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Hierauf wurde der ganze innere Schloßhof nebst der schönen Allee mit 45 000 oder gar 60 000 Lampen erleuchtet, wobei das alte „gotische“ Palais und der Venustempel sich besonders gut ausnahmen. Gerüste, mit vielen Beleuchtungskörpern geschmückt, mit Musikchören besetzt, erhöhten den Festglanz. Zu der später folgenden Festtafel im Venustempel wurden alle „Wohlgekleideten“ als Zuschauer zugelassen. „Nach aufgehobener Abendtafel geruheten sämtliche höchste Herrschaften in dem Garten zu spazieren, währenddessen Trompeten und Pauken nebst der Janitscharenmusik von zween beym Anfange der Garten-Allée auf beyden Seiten erbaueten Orchestern unausgesetzt sich hören ließen, wobey der heitere Abend und die ohnerachtet der daselbst versammelten unzählbaren Menge Menschen herrschende Stille und Ordnung das Vergnügen der höchsten Herrschaften sehr vermehrten.“ Der Augenzeuge durchstrich den Schloßgarten noch um 11 Uhr abends und sah die Prinzen Max und Anton Arm in Arm mit dem preußischen Gesandten Graf Geßler herumwandeln. Er fand an diesem Tage ganz Pillnitz von Menschen überfüllt. Die Bauern hatten ihre Stuben und Kammern Besuchern eingeräumt und wohnten im Kuhstall. Reich geputzte Menschen, die nicht untergekommen waren, schmausten, im Freien sitzend, allerhand Mitgebrachtes.

Am Abende dieses Tages war nun auch der Graf von Artois mit dem einstigen Finanzminister von Calonne und noch einige andere Emigranten in Dresden eingetroffen und im Hotel de Pologne auf der Schloßgasse (jetzt Gebäude der Sächsischen Bank) abgestiegen. Auf seine Anzeige hin wurde er, der Vetter des Kurfürsten, von diesem nach Pillnitz eingeladen. Er nahm die vom Hofe angebotene Equipage an, weil er wegen der vielen Fremden in Dresden keine Fahrgelegenheit für sich und sein Gefolge erlangen konnte, das aus Calonne, Bouillé, dem Hauptmann der Königl. Garde, Herrn von Escart, dem Grafen Esterhazy und einem Baron Rolle bestand. Um 10 Uhr wurde er durch einen kurfürstlichen Postzug nach Pillnitz gebracht, stieg im Pavillon des Wasserspalais ab und wurde vom Kurfürsten zur Frühstückstafel gezogen. Dieser 26. August galt als der eigentliche Haupttag der Festlichkeiten, und wenn der Verfasser des Fürstenfestes nicht übertreibt, war die ganze Straße von Dresden nach Pillnitz unaufhörlich gereihet voll von Wagen, Reitern und Pilgern zu Fuß; unter diesen manche Böhmen und Brandenburger, die das Verbrüderungsfest (!) sehen wollten.

Der österreichische und der sächsische Hof waren frühe zur Messe in die Schloßkapelle gegangen; während am Tage vorher alles in farbigen Kleidern erschienen war, trugen die Herren heute Uniform, die Damen Prachtkleider. Man hatte am Vormittag eigentlich eine Lustfahrt nach Dresden unternehmen wollen, um Prinz Antons Garten vor dem Pirnaischen Tore (jetzt an der Zinzendorfstraße und der Johann Georgen-Allee) mit seinen englischen Anlagen zu besehen. Allein die regnerische Witterung machte es unmöglich.

Ein großer Teil des Tages war nun auch hauptsächlich den Verhandlungen gewidmet. Bischofswerder teilte dem Staatsreferendar Freiherrn von Spielmann mit, daß ihn der König von Preußen sprechen wolle. Über die Audienz, die über eine Stunde dauerte, hat Spielmann seinem Chef, dem Fürsten Kaunitz, am 31. August ausführlich berichtet[1]. Er schreibt: „Der König empfing mich sehr gnädig und betonte, daß die neue Allianz sehr nützlich sei, die frühere vieljährige Verkennung des beiderseitigen wahren Staatsinteresses sehr bedauernswürdig; die Allianz werde für beide Länder und den allgemeinen Ruhestand erwünschte Folgen haben, besonders angesichts der französischen und der polnischen Revolution. Der König ist eine ungeheuere Fleischmasse. Er spricht sehr schlecht, nie in einem Zusammenhange, immer in halbgebrochenen, kurzen Sätzen. Er zeigt handgreiflich einen großen Mangel an Kenntnis der Geschäfte. Ich glaube gewiß nicht im geringsten zu irren, wenn ich positiv versichere, daß er der Mann ganz und gar nicht ist, der je aus eigner Entschließung gehandelt hat und handeln wird. Sichtbar hängt alles bey ihm von den Impulsen ab, die er von diesem oder jenem Ratgeber erhält, und die gute oder üble Eigenschaft des Ratgebers fließt auf ihn ein.“

Auch über den Kronprinzen, den künftigen König Friedrich Wilhelm III., lautet das Urteil nicht sonderlich günstig: „Mit dem Kronprinzen habe ich keine Gelegenheit zu sprechen gehabt. Sein Äußerliches ist nichts weniger als günstig für ihn. Er sieht so ziemlich einem Feldwebel gleich. Graf Brühl soll dem (österreichischen) Gesandten Graf Hartig gesagt haben, er habe alle übele Eigenschaften des verstorbenen Königs (Friedrichs des Großen), ohne eine einzige der guten nur im geringsten zu besitzen.“

Marcolini führte Spielmann an jenem Tage auch bei dem Kurfürsten von Sachsen ein. Über ihn äußert sich der Geheime Staatsreferendarius günstiger: „Er sprach über sein Vergnügen, den Kaiser bei sich zu sehen, über französische Angelegenheiten, etwaige Kontagion, der vorgebogen werden möchte, über seine Bereitwilligkeit, als Reichsstand dazu etwas zu leisten, über die polnische Krone und sein Bedenken. Der Kurfürst spricht ganz wohl, in sehr bestimmten und zugleich mit der größten Behutsamkeit abgemessenen Ausdrückungen. Er scheint ein sehr wohl instruierter, edel und rechtschaffen denkender Herr zu sein.“


  1. Vivenot, Österreichs deutsche Kaiserpolitik I, S. 237.
Empfohlene Zitierweise:
Dr. Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter Band 5 (1909 bis 1912). Buchdruckerei der Wilhelm und Bertha v. Baensch Stiftung., Dresden 1909 bis 1912, Seite 139. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dresdner_Geschichtsbl%C3%A4tter_F%C3%BCnfter_Band.pdf/142&oldid=- (Version vom 27.3.2026)