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und Kritiker Ludwig Tieck, der im Sommer 1819 zu dauerndem Aufenthalte nach Dresden übersiedelte[1] und hier eine zweite Heimat fand, näher bekannt und befreundet[2]. Als nun Ludwig Tieck zu Beginn des Jahres 1825 zum Dramaturgen am Königl. Theater zu Dresden ernannt worden war[3], machte er, rührig und unternehmend, wie er war, noch vor Ablauf des ersten Jahres seiner neuen Wirksamkeit seinem Vorgesetzten, dem Generaldirektor des Hoftheaters, Wolf Adolph von Lüttichau, unter anderem auch den Vorschlag, baldigst eine Verbesserung und Erweiterung des seiner Zeit von Moretti ins Leben gerufenen, neben dem großen Opernhause bestehenden Theaters ernstlich ins Auge zu fassen und für diesen Plan womöglich Meister Schinkel in Berlin zu gewinnen, der nach der Erbauung des neuen Berliner Schauspielhauses in den Jahren 1818 bis 1821 und des Aachener Schauspielhauses im Jahre 1822[4] mit Recht sich des Rufes eines ebenso sachverständigen wie genialen Theaterbaumeisters erfreute. Von jenem hochstrebenden, den gegebenen Verhältnissen weit vorauseilenden Tieckschen Plane erfahren wir durch einen bisher unbekannten, im Besitze der Königl. Öffentl. Bibliothek zu Dresden befindlichen Brief[5], den Tieck am 10. Dezember 1825 an Schinkel richtete und den Herr von Lüttichau diesem in Berlin persönlich zu übergeben gedachte. Er lautet:
Dieses Erinnerungsblatt, durch welches ich mich in Ihr Gedächtniß zurückrufen möchte, erhalten Sie durch den Intendanten des hiesigen Theaters, den Hofmarschall von Lüttichau. Dieser Mann wünscht Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen, um Sie wegen einiger Sachen, die uns hier nicht unwichtig sind, so unbedeutend sie Ihnen auch erscheinen mögen, um Rath zu fragen. Am schönsten wäre es freilich, wenn irgend eine Veranlassung, wäre es auch nur auf wenige Tage, Sie hierher führte: denn es handelt sich eigentlich darum, ob es möglich sei, ohne große Kosten und vielen Zeitverlust, dem hiesigen Theater eine bessere Gestalt zu geben, es zu erweitern und bequemer zu machen. Hier ist Niemand, dem wir vertrauen können, oder der es versteht: denn die Reparatur vor drittehalb Jahren, von der nichts wahrzunehmen ist, und die durchaus nichts verbesserte, hat damals so viel gekostet, daß man davon einen neuen Kasten dieser Art hätte bauen können. – Nur Freunden, und Sie werden wohl selbst der Meinung sein, nur vertrauten Freunden wagt man es, dergleichen Vorschläge zu machen. Zu Ihren Freunden rechne ich mich wenigstens, wenn auch nicht zu den vertrauten: so viel aber ist es gewiß, nur ein Künstler von Ihrem Genie könnte uns in unsrer Noth helfen. – Wenn Sie meinen Wunsch und meine Bitte auch ganz weit wegweisen sollten, so weiß ich doch, daß Sie mir darum nicht zürnen werden. Ist aber Ihr Genius gerade bei Heiterkeit, Muße und Laune, und gefällt es Ihnen, auf unsere Wünsche irgend Rücksicht zu nehmen, so ist es um so erfreulicher, auch um so verdienstlicher, daß ein Schöpfer großer Werke nicht verschmäht, ein Flicker und Verbesserer von unbedeutenden zu sein. Immer bleibe ich in Verehrung und Liebe
| Dresden, | |
| den 10. Dezember 1825 | Ihr ergebener Freund |
| L. Tieck. |
Die Schilderung, welche hier von dem Zustande des Morettischen Theaters oder, wie es damals hieß, des „Kleinen Schauspielhauses“ im Jahre 1825 entworfen wird, muß zum mindesten als stark übertrieben bezeichnet werden. Die von Tieck als völlig verfehlt und zwecklos hingestellte Erneuerung dieses Theaters hatte während der Sommermonate des Jahres 1821 stattgefunden[6]. Auf Antrag von Lüttichaus Vorgänger v. Könneritz erhielt damals die Bühne eine gänzlich veränderte bessere Maschinerie und hellere Beleuchtung, der Zuschauerraum eine neue Decke und bessere Sitze[7]. Für die genannten baulichen Veränderungen bewilligte König Friedrich August zunächst 2042 Taler und nachträglich weitere 861[8]. Die Bauleitung lag in den Händen des bewährten, allseitig gerühmten Oberlandbaumeister Christian Friedrich Schuricht[9], des Erbauers des ursprünglichen Belvederes[10], dessen fachmännische Kenntnisse und verdienstliche Leistungen auf allen Gebieten des Bauwesens Tieck in seinem Briefe an Schinkel offenbar sehr mit Unrecht herabsetzt. Jedenfalls wurden die großen Vorzüge des Umbaues bei der
- ↑ R. Köpke, Ludwig Tieck (Leipzig 1855) I, 383.
- ↑ Ebenda I, 380.
- ↑ Ebenda II, 35; R. Prölß, Geschichte des Hoftheaters zu Dresden (Dresden 1878), 444–449.
- ↑ Vgl. Aus Schinkels Nachlaß III, 170–187, IV, 270 ff., A. v. Wolzogen a. a. O. 59; Berliner Kalender auf 1844, 354 f.; H. v. Krosigk a. a. O. 335.
- ↑ Mscr. Dresd. e 90b I, 76.
- ↑ Letzte Vorstellung vor dem Umbau: Maria Stuart am 3. Mai 1821, vgl. Dresdner Abendzeitung auf 1821 II, Nr. 118 vom 17. Mai; Eröffnungsvorstellung nach dem Umbau: La donna del lago von Rossini am 29. September 1821, vgl. Dresdner Abendzeitung auf 1821 IV, Nr. 239 vom 5. Oktober.
- ↑ Dresdner Abendzeitung auf 1821 IV, Nr. 239, vom 5. Oktober.
- ↑ Vgl. Hoftheaterakten, Theatergebäude betr., Band 17.
- ↑ Vgl. den im „Neuen Nekrolog der Deutschen“, Jahrgang X, 1832 II, 578 ff., enthaltenen ausführlichen Lebensabriß des Mannes.
- ↑ Vgl. Die Bauten von Dresden, herausgegeben von dem Sächs. Ingenieur- und Architekten-Verein (Dresden 1878), 344; Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen. Heft XXI–XXIII. (Dresden 1900 bis 1903), 528.
Dr. Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter Band 5 (1909 bis 1912). Buchdruckerei der Wilhelm und Bertha v. Baensch Stiftung., Dresden 1909 bis 1912, Seite 98. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dresdner_Geschichtsbl%C3%A4tter_F%C3%BCnfter_Band.pdf/101&oldid=- (Version vom 21.1.2026)