Seite:Dresdner Geschichtsblätter Fünfter Band.pdf/157

Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

Meine Leute bedauerten mich und brachten von dem zusammengeschleppten Holze einige Bretter herzu, die sie über mir an einander stellten, um mich etwas für dem Regen zu schützen; allein diese Nacht war nun schon unglücklich, zu keiner Rückwand hatten die Bretter nicht gelangt und war solche aus Hafer-Garben gebildet worden; meine hinter mir angebundenen Pferde hatten sich jedoch losgemacht und diese Rückwand teils gefressen, theils ruinirt, so daß ich aufwachte und nun gar einen fürchterlichen Gestank empfand, der daher entstand, daß jene Bretter einem Mistwagen zugehörten, die sich durch den Regen abgespült hatten. Hiebey muste ich doch noch herzlich lachen über einen Lieutenant meiner Compagnie Nahmens Krusche, der Verwalter gewesen war und den ich an meiner Hütte hatte Theil nehmen lassen, als er ganz trocken für sich sagte: „Wie’s doch dem Menschen gehn kann, hätte mein Vogt für den Hofhund keine bessere Hütte besorgt, dann würde ich ihn hart angelassen haben, Ergo, bin ich jetzt schlechter als ein Hofhund.“

Den 26. [August] langten wir früh vor Dresden an, wo 4 Mann ein Brodt bekamen. Auch war, nach dem wir so lange geschmachtet hatten, Geld und Schuhe angekommen. Das Geld bestand in lauter harten Thalern vom Jahre 1813. Ich erhielt an 120 Rthlr. die ich denn theilte, 1/3 in meinem Leibgurt vernähte, 1/3 in meinen Mantelsack verpackte und 1/3 in meinem Koffer auf dem Oeconomie-Bagage-Wagen asservirte. Die Bagage ging jedoch bald retour und wir stellten uns colonnenweise in Schlachtordnung. Unser General berief alle Staabsoffiziers zu sich, wobey ich noch ein Compliment bekam, weil ich Interimisticus auf meinem Karrengaul nicht so geschwind, als die andern etatsmäßigen Staabsoffiziers auf brillanten Pferden nach dem Rendezvous galoppiren konnte, welches dahin lautete: „Herr! wenn Sie nicht reiten können, so laufen Sie.“ Doch für dergleichen Artigkeiten war man nun schon abgestumpft worden und ich vernahm denn, daß wir jetzt stürmen, will’s Gott aber des andern Tages in Dresden die Mittagssuppe einnehmen würden. Wir waren jedoch im Corps der Reserve und avanzirten und retirirten nach dem die vordern Bataillons vorwärts oder rückwärts rückten. Unsere Artillerie chargirte lebhaft, so wie auch der Feind. Der Angriff unsererseits ging nach dem großen Garten. Es trafen uns nur zuweilen Kugeln die ricochetirten, der Regen aber goß in Strömen und selbst mein Pferd konnte den schneidenden Wind dabey nicht aushalten, sondern machte alle Augenblicke mit mir Kehrt. Bey diesem schrecklichen Wetter sahe ich denn doch (man sollte es kaum glauben) einige Offiziers in der Mitte der Colonne, wo auch die Tambours stehen, auf einer Trommel mit Thalern Kopf oder Adler spielen, dagegen aber auch Gemeine das Gewehr in einer, das Gebetbuch in der andern Hand recht andächtig beten. Schon waren wir weit rechts vorgedrungen und der große Garten war Preußischerseits erstürmt, so wie die Oesterreicher, links vorgerückt, die Dippoldiswalder Schanze erstiegen und mehrere verbollwerkte Gebäude erobert hatten, und mehrere Truppen waren schon in der Vorstadt, so daß Dresden unser zu sein schien, als leider Bonaparte, der mit seiner Macht aus Schlesien dieser Festung zu Hilfe gekommen war, beim anbrechenden Abend aus den Thoren herausfuhr und unser Bundesheer angriff. Hiebey muste unsere Brigade zum Succurs vorrücken, brennende Dörfer leuchteten uns und so kamen wir zum erstenmal ordentlich ins Feuer, jedoch unsere Artillerie chargirte blos und wir schützten nur solche, wobey aber viel Canon- und Tirailleur-Kugeln unter uns einschlugen und wir mehrere Todte und Verwundete bekamen, wodurch Geschrey und Unruhe unter unsern Leuten entstand, auch manche Lust zum Ausreißen bekamen. Jedoch der General Klüx befahl sämtlichen Offiziers die Colonne einzuschließen und sofort todt zu stechen, was weichen wollte. Das erstere geschah nun, das letztere aber nicht, dagegen wurde alles, was nicht in den Reihen blieb, herein gehauen, wo es denn fürchterliche Ritterschläge setzte. Einige Stunden lang mochte dies gedauert haben, als die gröste Finsterniß der Sache ein Ende machte und wir auf unserm Standplatz verbleiben musten, uns aber, das Gewehr in der Hand behaltend, niedersetzen durften.

Mit Tagesanbruch den 27. retirirten wir auf die Höhen hinter Striesnitz, wo wir uns abermals in Schlachtordnung stellten und auch alsbald an diesem trüben Morgen wieder angegriffen wurden. Die Kanonade ging wieder an und dauerte den ganzen Tag, allein wir blieben wie am vorigen Tage in der Reserve und fingen allmählig an uns rückwärts zu manövriren. Zwei Tage nun immerwährend unter dem Gewehr gestanden, keinen Bissen Brodt habend und nicht nur ganz durchnäßt, sondern auch im leimigten Boden bis über die Fuß-Knöchel steckend, wo es nicht möglich war, die Schuhe zu erhalten, daher auch viele hundert Paar dort stecken geblieben sind, war es wohl kein Wunder, wenn die Natur unterlag. Der herannahende Abend machte dem Feuern ein Ende, eine schwarze Regennacht begann wieder, und wir hielten Erlaubniß per Compagnie 10 Mann und einen Offizier nach den naheliegenden Dörfern zu schicken, um etwa Holz, Stroh, oder einige Lebensmittel zu bekommen. Allein wer nicht wieder kam war dieser Offizier. Dieser junge Mann Nahmens Kleinert, ein 17jähriger Jüngling, hatte die Burschen, die nur für ihr eignes Ich sorgten, nicht zusammen halten können, sondern sie waren ihm entlaufen. Er abgemattet, blieb auch liegen, und bey der darauf folgenden

Empfohlene Zitierweise:
Dr. Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter Band 5 (1909 bis 1912). Buchdruckerei der Wilhelm und Bertha v. Baensch Stiftung., Dresden 1909 bis 1912, Seite 154. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dresdner_Geschichtsbl%C3%A4tter_F%C3%BCnfter_Band.pdf/157&oldid=- (Version vom 17.2.2026)