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Die Sophienkirche ist die einzige Kirche Dresdens, von der trotz mehrfacher
baulicher Veränderungen im Laufe der Jahrhunderte noch wesentliche Teile
ihrer mittelalterlichen Gestaltung erhalten geblieben sind. Sie war
ursprünglich als die Kirche des Dresdner Franziskaner- oder Barfüßer-Klosters erbaut worden.
Der im Jahre 1208 von Franciscus von Assisi begründete, 1210 von Papst Innocenz III. mündlich und von Papst Honorius III. 1223 bestätigte Orden nahm durch seine enge Verbindung mit dem Volke bald im mittelalterlichen Leben eine bedeutende und einflußreiche Stellung ein. Die Anhänger der Lehre des heiligen Franz gelobten in größter Armut ein Gott und den Menschen wohlgefälliges Leben zu führen. Zum Zeichen ihrer Demut und Selbsterniedrigung nannten sie sich Fratres minores, Minoriten. Ihren Lebensunterhalt gewannen sie durch die ihnen zufließenden Spenden und freiwilligen Gaben. Ihren Lebenszweck sahen sie in der Ausübung von Frömmigkeit und Nächstenliebe, die sie durch die ihnen verliehenen Rechte der Beichte, der Predigt und der Bestattung betätigten. Nicht wie andere Orden zogen sie sich in die Einsamkeit zurück, um dort ein von der Welt abgeschlossenes Leben zu führen, sondern sie suchten, weil in der Predigt ihre Haupttätigkeit bestand, die Städte auf. Sie paßten sich in Sitten und Gewohnheiten der Bevölkerung an, der sie in der betreffenden Landessprache das Heil verkündeten. Sie gebrauchten nicht die Waffe der Dominikaner, die Inquisition, sondern sie wurden im wahren Sinne Freunde des Volkes, dessen Liebe sie sich in hohem Grade errangen, weil sie ein wirkliches Verständnis für dasselbe hatten. „Und wie die Städte, so wurden die Bettelorden in den folgenden Jahrhunderten die eigentlichen Träger neuer Zivilisation und Bildung. Die Beiden gehen demnach auch Hand in Hand: Die Städte werden die Heimat der predigenden Mönche und die volkstümliche Religion der letzteren wird die Religion der Städte. Jeder Teil gibt und jeder empfängt.“[1]
Von besonderer Wichtigkeit für die Franziskaner oder wie sie in Dresden genannt wurden „Barfüßer“, nach ihren grauwollenen Kutten auch „graue Brüder“, war das Recht des Begräbnisses. In der Klosterkirche oder wenigstens auf dem
- ↑ Henry Thode, Franz von Assisi und die Anfänge der Kunst der Renaissance in Italien. Berlin 1885. S. 9.
Robert Bruck: Die Sophienkirche in Dresden. H. von Keller, Dresden, Dresden 1912, Seite 1. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Sophienkirche_in_Dresden_(1912).pdf/13&oldid=- (Version vom 8.1.2026)