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XX. Jahrgang          1911          Nr. 1.


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Fürstenbesuche in Dresden.
Von Professor Dr. Paul Rachel.



I. Deutsche Kaiser (Fortsetzung): Leopold II. 1791.

Als Joseph II. zum Sterben kam, fiel seinem Bruder Leopold die schwierige Aufgabe zu, den stark erschütterten Staat im Inneren zu festigen und nach außen hin aus seiner bedrohten Lage herauszureißen. Leopold, der zweite Sohn des Kaiserpaares Franz I. und Maria Theresia, war im Jahre 1765 nach seiner Verheiratung mit der spanischen Infantin Marie Luise als Großherzog von Toskana nach Italien gegangen und hatte das ihm vom Vater überkommene Land in ganz ausgezeichneter Weise regiert. Alle Schäden wurden beseitigt, neue freisinnige Einrichtungen getroffen. Er zeigte hierbei denselben nach Reformen strebenden, aufgeklärten Sinn wie sein Bruder Joseph II., doch war er bei weitem mehr Realpolitiker als dieser. Er wußte Menschen und Dinge kühl zu beobachten und gegeneinander abzuwägen und traf, nachdem er sich über das Verhältnis der Kräfte, die gegeneinander spielen würden, klar geworden war, seine Entscheidung. Begreiflicherweise war er mit so mancher Maßregel, die sein Bruder in den Erblanden getroffen oder in der auswärtigen Politik für gut befunden hatte, nicht zufrieden gewesen, hatte sich aber sorgfältig gehütet, obwohl er bei Josephs Kinderlosigkeit der einstige Erbe der österreichischen Hausmacht war, in den Gang der Regierung hineinzureden. Außerungen, die er der ihm vertrauten Schwester Maria Christine gegenüber getan hat, zeigen, daß er den Zusammenbruch der Politik seines Bruders voraussah. Dieser selbst wünschte ihn, schwer enttäuscht über seine Mißerfolge und erfüllt von düsteren Ahnungen über seinen physischen Zusammenbruch, als Mitregenten baldmöglichst um sich zu sehen. Leopold schickte sich an, diesen Wunsch zu erfüllen; ehe er aber am 12. März 1790 in Wien anlangte, war Joseph schon am 20. Februar verschieden. 43 Jahre alt, also in der Vollkraft seiner Jahre, trat Leopold die Regierung der Erblande an, nach dem kinderlos gestorbenen der kinderreiche Fürst, denn 16 Kinder hatte ihm seine Gemahlin geboren, von denen 14 damals noch am Leben waren. Schon waren zwei seiner Söhne und eine seiner Töchter vermählt.

Seiner angestrengten, klugen und versöhnlichen Politik, in der er sich von dem berühmten Berater Maria Theresias und seines Bruders, dem Fürsten Kaunitz-Rietberg, erheblich entfernte, gelang es, die aufständischen Niederländer durch Nachgiebigkeit zum Gehorsam zurückzuführen, die ebenfalls unzufriedenen Ungarn gänzlich zu beruhigen. Am entscheidungsvollsten aber war es, daß er den drohenden Ausbruch eines Krieges mit Preußen durch seine Haltung bei den Verhandlungen des Kongresses zu Reichenbach beschwor. Im Gegensatz zu Kaunitz und zu hervorragenden Militärs war er der Meinung, daß Österreich beiden Kämpfen, gegen Rußland und gegen Preußen, nicht gewachsen sei. Der unvermutet rasche Tod des tüchtigsten Kriegsführers seines Staates, des Feldmarschalls Laudon, mochte dazu beitragen, auch in weiteren Kreisen das Gefühl lebendig werden zu lassen, Österreich laufe große Gefahr, wenn es zu neuen Kämpfen mit Preußen komme. Leopold neigte zu der Auffassung, daß beide Staaten zusammenstehend für den Gang der gesamten europäischen Politik und die Erfüllung der besonders gehegten Wünsche

Empfohlene Zitierweise:
Dr. Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter Band 5 (1909 bis 1912). Buchdruckerei der Wilhelm und Bertha v. Baensch Stiftung., Dresden 1909 bis 1912, Seite 129. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dresdner_Geschichtsbl%C3%A4tter_F%C3%BCnfter_Band.pdf/132&oldid=- (Version vom 25.3.2026)