Seite:Dresdner Geschichtsblätter Fünfter Band.pdf/134

Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

in Aussicht genommen worden war, war daher der Gegenstand lebhaften politischen Interesses. Friedrich August III. hatte seinen Vertrauten, den Oberkammerherrn Camillo Marcolini, nach Italien zum Kaiser geschickt. Schon als ihm das Angebot der polnischen Krone gemacht worden war, hatte er aus Pillnitz den 27. Mai nach Italien an den Kaiser geschrieben. Sehr richtig hatte er seine Entscheidung hinausgeschoben, bis die neue polnische Verfassung geordnet sei und bis sich die drei hauptsächlich beteiligten Mächte, Rußland, Österreich und Preußen, zu der Frage geäußert haben würden.[1] Am 11. Juni antwortete Leopold aus Mailand, daß er ihn für Polen als durchaus geeigneten Nachfolger des Königs Stanislaus August ansehe. Und in der Tat wäre es ja auch in des Kaisers Interesse gewesen, die Wettiner dort zu sehen. War doch König August III. Österreichs treuester Verbündeter gewesen; außerdem war Leopolds Tochter Maria Theresia mit des Kurfürsten Bruder Prinz Anton verheiratet. Sicher war ein Wettiner in Warschau für Österreich wichtiger als ein Geschöpf Rußlands, wie dies Stanislaus August Poniatowski war. Diesen entgegenkommenden Bemerkungen fügte Leopold eine zunächst ganz vertrauliche Anfrage bei: Der König Friedrich Wilhelm II. von Preußen, mit dessen Abgesandtem, dem Obersten von Bischofswerder, er damals häufige Besprechungen hatte, zeige seit einiger Zeit den Wunsch, mit ihm zusammenzukommen, wenn er (Leopold) Ende August in Böhmen sei. Er bittet nun Friedrich August ganz offen, ihm mitzuteilen, ob es ihm Schwierigkeiten bereiten würde, wenn sich dieses Zusammentreffen auf Schloß Pillnitz bei Dresden abspielte, „sans aucune cérémonie, comme par surprise et par hasard pour une couple de jours seulement“. Er würde sich zugleich freuen, seine persönliche Bekanntschaft bei der Gelegenheit zu machen. Ja, er läßt durchblicken, daß auch Friedrich Wilhelm in seine Person, seine Einsichten, seine Talente, seinen Charakter großes Vertrauen setze, so daß anzunehmen sei, er werde zwischen zwei großen deutschen Höfen aufrichtige Bande knüpfen. Das gerade Pillnitz gewählt wurde, erklärt sich ohne Zweifel aus des Grafen Marcolini Anwesenheit und Wirksamkeit in Mailand. Marcolini[2] suchte den ihm von früher her bekannten und in Sachsen geborenen Bischofswerder, der sich sehr an ihn hielt, zu beeinflussen und ihn möglichst von der Einwirkung der englischen Gesandten Cord Elgin und Macpherson, die Leopold nach Italien gefolgt waren, fernzuhalten. Diese beiden waren unausgesetzt bemüht, den preußischen Unterhändler gegen den Kaiser einzunehmen.

Seine Gedanken, sich in Pillnitz mit ihnen zu treffen, hatte Leopold dem Könige von Preußen schon am 19. Juni mitgeteilt: „J’ai proposé cet endroit, sachant combien à juste titre V. M. estime le digne élécteur, en qui pareillement j’ai toute ma confiance et dont la présence ne peut que contribuer à cimenter la vraie et éternelle amitié, confiance et attachement que je désire d’avoir avec V. M.

Während dieser Zeit seines Aufenthaltes in Italien hatten sich die Spitzen der französischen Emigranten an Leopold herangedrängt. Am 9. April hatte sich der ehemalige Finanzminister Ludwigs XVI., der übel berüchtigte Herr von Calonne, dem Kaiser in Florenz vorgestellt. Er drängte Leopold sehr und wollte für den Grafen von Artois die Zusicherung, bei einem Angriffskrieg gegen Frankreich die kaiserlichen Truppen führen zu dürfen! Leopold verhielt sich gegen die Zumutung sehr zögernd und gab für eine Niederschrift, die Calonne über die mit dem Kaiser gehaltenen Gespräche abgefaßt hatte, seine Unterschrift nicht. Ein anderer Emigrant, Graf Bombelles, betrieb ein Darlehen von 15 Millionen und eine Erklärung des Kaisers gegen die Nationalversammlung. Im Mai 1791 war Artois in Mantua um den Kaiser und arbeitete in seiner leidenschaftlichen Weise für Manifest und Protest, Einmarsch einer Armee in Frankreich, Heranziehung Preußens, Ernennung des Herzogs von Braunschweig zum Führer und für Gewährung reicher Geldmittel. Gegen alles verhielt sich Leopold sehr zurückhaltend; er wollte wohl erst dann helfend eingreifen, wenn Ludwig XVI. ihn um Hilfe anrufe[3].

Nach seiner Rückkehr von Italien schrieb Leopold II. von Wien aus am 4. August noch einmal in zierlicher Schrift einen eigenhändigen Brief an den Kurfürsten von Sachsen. Er bezieht sich darin auf das, was er ihm von Mailand geschrieben, und stellt ihm in Aussicht, er werde ihn nun noch schneller treffen, als er vermutet habe; am 25. August abends hoffe er in Pillnitz einzutreffen und mit seiner Übereinstimmung an dem wichtigen Werke, Europa zu beruhigen, zu arbeiten. Alles Nähere werde ihm ein besonderer Gesandter, Graf Hartig, mitteilen[4]. In seiner Antwort vom 9. August spricht sich der Kurfürst sehr entzückt über den Besuch


  1. Vivenot, Österreichs deutsche Kaiserpolitik I, S. 147.
  2. Da Marcolini nicht in öffentlicher Sendung, sondern in Geschäften des Kurfürsten nach Mailand geschickt worden ist, sind im K. S. Hauptstaatsarchiv Berichte über seinen Aufenthalt in Italien nicht vorhanden.
  3. Briefe der Erzherzogin Marie Christine, Statthalterin der Niederlande, an ihren Bruder Kaiser Leopold II. (herausgegeben von Hans Schlitter in Fontes rerum austriacarum, II. Bd. 48, S. XXXIII u. folgende).
  4. K. S. Hauptstaatsarchiv Loc. 892. Zusammenkünfte. Papiers rélatifs à l’entrevue de l’Empereur Leopold et du Roi de Prusse à Pillniz en Août 1791.
Empfohlene Zitierweise:
Dr. Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter Band 5 (1909 bis 1912). Buchdruckerei der Wilhelm und Bertha v. Baensch Stiftung., Dresden 1909 bis 1912, Seite 131. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dresdner_Geschichtsbl%C3%A4tter_F%C3%BCnfter_Band.pdf/134&oldid=- (Version vom 25.3.2026)