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mehr zu erreichen imstande sein würden, als wenn sie einander bekämpften und sich, jeder für sich, mit einem anderen Staate verbündeten. Die allgemeinen europäischen Verhältnisse kamen ihm bei seinem Vorhaben sehr zu statten, und so befreite ihn der Vertrag von Reichenbach am 27. Juli 1790, ohne daß Preußen besondere Vorteile erlangte, von großer Sorge; es war ein diplomatischer Sieg, den er erfochten hatte. In derselben Zeit näherten sich die Verhandlungen, die seiner Wahl zum römischen Kaiser deutscher Nation galten, dem Abschlusse. Nachdem er den Reichsständen etliche Zugeständnisse gemacht hatte, erfolgte am 30. September 1790 seine Wahl. Am 4. Oktober hielt er seinen Einzug in Frankfurt, am 9. wurde er gekrönt. Daß all dem Glanz, der dabei entfaltet wurde, irgendwelche Macht nicht entsprach, sagen uns die bitteren Worte des Ritters von Lang[1]: „Nichts konnte ein traurigeres Bild der eiskalt erstarrten und kindisch gewordenen Reichsverfassung geben, als das Fastnachtsspiel einer solchen in ihren zerrissenen Fetzen prangenden Kaiserkrönung.“

Wenige Wochen später – am 15. November – ließ er sich in Preßburg zum König von Ungarn krönen. Nachdem er die ungarischen, kroatischen und siebenbürgischen Stände um sich gesehen und alle noch vorhandenen Streitfragen erledigt hatte, entschloß er sich im März 1791 zu einer Reise nach Italien, die ihm Erholung bringen sollte, zugleich aber Gelegenheit zu vielen wichtigen Verhandlungen bot: seine Stellung zur französischen Revolution, zum polnischen Staatsstreich vom 3. Mai 1791 und das mit Preußen eingegangene nähere Verhältnis beschäftigten ihn während seines Aufenthaltes in italienischen Städten, abgesehen von den noch immer nicht abgeschlossenen Verhandlungen mit der Türkei.

Diese Geschäfte wickelten sich in etwa folgender Weise ab: Leopold, der bei seiner freier gesinnten Auffassung über Unrecht eines Volkes auf Einfluß in der Landesregierung der französischen Staatsumwälzung nicht feindselig gegenübergestanden hatte, war allmählich von Sorge um das Schicksal seiner Schwester, der Königin Marie Antoinette, erfüllt worden. Er war daher damit einverstanden, daß das französische Königspaar, falls ihm die Flucht nach Luxemburg oder Belgien gelinge, von den Niederlanden aus unterstützt und geschützt werde. An sich war er mit dem Plan einer Flucht, die er ja doch nicht hindern konnte, nicht einverstanden. Nachdrücklich suchte er die rachgierigen und höchst unklugen Pläne des Grafen von Artois, der die Seele der französischen Emigranten war, zu unterdrücken. Als er die freilich falsche Nachricht erhielt, die Flucht Ludwigs XVI. und Marie Antoinettes sei gelungen, hoffte er bestimmt auf einen großen moralischen Erfolg den Aufrührern gegenüber, war aber zu einem feindseligen Dazwischentreten noch immer nicht geneigt, sicherlich jedoch zur Vermittlung zwischen dem geflohenen und geretteten König und seinem gewiß sich besinnenden Volke. 24 Stunden später, am 6. Juli 1791, erreichte ihn zu Padua die Mitteilung vom Mißlingen des Fluchtplanes, und nun wendete er sich an die Mächte Europas und forderte sie auf zu einem gemeinsamen moralischen Schutze des königlichen Paares, zu Vorsichtsmaßregeln gegen die Aufrührer und zu Gegenmaßregeln für den Fall, daß Ludwig XVI. und Marie Antoinette weiter gefangen gehalten und sie und die königliche Familie unwürdig behandelt werden würden. Gleichzeitig setzte der Kaiser mit Oberst Bischofswerder[2], dem sehr einflußreichen Vertrauten des Königs Friedrich Wilhelm II. von Preußen, einige Punkte fest, auf Grund deren zwischen Österreich und Preußen ein Bündnis abgeschlossen werden könnte. Die wichtigsten darunter waren: Beide Höfe gewährleisten sich ihren Besitzstand gegen jeden Angriff. Keiner von beiden wird ohne Wissen des anderen eine Allianz mit einer anderen Macht schließen. Die nach den schlesischen Kriegen und dem bayerischen Erbfolgekriege vereinbarten Verträge sollen bekräftigt werden. Es soll der Versuch gemacht werden, den vom Kaiser angeregten Bund der europäischen Mächte zur Beruhigung Frankreichs, zur kraftvollen Wiederherstellung der Monarchie ins Leben zu rufen.

Zur Stärkung dieser preußisch-österreichischen Verständigung war eine Zusammenkunft der beiden Fürsten wünschenswert, und da Friedrich Wilhelm sich in Schlesien befand, der Kaiser nach seiner Rückkehr aus Italien von Wien aus Böhmen besuchen wollte, um sich in Prag krönen zu lassen, schien sich Sachsen sehr gut zu einem Zusammentreffen zu eignen. Gewiß trug auch das erhöhte Interesse, das die politische Welt damals der Lösung der polnischen Erbfolgefrage entgegentrug, mit dazu bei, daß Sachsen gewählt wurde. Der polnische Reichstag hatte nach der neuen Verfassung erbliche Thronfolge einzuführen beabsichtigt und dem Kurfürsten Friedrich August III., dem Urenkel Augusts des Starken, dem Enkel Augusts III. von Polen, die Krone angeboten und ihm in Aussicht gestellt, daß seine einzige Tochter, Prinzessin Auguste, seine Nachfolgerin sein sollte. Diese noch sehr junge Prinzessin, die für einen der Söhne Leopolds als künftige Gemahlin


  1. Memoiren I, 212.
  2. Bischofswerder war so schnell und so heimlich von Berlin abgereist, daß man schon geargwohnt hatte, der „Laubfrosch“, so wurde er wegen seiner grünen Uniform genannt, sei durch die Ränke einer Geliebten des Königs, der Gräfin Dönhoff, in Ungnade gefallen. – v. Krosigk, Graf Karl Brühl. Berlin 1910, S. 166.
Empfohlene Zitierweise:
Dr. Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter Band 5 (1909 bis 1912). Buchdruckerei der Wilhelm und Bertha v. Baensch Stiftung., Dresden 1909 bis 1912, Seite 130. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dresdner_Geschichtsbl%C3%A4tter_F%C3%BCnfter_Band.pdf/133&oldid=- (Version vom 25.3.2026)