Seite:Dresdner Geschichtsblätter Fünfter Band.pdf/143
Nach Spielmanns Beobachtungen hatte der Minister von Gutschmid einen sehr starken Einfluß auf den Fürsten und auf alle inneren und äußeren Geschäfte. Dieser war erfreut über die Annäherung seines Herrn an die Allianz der beiden großen deutschen Höfe und ganz entschieden gegen die Annahme der polnischen Anerbietungen. Nie werde der Kurfürst einwilligen, daß seine einzige Tochter, die Erbin der polnischen Krone, einem Neffen des Königs Stanislaus vermählt werde. Schienen doch vielmehr Vater wie Minister gar sehr für die Vermählung mit einem Erzherzog zu sein.
An demselben Tage, am 26. August, machte der Kaiser, der zugleich mit seinem Sohne lange Zeit in der kurfürstlichen Familie verweilt hatte, noch vor der Tafel dem Könige von Preußen einen ersten Besuch, den dieser sogleich erwiderte. Am 26. und 27. fanden zwischen den beiden Fürsten und dem Grafen Artois Beratungen statt, von denen sich der Kurfürst fernhielt. Die Festtafel am 26. war besonders prachtvoll; es wurde auf Gold gespeist, und die Prachtschätze an Meißner Tafelaufsätzen, Figuren und Gruppen bedeckten die Tafel. Die Neugier der Menschen trieb eine große Anzahl in den Venustempel, um dem Schaugepränge zuzusehen. Reisende Jahrmarktskrämer mit ihren Quersäcken auf dem Rücken, Landleute mit dem Wams auf der Schulter drängten sich heran. Um 6 Uhr abends wurde die vom Kapellmeister Naumann komponierte Oper La dama soldato aufgeführt. An der sich anschließenden Abendtafel nahmen teil die Gesandten von Österreich, Rußland, England[1], Preußen, Polen, Kurpfalz und Braunschweig, 12 ausländische Kammerherren, die 3 sächsischen Kabinetsminister, 6 Konferenzminister, der erste Hofmarschall von Breitenbauch, der Oberkammerherr Graf Marcolini, Graf Artois, Prinz von Nassau-Siegen, Herr von Calonne, 3 königlich französische Offiziere Esterhazy, Rolle und Escart, die Grafen Pallfy und Kolonitz, sowie 73 militärische oder zivile höhere Chargen. Dagegen hatte man den französischen Gesandten, einen Herrn von Montesquieu, wissen lassen, wie man bei gegenwärtiger Lage in Frankreich während der Anwesenheit des Herrn Grafen von Artois ihn in einige Verlegenheit zu setzen besorgt und um deswillen aus Ménagement von der Einladung auszuschließen für nötig erachtet hätte. Das heißt, der offizielle Gesandte des herrschenden Königs von Frankreich Ludwigs XVI. wurde wegen der Anwesenheit des Bruders, des Emigranten Artois, und seines Emigrantengefolges nicht eingeladen! Die Gesellschaft wurde noch durch die Kurfürstin, die Prinzessinnen und 79 aus den höheren Kreisen der Residenz geladenen Damen vermehrt.
Von dem in drei Abschnitten auf der Pillnitzer Insel und dem gegenüberliegenden Ufer abgebrannten Feuerwerk, bei dem es an Raketen, Feuertöpfen, Landpatronen, Wasserpatronen, Wasserkugeln, Luftkugeln, Bombenröhren, Irrwischen, Tourbillons, Gueridons und Buketts nicht gefehlt hat, seien nur die Holzbauten, weil sie in Formen und Inschriften auf das Friedenswerk hinweisen sollten, genauer beschrieben. Der Tempel der Freundschaft, eine große Rotunde mit freistehenden Säulen, auf Kähnen vor der Insel errichtet, enthielt in seiner Mitte einen Altar der Freundschaft mit dem Opferfeuer, davor im Kostüm der „Auguste“ zwei sich die rechte Hand reichende Römer. Im Tempelfriese leuchtete die Inschrift: Concordia Augustorum. Rechts vom Tempel stand ein „bekleidetes Frauenzimmer“, in der Rechten den Merkurstab, in der Linken ein Füllhorn mit der Inschrift: Felicitas temporum. Links vom Tempel sah man eine Figur, die aufgehende Sonne bedeutend, den rechten Arm ausgestreckt haltend, mit der Inschrift: Pacatus orbis. Wenn der Beschreiber des Festes daran, daß dieser Tempel auf einem Felsen stand, die Worte anknüpft: „kein Sturm, keine Brandung wird ihn zerstören!“ so haben ihn die Zeiten von 1792 an sicher eines anderen belehrt!
Das Getümmel von Menschen, das vor und nach diesem Feuerwerk zwischen Pillnitz und Dresden geherrscht hat, wird als ganz gewaltig geschildert. Um nur hinauszukommen, seien alle Arten Wagen herbeigeschafft worden: Karren, Leiterwagen, Düngerwagen, sogar Leichenwagen! Für einzelne Wagen wurden 15 bis 20 Taler gezahlt; für Gondeln und Lustschiffe bis zu 40 Taler. Zwischen der Schiffbrücke und der Maillebahn hielten 12 Marketender, darunter einzelne Italiener, feil, und nicht etwa Landwein, sondern Rhein- und Steinwein. Floß doch in diesen Tagen für Kutscher und Stallknechte angeblich Champagner. Für Beleuchtung auf der Schiffbrücke und nach Dresden zu war gesorgt. Kein Unglücksfall ereignete sich; nur störte der Gegenwind die nach Dresden zurückfahrenden Kähne; etliche von ihnen seien erst früh 6 Uhr im Gondelhafen angekommen und hätten mit dem Untergang zu ringen gehabt!
Die Menschenmenge, die sich hier traf, stammte nicht nur aus Dresden, sondern aus Leipzig, Dessau, Berlin, Prag und Wien! Aus Leipzig waren allein 300 Studenten erschienen, so daß Professor Platner, der damals berühmteste Lehrer der Philosophie, und andere einige Tage gar nicht erst lasen. Als scherzhaftes Nachspiel zum Feuerwerk wird noch erzählt, daß, nachdem die Fürstlichkeiten sich verabschiedet hatten und in ihre Quartiere geführt worden waren, sehr bald hier und da eine Tür knarrte, eins da oder dort herausguckte, ein Überrock, ein langer Mantel zum Vorschein kam und zuletzt König, Kronprinz, Erzherzog, Prinz Anton
- ↑ Dieser war Lord Elgin, nachmals berühmt geworden durch die Überführung der Parthenon-Marmorbilder nach England.
Dr. Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter Band 5 (1909 bis 1912). Buchdruckerei der Wilhelm und Bertha v. Baensch Stiftung., Dresden 1909 bis 1912, Seite 140. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dresdner_Geschichtsbl%C3%A4tter_F%C3%BCnfter_Band.pdf/143&oldid=- (Version vom 27.3.2026)