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fehlt es wahrhaftig nicht, eher mangelte bisher – es sind echte Deutsche, die hier tagen – die rasche Tatkraft. Trauen Sie ihnen dafür zähe Beharrlichkeit und Ausdauer, die ja alles überwindet, zu. Größere Entschlossenheit, als sie im Grunde besitzen, gibt ihnen die Überzeugung, daß die Reaktion keine Beständigkeit mehr haben kann und daß ihr augenblickliches Übergewicht den endlichen Sieg der sogenannten Demokraten nach sich ziehen würde. Sie fühlen, daß sie das Verfassungswerk glücklich durchführen müssen, um der roten Republik den Weg zu verlegen. Darum verdrießen sie die Schwierigkeiten sehr, welche in neuester Zeit die früher willigen Regierungen und Dynasten angefangen haben, ihnen entgegenzusetzen, sie erkennen ihren großen Fehler, die allerkostbarste Zeit mit Schwätzen und übelangebrachter Gründlichkeit versäumt zu haben, und wollen daher jetzt nach Möglichkeit eilen, nicht reden, nicht hören, nur beschließen, fertig werden. Nebenbei sehnt sich wohl auch mancher Strohwitwer nach seinem Weibe und manches Ehgemahl, das der Eheherr hat kommen lassen, nach ihrem Haushalt.
So ist die große Mehrheit. Die äußerste Linke ist schwach und verachtet und daran schuld. Unsere Sachsen sind in gräulichem Verrufe. Davon schreibt sich wohl auch ihre große Erbitterung gegen das Parlament. Die meisten haben gespürt, daß sie unter solchen Männern, wie jetzt neben ihnen stehen und in Zukunft doch auch geschickt werden dürften, niemals eine sonderliche Rolle spielen können. In den stenographischen Berichten liest man bisweilen die Namen und Reden sächsischer Abgeordneter: glauben Sie aber nicht, daß dies in den Sitzungen irgend etwas anderes bedeute, als Zeitaufwand. Man hört und achtet nicht auf sie, spottet bloß über den wichtigtuenden Wigard[1] z. B., von dem man doch die Ansicht des gemeinen Mannes kennen lerne u. dgl. Ich sitze im linken Zentrum und habe da schon gute Gelegenheit zu solchen Wahrnehmungen.
Leidiges, denn die Oberhauptfrage spaltet das Haus, die Stamminteressen regen sich und dahinein ist die schwierige österreichische Frage, der politische Ruf Gagerns und der Bestand des ganzen Ministeriums gezogen – leider! Um den ersten Sturm sich legen zu lassen, hat man eine Woche die Sitzungen ausfallen lassen. Die Schuld tragen die Stockpreußen und die noch ärgeren Schleswig-Holsteiner, Dahlmann voran.
Leben Sie wohl und empfehlen Sie mich Ihrer Frau Gemahlin.
- Frankfurt a. M., 28. Dezember 1848.
. . . . . . . „Der Beschluß zu Gagerns Gunsten hat sehr erfreulichen Eindruck gemacht“, schreiben Sie mir – wenn er nur auch erfreuliche Folgen, nicht für den Augenblick, sondern für die Zukunft hat. Geht aber alles so fort, wie es sich anläßt, so wird
- 1. die Lostrennung Österreichs von Deutschland erfolgen,
- 2. ein preußisches Erbkaisertum über Deutschland errichtet,
und in beiden vermag ich kein Glück zu erkennen. Sie sehen, ich habe – nach schwerem inneren Kampfe – gegen Gagern gestimmt.
Die Lostrennung von Österreich ist eine Trennung auf immer, darüber darf man sich nicht täuschen. In Österreich wohnen (nach Tebeldi) 7 833 175 Deutsche bei einer Gesamtbevölkerung von 36 Millionen, unter diese gemengt, gegenüber 17–18 Millionen Slaven. Österreich bekommt notwendig einen anderen Schwerpunkt. Weil man auf der unausführbaren „reinen Personalunion“ besteht – sie ist unausführbar, denn wie soll Flotte, Staatsschuld usw. geteilt werden – statt eine Realunion zuzulassen und die Union, welche Gagern mit ganz Österreich abzuschließen hofft, mit den nichtdeutschen Provinzen Österreichs einzugehen, treibt man Österreich aus. Beachten Sie wohl, bis auf ein paar, die ihrer Stimme sich enthielten, haben alle Österreicher gegen das Gagernsche Programm gestimmt, und es sind unter ihnen sehr ehrenwerte Männer. Lesen Sie Welckers Rede in der Oberhauptsfrage (es war die beste Rede, die ich hier gehört habe, gedruckt wird sie sich freilich nicht so gut ausnehmen, weil da die Lebendigkeit verloren geht) und knüpfen Sie daran Wydenbrugks Betrachtungen bei der Verhandlung über das Gagernsche Programm. Auch ich sehe, wie Welcker, in der Durchführung der Ansicht von Gagern eine Zerreißung und Teilung von Deutschland.
Das preußische Erbkaisertum kann ich ebensowenig für ein glückliches Ende halten. An die Hoffnung, daß mit demselben der preußische Staat aufgelöst werde, kann ich nicht glauben, glaubt so mancher erfahrene Staatsmann hier nicht. Sehr große Schwierigkeiten müßten vorher überwunden werden. Und mindestens ebenso wahrscheinlich ist es, daß infolge desselben alle deutschen Länder preußische Provinzen werden: gewiß aber ist es, daß kirchliche und Stammesgegensätze die dauernde Übertragung der obersten Leitung, vorausbestimmt für alle Zeiten, zu einer Quelle ewiger Veruneinigungen und innerer Reibungen machen werden.
Ich bin dafür, daß jetzt, für eine gewisse Zeit, die Führung an Preußen übertragen wird, aber ich
- ↑ Franz Wigard, damals Vorstand des Königl. Sächs. Stenographischen Instituts, nach seiner Absetzung Arzt in Dresden, gest. 1885.
Dr. Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter Band 5 (1909 bis 1912). Buchdruckerei der Wilhelm und Bertha v. Baensch Stiftung., Dresden 1909 bis 1912, Seite 14. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dresdner_Geschichtsbl%C3%A4tter_F%C3%BCnfter_Band.pdf/17&oldid=- (Version vom 4.1.2026)