 1 dargestellte Luftschiff des Jesuiten Lana, aus dem Jahre 1670 stammend, anders als eine Gondel mit vier Ballons?

Freilich kannte Lana nicht den Auftrieb heißer Luft oder specifisch leichterer Gase, aber seine – wohlverstanden immer hübsch auf dem Papier – aus Kupfer getriebenen Ballonkugeln sollten luftleer gemacht werden und hätten dann denselben Zweck erfüllt, wenn nicht leichtverständliche Hindernisse diese Art der Ausführung verboten hätten. Der schlaue Dominikanerfrater Galien, der 1775 zu Avignon die welterschütternde Entdeckung machte, daß man große „hölzerne Kästen“ nur mit der leichteren Luft der höchsten atmosphärischen Schichten zu füllen brauche, um ganze Armeen durch die Luft zu transportieren, braucht Lanas Werk nicht eben gekannt zu haben, wenn es auch nicht unwahrscheinlich ist, daß er sich mit fremden Federn geschmückt hat.

Fig. 3. Das lenkbare Luftschiff von Ch. Renard und A. Krebs.

Die Geburtsstunde der modernen Luftschiffahrt schlug aber, als am 5. Juni 1783 der Brüder Montgolfier rauchgefüllte Kugel (s. Figur 2) sich zu Annonay ein


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verschiedene: Die Gartenlaube (1899). Ernst Keil's Nachfolger, Leipzig 1899, Seite 564. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Gartenlaube_(1899)_0564.jpg&oldid=- (Version vom 9.8.2025)