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der Besonnenheit und Bildung gegen die Dummheit und einfältige Schwärmerei – gebt das Assoziationsrecht in vollkommenster Freiheit – dann kann uns niemand mehr hindern, das Land mit unseren Orden zu überziehen, dann wollen wir eine Priesterherrschaft gründen, wie sie die Welt noch nicht gesehen. So bauen auch diese Ultramontanen, wie die sogenannten Republikaner, auf die breitesten demokratischen Grundlagen, und erstere sind dem Staat noch gefährlicher, denn sie sind noch schlauer, noch enger verbunden und haben hier in den Rheinlanden eine noch größere Masse hinter sich. – Mit welchem Pomp traten sie in Köln auf beim Dombaufest; ich war froh, wie ich diese Mauern wieder hinter mir hatte. Doch denk ich: „er wird nicht vollendet, der Kölner Dom.“
Wenn ich all die Vorlagen erwäge, die wir bis jetzt erhalten, so hat mir noch keiner so gefallen wie Dahlmanns Entwurf. Was enthalten diese 30 Paragraphen und in welcher klassischen Fassung. Wie ist man aber über diesen Entwurf hergefallen, sogar von seiten der sächsischen Vaterlandsvereine! Dies beweist nichts als den Mangel an Einsicht in unsere deutschen Verhältnisse. Hätte dieser Entwurf im Volke den Anklang gefunden, den er verdient, wäre es möglich gewesen, ihn in den ersten Monaten der Reichsversammlung durchzubringen, so wären wir vielleicht noch vor Ablauf des zweiten Jahrhunderts nach jenem Westfälischen Frieden zur definitiven Volks- und Staatseinheit gelangt. Die Zeit war günstig wie noch nie in der deutschen Geschichte. Jetzt ist sie es nicht mehr. Jetzt müssen wir den langen Weg der Gründlichkeit durchmachen und können gar nicht voraussehen, wenn wir zum Ziele kommen. Ja, es ist sogar rätlich, jetzt langsam zu gehen und abzuwarten, wie Preußen und Österreich sich gestalten, von denen das letztere in einen für die deutsche Sache sehr bedenklichen Zustand wieder geraten ist. – Nun, wir müssen wieder hoffen. Vorwärts muß es gehen, denn rückwärts geht’s nicht mehr und – was lange währt, wird gut.
Wenn in Sachsen neue Wahlen stattfinden sollten, was noch manchmal kommen kann, da, wenn nicht besondere Ereignisse eintreten, die Sachen hier wohl unter zwei Jahren nicht beendet werden, so wäre es recht gut, wenn Staatsmänner wie z. B. Carlowitz[1], Spitzner[2], Leute, die schon einem Staat vorgestanden und wissen, was dazu gehört, hierherkämen. Es fehlt hier so an solchen Leuten, daß man nicht einmal die Gesandten zusammenbringt, ja wie gering war die Auswahl für die Reichsministerien.
Was die Sachen fördert, ist, daß das Parteiwesen sich immer mehr entwickelt und durch dasselbe mehr und mehr parlamentarischer Takt (Komment) in die Sache kommt. Aus dem linken Zentrum und mehreren tüchtigeren Mitgliedern der Linken hat sich jetzt ein neuer Klub gebildet, von der Westendhall, ihrem Versammlungsort, die Westindier genannt. Es sind darunter viel tüchtige Leute, es wäre zu wünschen, wenn durch ihn die bisherige Linke, die sich jetzt sehr zurückhält, mehr und mehr gesprengt würde und dieser Klub an ihre Stelle träte. Dann hätten wir eine Linke, der man Konzessionen machen könnte. Das Leben erinnert sehr an das Studentenleben, es wird jetzt immer heiterer, je mehr man miteinander bekannt wird; es fehlt nicht an Witz und Laune, nicht an Kneip-Genies und auch nicht an Skandalen. Das ist alles recht gut, das Leben muß frisch sein für solche Aufgaben, das neue junge Deutschland bedarf eines jugendlichen Sinnes und wer siegen will, darf auch den Kampf nicht scheuen.
Nun leb wohl, grüß Deine liebe Frau recht schön von mir. Hoffentlich sehen wir uns bald.
Weiter liegen zwei Briefe von dem bekannten Leipziger Geschichtsprofessor Heinrich Wuttke (gest. 1876) vor, der als hervorragender Redner im öffentlichen Leben Leipzigs und ganz Sachsens neben Robert Blum eine Hauptrolle spielte und nach dessen Erschießung im November 1848 als sein Ersatzmann in die Nationalversammlung eintrat. Während der gemäßigt liberale Hermann dort dem rechten Zentrum angehörte, schloß sich der radikalere Wuttke dem linken Zentrum an und neigte, während jener mit den Preußen sympathisierte, mehr auf die Seite der Österreicher. An der in diesen Briefen hervortretenden großdeutschen Gesinnung hielt er auch später, als sie durch die Auseinandersetzung zwischen Preußen und Österreich gegenstandslos geworden war, unentwegt fest und ward dadurch in der Politik ein völlig vereinsamter Mann[3]. – Helbig hatte ihn als befreundeten Fachgenossen aufgefordert, sich um die erledigte Stelle des Vorstandes des Dresdner Hauptstaatsarchivs zu bewerben; die Eingänge der beiden Briefe, in denen von dieser Angelegenheit die Rede ist, können hier wegbleiben. Über den Stand der Dinge in Frankfurt, nach dem sich Helbig erkundigt, schreibt Wuttke:
. . . . . . . . Von Frankfurt kann ich Ihnen Tröstliches und Leidiges melden. Viel tüchtige Männer sind hier vereinigt und sie haben den entschiedenen Willen, die Einheit Deutschlands zustande zu bringen. An Freisinnigkeit
Dr. Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter Band 5 (1909 bis 1912). Buchdruckerei der Wilhelm und Bertha v. Baensch Stiftung., Dresden 1909 bis 1912, Seite 13. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dresdner_Geschichtsbl%C3%A4tter_F%C3%BCnfter_Band.pdf/16&oldid=- (Version vom 4.1.2026)