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Um die Renaissancekunst und die aus ihr sich entwickelnde Kunst des 17. Jahrhunderts verstehen zu können, muß man die drei verschiedenen Wege, auf denen die italienische Formenwelt der deutschen Kunst zugeführt wurde, kennen lernen. Als das früheste Auftreten kann man die Verpflanzung italienischer Renaissancemotive an sonst noch gotische Werke durch das Bekanntwerden der deutschen Künstler mit italienischen Kupferstichen, die auf den Märkten und Messen in Deutschland feilgehalten wurden, bezeichnen.

Die zweite Art einer Formenübertragung fand dadurch statt, daß nordische Künstler, insbesondere Niederländer, nach Italien wanderten, um dort an Ort und Stelle die neue Kunst zu studieren, in sich aufzunehmen und, in ihre Heimat zurückgekehrt, sie, durch ihre nationale Eigenart umgebildet, in vollem Umfange zur Anwendung zu bringen. Wie die sogenannten italienisierenden Niederländer in der nordischen Malerei von Bedeutung waren, so war für die deutsche Grabmalskunst das Wirken niederländischer Bildhauer von großem Einfluß. Gurlitt weist in seiner Geschichte der Kunst[1] darauf hin, eine wie große Verbreitung die niederländische Grabmalskunst besonders im 15., aber auch noch im 16. und 17. Jahrhundert in Deutschland fand, daß ein förmlicher Handel mit Grabmälern getrieben worden sei und nur niederländische Meister in Deutschland, Frankreich, England und Skandinavien mit ihrer Anfertigung beschäftigt waren. Für Sachsen kann als Beispiel auf das große Grabmal des Kurfürsten Moritz im Dome zu Freiberg hingewiesen werden, das ihm sein Bruder Kurfürst August 1563 durch den Bildhauer Anton von Zerroen aus Antwerpen erbauen ließ.

Die dritte Art der Beeinflussung aber erfolgte durch die Berufung italienischer Künstler an deutsche Fürstenhöfe, wo sie vorübergehend oder längere Zeit sich niederlassend, Aufträge ausführten und damit ihre heimische Kunstrichtung direkt nach dem Norden übertrugen. Im Jahre 1575 ließ sich Giovanni Maria Nosseni, von dem Grafen Hans Albrecht von Sprintzenstein dem sächsischen Hofe empfohlen, von Lienz an der Donau kommend, in Dresden nieder. Seine Bestallungsurkunde als sächsischer Hofbildhauer und Maler ist vom 10. Juli 1575 datiert.[2] Nosseni ist in seiner italienischen Zeit besonders mit der Kunstart Jacopo Sansovinos, des Architekten und Bildhauers, und des Giovanni da Bologna vertraut geworden, durch dessen Vermittlung er mit dem Grafen Sprintzenstein bekannt wurde.

Das hohe Ansehen, das Nosseni genoß, scheint sich mehr aus den Zeitumständen zu ergeben. Er war als der direkte Vermittler italienischer Renaissancekunst am sächsischen Hofe freudig aufgenommen worden und genoß als Ausländer, wie das allgemein in Deutschland der Fall war, ein höheres Ansehen als deutsche Künstler. Die kunstgeschichtlichen Studien über Nossenis Tätigkeit lassen wohl heute mit Sicherheit annehmen, daß er viel mehr Architekt als Bildhauer war.


  1. Cornelius Gurlitt, Geschichte der Kunst. Stuttgart 1902. B. II. S. 289 flg.
  2. Abgedruckt bei Walter Mackowsky, Giovanni Maria Nosseni und die Renaissance in Sachsen. Berlin 1904. S. 29 u. 30.
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Robert Bruck: Die Sophienkirche in Dresden. H. von Keller, Dresden, Dresden 1912, Seite 46. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Die_Sophienkirche_in_Dresden_(1912).pdf/58&oldid=- (Version vom 24.2.2026)