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geschöpft und sich bemüht, möglichst viel daraus in Stein zu übertragen, wie die überreiche Anbringung von verschiedenen Ziermotiven vermuten läßt.
Obwohl der Höllenrachen als Löwenkopf, wie er auf dem Bünau-Relief dargestellt ist, als ein altes Erbstück deutscher Kunst schon in der sächsischen Buchmalerei des XIII. Jahrhunderts vorkommt, so ist doch die eigenartige Bildung des Haarschopfes und Bartes, die als züngelnde Flammen gegeben sind, und die besondere Durchbildung der Augen für die von Kramer als Ornament bevorzugten Löwenköpfe kennzeichnend. Wenn das Danziger Haus von dem häufigen Vorkommen der Löwenmaske seinen Namen im Volksmunde erhalten hat, so dürfte man bei näherer Betrachtung des Goldenen Tores wohl die Überzeugung gewinnen, daß Kramer schon an seinem Dresdner Werke seiner Vorliebe für die Löwenmaske als Ziermotiv in überreichem Maße Genüge getan hat. Er hat sie, wo es nur anging, angebracht, sogar an Stellen, an denen sie den organischen Zusammenhang des Zierrates stört. An der rechten Ecke des breiten Gebälkfrieses z. B. wird die Fruchtgirlande von einem Löwenkopfe gehalten, während in der entsprechenden linken Ecke die Fruchtschnur aus der Mitte einer Blume ausgeht. Die Formengebung der Löwenmasken ist am Goldenen Tore in Dresden und an den Danziger Bauten übereinstimmend.
Die Danziger Tore, von denen das des Englischen Hauses in seinem Aufbau und dem architektonischen Gefühl eine besondere Verwandtschaft mit dem Goldenen Tore in Dresden empfinden läßt, erweisen, obschon Kramer in Danzig einen stärkeren niederländischen Einfluß erfahren hat, in welch hohem Maße er die Formen der italienischen Renaissance beherrschte, und lassen keinen Zweifel aufkommen, daß der Künstler, der solche Werke erstehen ließ, auch als der Schöpfer des Dresdner Tores gelten darf. (Taf. XII.) Zudem war Hans Kramer als Hofsteinmetz auch in erster Linie die Persönlichkeit, an die sich der Kurfürst zur Herstellung eines reichen Schloßkapellentores gewandt haben wird.
Die aufgestellte Behauptung, daß ein Italiener und ein deutscher Meister an dem Dresdner Tore gearbeitet haben, daß die besten Teile, vor allem der Entwurf, von einem Italiener stammen, dürfte meines Erachtens nicht aufrecht erhalten werden können, wenn auch ohne weiteres zuzugeben ist, daß Kramer als Hofsteinmetz vielleicht untergeordnete italienische Steinmetzen in seiner Werkstatt beschäftigte und daß einzelne Teile des Tores von diesen gearbeitet sein können. Das ganze Werk macht aber einen durchaus einheitlichen Eindruck.
Bei den gewöhnlich als italienisch bezeichneten Teilen des Goldenen Tores nimmt man bei näherer Betrachtung Dinge wahr, die nach allem, was wir von der italienischen Renaissancekunst wissen, zwar nach italienischen Formen, aber nicht aus italienischem Geiste heraus geschaffen sind. So fällt es auf, daß an der Stelle, wo der Konsolstein die innere Archivolte überschneidet, der Künstler einen Teil eines Löwenkopfes links und einen Teil rechts von der Konsole angebracht hat. Wenn man solche Konsolschlußsteine an italienischen Werken sieht, erkennt
Robert Bruck: Die Sophienkirche in Dresden. H. von Keller, Dresden, Dresden 1912, Seite 21. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Sophienkirche_in_Dresden_(1912).pdf/33&oldid=- (Version vom 14.2.2026)