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Retirade retirirte er auch mit, allein nur ein bischen zu weit, denn um sich ganz aus der Affaire zu ziehen lief er bis Guttentag in Schlesien, wo er zu Hause gehörte. Sein Vater, ein Ehrenmann, litt ihn nicht daheim und so kam er denn den 25. Dezember wieder zu uns, wo aber kein Offizier mit ihm mehr dienen wollte, ihm der Proceß gemacht und er auf Befehl Seiner Majestät des Königs mit einem schlichten Abschiede entlassen wurde. Im Jahr 1815 stand er bei den Fockschen Jägern als Gemeiner.
Doch wieder auf unser Unglück zu kommen, da wir nun weder Lebensmittel noch Stroh bekamen, so warf sich alles unmuthig in den Koth, einer diente dem andern zum Kopfkissen, der Obere drückte den Unteren noch tiefer in den Koth, wurde aber durch letzteren vor dem Regen geschützt. Einige Burschen hatten am Tage ein Stück Krautfeld gesehen, allein ohnerachtet mir ein paar Strünke, die mir mein Bursche holte, gut mundeten, so durfte ich doch das Weglaufen nicht zugeben und steuerte dasselbe, so viel ich konnte. Allein sobald es finster war, schlichen sich die Leute doch fort und ich stand Todesangst aus, wie es früh mit meinem Bataillon aussehen werde, doch warf ich mich endlich auch in den Morast, zufrieden, daß mir mein Bursche einige Krautblätter unter den Kopf legte. Plötzlich, als der Morgen kaum graute, kam der Regiments-Commandeur und rief: Auf! Auf! Es wird in der Stille retirirt. Es wurden nun mit Mühe die Verschlafenen aufgerufen und eiligst zum Gewehr gegriffen, allein mit Erstaunen sah ich, daß eine Menge derselben stehen blieben. Später ergab sich, daß die Summe derselben 181 betrug, wo die Mannschafft inclusive der nach Holz commandirten Leute sich wie ich vermuthet in der Nacht wegbegeben hatte.
Die Retirade, so der commandirende General Fürst von Schwarzenberg unternahm, weil er in dem üblen Zustande der Truppen dem Feinde nicht mehr widerstehen konnte, auch an 12 000 Oesterreicher bereits das Gewehr hatten strecken müssen, ging nun den 28. vor sich. Allein nicht lange, so war auch der Feind hinter uns her, und ich bemerkte, daß unsere Brigade, die unter dem General v. Klüx aus 1 Linien-, 1 Reserve- und unserm Landwehr-Regiment bestand und 2 Regimenter Cavallerie und die nöthige Artillerie mit sich führte, nunmehr die Arriergarde bildete. Mehrere feindliche Grenaten fielen unter uns und unsere Artillerie chargirte dagegen, indem wir fortwährend Quarrees bildeten und ein Treffen sich immer retirirend durch das andere zog. Wir die Infanterie wurde nicht handgemein mit dem Feinde, doch machte die feindliche Cavallerie bei Postendorf einen Choque auf unsere Artillerie, wo sie aber vom Schlesischen Uhlanen-Regiment derb zurückgewiesen und in unserem Angesicht eine Menge feindlicher Cavalleristen niedergehauen und auch Gefangene gemacht wurden. So ging es bis gegen Mittag und der Feind rückte uns immer näher auf den Leib, als ich auf einmal Befehl erhielt, mich mit meinem Bataillon durch ein Dorf (es hieß glaube ich Elend) zu ziehen, dergestallt, daß 3 Compagnien an den Zäunen und Gärten zerstreut tirailliren, eine Compagnie in der Mitte als Soutien aufgestellt werden und so das Ganze auf diese Art retiriren, das Dorf aber so lange als möglich behauptet und nur langsam fechtend der Rückzug geschehen sollte. Zum Glück hörte der Regen etwas auf und wir konnten feuern. Der Feind unterhielt nur ebenfalls ein Tirailleurfeuer, indem er das Dorf stark besetzt glaubte, die ganzen übrigen Truppen der Brigade zogen sich jedoch fort, und ich bemerkte später, daß ich mit meinem Bataillon den Rückzug derselben decken und, wahrscheinlich weil meine Leute Pollacken waren, aufgeopfert werden sollte. Nachdem nun der Feind mir immer näher kam, zogen auch meine Leute sich von Haus zu Haus und Garten zu Garten fechtend zurück, und so hatten wir nach mehreren Stunden das Ende des Dorfes erreicht, als ich feindlichen Trommelschlag am Eingange des Dorfes hörte. Hier wurde es nun aber finster und ich lies meine Leute zusammenblasen und retirirte in dieser Finsterniß unangegriffen aufs Gerathewohl weiter, wo ich denn noch das Unglück hatte, daß meine eigenen Leute, die auf das Blasen sich sammelten, sich für Feinde gegenseitig haltend auf einander schossen. Zu unserm Glück kam ein Jäger, welcher fragte, was für Truppen dies wären, und als ich ihm sagte, daß es das erste Bataillon 7. Landwehr-Regiments sey, erwiderte er, wie er vom General v. Klüx abgesandt sey, sich nach uns umzusehen, indem er befürchtete, daß wir gefangen wären. Gegen 11 Uhr Nachts stießen wir unter der Leitung dieses reitenden Jägers in einem Walde, wo der General in einem Försterhause sich befand, zur Brigade, und nach einer Stunde Rast ging es weiter über steile Höhen und Thäler in ein Bivouaque bei Dippoldiswalde, wo wir den 29. einrückten, bis Nachmittag unter dem Schutz unserer Batterien, die einige Höhen besetzten, stehen blieben und so glücklich waren, einige Kühe in dem nahen Dorfe Nolde wegzunehmen, die man sogleich schlachtete, das Fleisch vertheilte und fast roh verzehrte. Während dieses Mahls hörte man den feindlichen Trommelschlag schon in der Ferne und gegen 3 Uhr wurden wir vom Feinde wieder angegriffen, wir formirten aber retirirend wieder Quarrees, indem die Artillerie auch chargirend sich zurückbewegte, ich jedoch erhielt Ordre, auf einen Berg zu marschiren, den darauf und daran befindlichen Busch zu besetzen und den Feind durch Tirailleur-Feuer aufzuhalten. Das zweitemal war ich daher zum Opfer erkohren und
Dr. Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter Band 5 (1909 bis 1912). Buchdruckerei der Wilhelm und Bertha v. Baensch Stiftung., Dresden 1909 bis 1912, Seite 155. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dresdner_Geschichtsbl%C3%A4tter_F%C3%BCnfter_Band.pdf/158&oldid=- (Version vom 17.2.2026)