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Es wurde auch bei ernster Strafe jedes Abschießen von Büchsen in der Stadt verboten. Am bezeichnendsten aber ist die Stelle, wo man mit religiösen Gründen den Unruhstiftern aller Art beizukommen sucht: „Nachdeme auch die strafe gottes vor der hand, so begehren Seine fürstl. Gnaden, samt statthalter und reten, daß sich ein jedermann gottslesteriger fluche, schwehrens und worte, vollsaufens und anderer unchristlicher laster, sonderlich unzuchtiger worte, gebehrde und geschreies gegen frauen und jungfrauen, und sonst anderer dergleichen ungottselligen wandels mit worten und werken enthalten und in gottes forcht und sonst allenthalben erbahrlich, stille und zuchtig wandelen wollten, wie sie for gott und aller ehrbarkeit zuforderst in diesen leuften schuldig seind.“
Aber selbst diese energische Maßnahme nutzte nicht viel; die Klagen über die Böhmen wollten auch jetzt nicht verstummen. Zweifellos sah man schon deswegen im ganzen Lande mit scheelen Augen auf sie, weil man insgeheim doch mit dem Kurfürsten sympathisierte und gerade in ihnen dessen gefährlichste Feinde erkannte. Die Böhmen mag aber oft auch wirklicher Mangel zur Plünderung veranlaßt haben, denn nur allzu schlecht gingen die Besoldungsgelder ein. Ja, es kam vor, daß die Hauptleute das wenige noch vorhandene Geld für sich verspielten und obendrein Schulden machten. So mochte es den Dresdnern wohl ganz recht sein, als Ende Januar die veränderte Kriegslage den Herzog Moritz veranlaßte, die Stadt fast von allen Truppen zu entblößen, um sich in Freiberg und Chemnitz eine starke Position zu schaffen.
Johann Friedrich hatte am 27. Januar die Belagerung von Leipzig als aussichtslos aufgegeben; Moritz vermutete alsbald einen feindlichen Vorstoß gegen Zwickau oder Chemnitz und konzentrierte daher alle seine verfügbaren Truppen um Freiberg und Chemnitz, wo er selbst sein Hauptquartier zusammen mit Markgraf Albrecht von Brandenburg nahm. In Wirklichkeit aber schlug der Kurfürst sofort sein Winterlager vor Altenburg auf, und fast den ganzen Februar über lagen sich nun die beiden Gegner bis auf einige unbedeutende Scharmützel tatenlos gegenüber, wobei allerdings wohl auch die strenge Kälte die Angriffslust beider Teile in etwas lähmte.
Man sollte nun meinen, daß in dieser Zeit der Ruhe, die nur auf diplomatischem Gebiete durch verschiedene Aussöhnungsversuche beider Landschaften, des Kurfürsten von Brandenburg und vor allem der unermüdlichen Herzogin von Rochlitz unterbrochen wurde, den albertinischen Räten das Vertrauen zur Sache ihres Herrn zurückgekehrt sei, aber beinahe das Gegenteil ist der Fall. Gerade die in Dresden verbleibenden Räte, vor allem der Kanzler Pistoris, verraten immer wieder eine recht pessimistische Auffassung der Gesamtlage, und selbst der Vertrauensmann des Herzogs, Dr. Fachs, scheint davon nicht ganz frei geblieben zu sein. Dieser zeigte wenigstens am 1. Februar dem Dr. Türk in des Herzogs Umgebung an, daß ihm ein „gelehrter in der astrologei“ prophezeit habe, daß der Herzog nur noch bis zu seinem Geburtstage – am 21. März – Kriegsglück erhoffen dürfe, von da ab werde er nur Martem adversum, das heißt einen ungnädig gesinnten Kriegsgott haben. Zwar bestreitet Fachs, daß er dieser Voraussage Glauben beimesse, aber es klingt doch wieder wie leiser innerer Zweifel, wenn er schreibt: „Und wiewohl ich davone nichts halte und rate, daß man nichts temere [leichtsinnig] oder uf ein ungewiß wegen vorneheme, dann die astra [Sterne] incliniren wuhin oder drowen was sie wollen, So weiß ich, daß aller sieg bei unserm lieben gotte stehet, der wird uns nicht im Stich lassen.“ Auch den Tod des Kaisers sagte übrigens der unheilsfrohe Sterndeuter für den 15. Februar voraus, freilich nicht ohne sich vorsichtigerweise für diesen kürzeren Termin eine wohlfeile Rückzugsmöglichkeit zu sichern. Wieviel Unheil mag seine Weisheit wohl in den Köpfen der biederen Dresdner angerichtet haben, wenn selbst der gelehrte Fachs sich einer abergläubischen Anwandlung nicht ganz entziehen konnte! Wirkte doch der Unglückskünder bereits auf Pistoris so intensiv, daß sich dieser Komerstadt gegenüber sogar zu dem Satze verstieg: „und so ichs also eher gewußt, wollt ich mich nicht also weit haben eingelassen, doch stehet es bei gott[1].“
Wenn sich solche Gedanken schon der Feder seines Kanzlers entringen konnten, dann hatte der junge Fürst wohl gegründeten Anlaß dazu, daß er dem gemeinen Manne, der in ihm unter den Einflüsterungen der Prediger den Feind des Evangeliums argwöhnte, nirgends glauben und trauen zu können vermeinte. Und nicht übertrieben scheint es, wenn Georg von Carlowitz immer und immer wieder vor der aufrührerischen Gesinnung der ganzen Bevölkerung warnt, wenn er die kriegerische Tüchtigkeit des aufgebotenen Landvolkes mit den drastischen Worten beleuchtet: „es ist aber unser volk, wenn man mit ihm redt, so zweifelhaftig; sie haben immer sorge, sie fallen durch die erde“[2]. Mit solchen Leuten ließ sich natürlich nichts unternehmen, und es ist vollkommen verständlich, wenn Moritz sich auf kleine Streifzüge beschränkte und im übrigen in Chemnitz ruhig abwartete, bis er an wirklichem Kriegsvolk stark genug sein würde, um eine Schlacht wagen zu können.
Am 17. Februar eilte er nach Aussig zu einer Unterredung mit dem König und dem Kurfürsten von
Dr. Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter Band 5 (1909 bis 1912). Buchdruckerei der Wilhelm und Bertha v. Baensch Stiftung., Dresden 1909 bis 1912, Seite 7. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dresdner_Geschichtsbl%C3%A4tter_F%C3%BCnfter_Band.pdf/10&oldid=- (Version vom 31.12.2025)