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dürfen? Ein Trost ist es Marie Christine, daß die Minister des Kurfürsten gar sehr gegen die Annahme der polnischen Erbfolge sind. In schwer leserlichen Zeichen, in Zitronenschrift, fügt sie die sehr richtige Bemerkung hinzu: Die Erneuerung der Verbindung des sächsischen Herrscherhauses mit Polen wäre ein Unglück für Sachsen; Prinz Anton, des Kurfürsten Bruder, der mit einer Tochter des Kaisers verheiratet war, habe geäußert, der Kurfürst werde daran sterben. Trotz der durchaus noch ganz unklaren Aussichten beschäftigte sich die Herzogin von Sachsen-Teschen sehr eingehend mit der Prinzessin, und es wurde ihr dabei von deren Mutter, der Kurfürstin Maria Amalie Augusta, freundlichst entgegengekommen. Wir erhalten einen Einblick in die Art, wie fürstliche Mütter jener Zeit ihnen genehme Heiratspläne förderten. Die Prinzessin Auguste war noch nicht ganz 9 Jahre; sie erschien der Herzogin, wie die Mutter, von ziemlich großem Bau, auch an Händen und Füßen so groß, daß man an ein entsprechendes Großwerden denken könnte. Sie ist sehr voll, von rundem Gesicht, blond, hat hübsche blaue Augen, den Mund etwas groß, aber von reizender Farbe; die Zähne, die gut gewachsen sind, wechselt sie gerade. Sie hat eine gut gebaute Brust, die sich gewiß einmal voll entwickeln wird. Sie hält sich gerade, ist nicht geschnürt. Da vielleicht davon die Rede gewesen sein mochte, daß sie nicht ganz gerade gewachsen sei, hat die Kurfürstin sie zufällig oder mit Absicht vor Marie Christine am Bett ausgezogen.

Das Kind erschien ihr lebhaft, heiter, anschmiegend und, wenn man es allein hatte, sehr angenehm und geistig munter. Man sagte von ihr, sie habe viele Talente, sei guten und willigen Herzens. Für ihr Alter hatte sie eine gute Handschrift und spielte als Tochter eines sehr musikliebenden Vaters und Enkelin einer Komponistin, der Kurfürstin Maria Antonia, erstaunlich gut Klavier, ohne dabei etwa ein Wunderkind zu sein. In der Messe erschien sie der Erzherzogin reizend, doch habe man sie nicht allzusehr zum Beten veranlaßt. Der Kurfürst, der ihre Erziehung selbst leitet, ist nicht allzu streng dabei. Er gestattet ihr zwar nicht, das Theater zu besuchen, und bringt sie nicht ins große Publikum, aber wenn bei der Kurfürstin Spiel ist, darf sie anwesend sein und benimmt sich dabei sehr gefällig. Ihre Gesundheit ist, wie ihr Aussehen, ganz ausgezeichnet. Vater und Mutter leben ganz in diesem Kinde, und die Mutter hat sie zu ganz bestimmten Stunden um sich.

Unter den Mitgliedern des sächsischen Hofes ragt nach Darstellung der Erzherzogin niemand besonders hervor, weder die Brüder des Kurfürsten, die Prinzen Anton und Maximilian, noch der Oheim, der Herzog Carl von Curland, oder die Prinzessinnen Marie Anna und Elisabeth, Tanten des Kurfürsten. Die junge Gemahlin des Prinzen Anton jedoch, Erzherzogin Maria Theresia, die Tochter des Kaisers, hebt sie sehr hervor. Der Kurfürst liebe und achte sie, es sei gar nicht zu sagen wie; doch verdiene sie es auch. Ihr Betragen, ihre Klugheit, ihre sich immer gleichbleibende Art und Weise, alles lasse sie reizend erscheinen. Ihr Verkehr mit ihrem Manne, mit der ganzen Familie sei bewundernswert; sie überschaue zwar alle, sei aber mit allen freundlich und herzlich. Da ihr Mann, Prinz Anton, als Thronfolger in Sachsen galt, wünscht sie ihr vor allem Kinder[1].

Die ganze Schilderung zeigt, wie bei aller Einhaltung steifer Etikette doch ein einfaches, fast stilles Leben am Dresdner Hofe herrschte. Und dies erhellt auch daraus, daß die Kurfürstin in jenem Sommer 1791 vom 12. Juli an das Bad in Wolkenstein besuchte und der Kurfürst zweimal dahin reiste, am 1. August, um sie mitten in der Kurzeit zu sehen, das andere Mal, am 19. August, um sie nach Pillnitz zu holen. Dort treffen sie am 20. August ein; am 21. August kam Graf Camillo Marcolini von seiner Reise nach Italien zurück, wenige Tage bevor die hohen Gäste Friedrich Augusts erwartet wurden.

Nach der ganzen Art des Kurfürsten wird man kaum annehmen können, daß er von der Störung seines ruhigen Dahinlebens, die ihm die Zusammenkunft der Fürsten bringen mußte, sonderlich beglückt gewesen ist. Da aber der preußischen Partei am Hofe der plötzliche Jagdbesuch Friedrich Wilhelms II., den er einige Zeit vorher dem Kurfürsten in Schloß Annaburg gemacht hatte, sehr angenehm gewesen war, so sahen es andere Kreise sicher sehr gern, daß nun auch der Kaiser kam, dessen Hauspolitik ja auch nicht so unruhig und in bezug auf innerdeutsche Verhältnisse nicht so unternehmungslustig war, wie die seines verstorbenen Bruders Joseph II. Wie die der Verbindung mit Österreich zugeneigte Partei am Hofe, so war auch die Bevölkerung der Stadt Dresden mit dem angesagten Besuche sehr einverstanden. Seit 1617 war kein eigentlicher Kaiserbesuch in den Mauern Dresdens zu feiern gewesen. Wohl hatten die Tage Augusts des Starken den Bürgern Dresdens durch Besuche Friedrich Wilhelms I. von Preußen und Friedrichs IV. von Dänemark manchen glänzenden Tag gebracht. Aber nach 1740 waren schwere Zeiten gekommen; Friedrich der Große war öfters in Dresden gewesen, aber meist als Feind. Als Feind hatte er auch die Stadt von der Umgebung vor den Toren aus grimmig begrüßt. Nach dem siebenjährigen Kriege war Joseph II. 1766 zu kurzem Besuche, ohne großes


  1. Sie hatte das Unglück, daß die vier Kinder, die sie von 1796 an ihrem Gemahl geschenkt hat, alle frühzeitig gestorben sind. – Anton Graff hat sie mehrmals gemalt.
Empfohlene Zitierweise:
Dr. Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter Band 5 (1909 bis 1912). Buchdruckerei der Wilhelm und Bertha v. Baensch Stiftung., Dresden 1909 bis 1912, Seite 134. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dresdner_Geschichtsbl%C3%A4tter_F%C3%BCnfter_Band.pdf/137&oldid=- (Version vom 26.3.2026)