Seite:Dresdner Geschichtsblätter Fünfter Band.pdf/21

Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

Georg I., der schon zuletzt die Seele der sächsischen Politik gewesen war. Er hat sich während seiner langen Regierung zwar von starkem Pflichtgefühl gezeigt, aber er entwickelte keine sittliche Kraft, oft eine gewisse Indolenz; er erwies sich als mißtrauisch, beschränkt, hartnäckig und oft eifersüchtig in seinen politischen Handlungen[1]. Er vertrat das strengste Luthertum; mit den ernestinischen Verwandten lebte er lange in politischer Spannung; die Nebenbuhlerschaft mit Kurpfalz wirkte auf seine und die gesamte protestantische Politik lähmend ein; mit Kurbrandenburg mußte er wegen Jülich-Cleve-Bergs in Zerfall leben.

Ein Jahr nach seinem Regierungsantritte hatte er Gelegenheit, in die Reichspolitik einzugreifen und ihr, je nach der Stellung, die er zum Hause Habsburg einnahm, eine für sie entscheidende Wendung zu geben. 1612 war Kaiser Rudolf II. zu Prag gestorben; zum ersten Male kam das Reichsvikariat an das albertinische Haus in Sachsen. Das wichtige Geschäft der Kaiserwahl war demnach Johann Georgs I. Händen vor allem anvertraut. Als sich nun der König Matthias von Böhmen und Ungarn zu Frankfurt um die deutsche Kaiserkrone bewarb, kam auf den sächsischen Kurfürsten sehr viel an.

Matthias und zwei seiner Brüder waren kinderlos. Es lag nahe, einen Kaiser aus einem anderen Hause zu wählen, und man hat wohl, wie einst auf August von Sachsen, jetzt auf Johann Georg geblickt. Er hat abgelehnt; aus politischer Vorsicht strebte er nicht nach der Kaiserkrone; er mußte sich sagen, daß der, dem er sie nicht gelassen hätte, Matthias, als König von Böhmen sein Nachbar und als Herr der meisten österreichischen Länder mächtiger als er war.

Unter seiner vornehmsten Mitwirkung wurde Matthias am 13. Juni 1612 gewählt; die Hoffnung der evangelischen Stände, namentlich der sogenannten Union, er werde seine Stimme erst dann für Matthias geben, wenn dieser den Protestanten Zusicherung in der Abstellung vieler Beschwerden gemacht habe, hat er aber nicht erfüllt. Er hatte zwar den Versuch gemacht, zwei Forderungen durchzusetzen: Parität der beiden Konfessionen im Reichshofrat und Wechsel des Präsidiums in den zwei Religionsgenossenschaften; die Forderungen wurden nur als Wünsche protokolliert, wahrscheinlich die Folge geheimer Verhandlungen über das Jülich-Cleve-Bergische Erbe.

Die unausgeglichenen Gegensätze der beiden großen Parteien Union und Liga sollten nun auf dem Reichstage zu Regensburg 1613 gemildert werden. Es mißlang vollständig, der Reichstag ging ergebnislos auseinander. Kaiser Matthias hat bis zu seinem Tode 1619 überhaupt keinen mehr berufen, die Reichspolitik kam gänzlich ins Stocken.

Matthias ist keine begabte und entschlossene Persönlichkeit gewesen. Wohl hatte er sich als Erzherzog gegen seinen Bruder Rudolf erhoben, um ihm zur Sicherung des Hausbesitzes ein Erbland nach dem anderen zu nehmen. Als er sie besaß und Kaiser geworden war, schwand seine schon früher recht geringe Tatkraft gänzlich. Er war schlaff in seiner ganzen Haltung, vergnügte sich mit den von seinem kaiserlichen Bruder ererbten Kunstschätzen und Kuriositäten, die er ordnete, bestimmte und aufstellte. Dabei liebte er Musik und fand Gefallen an Narren und Zwergen. Eine schöne, sanfte, junge Frau, die Kaiserin Anna, beglückte sein häusliches Leben. Er hat wohl auch lange an der Hoffnung festgehalten, sie werde ihm einen Leibeserben schenken. Gerade dies hat ihn unter dem Einfluß eines sehr ehrgeizigen Ministers, des Bischofs Klesl, davon abgehalten, die Frage der Nachfolge in den Erblanden und im Reiche mit der Energie in die Hand zu nehmen, die andere Mitglieder des Kaiserhauses dafür als nötig erachteten.

Auf die Dauer konnte er sich dem aber nicht entziehen, und für die Frage, wer ihm einst im Reiche nachfolgen sollte, war wiederum die Entscheidung des Kurfürsten von Sachsen von allergrößter Bedeutung.

Ehe jedoch auf die Verhandlungen einzugehen ist, die zwischen beiden Fürsten, Matthias und Johann Georg I., wegen wichtiger Reichsfragen geführt wurden, sei auf das Verhältnis hingewiesen, in dem sie und ihre Frauen nach 1612 gestanden haben.

Am 18. Juli 1612 beglückwünschte Kurfürstin Magdalene Sibylla die Kaiserin Anna zur neuen Würde, und am 12. August erhielt sie von ihr ein Dankbriefel[2]. Bald darauf wendete sich der Kurfürst an den Kaiser und bat um Generalpardon für Heinrich von Günderode, der in Österreich verurteilt worden war. Dieser selbst hatte dem Kurfürsten nahegelegt, sich vor allem mit Bischof Klesl ins Einvernehmen zu setzen, denn „er ist die Pforten, dadurch man itziger Zeit beim kaiserlichen Hofe gehen muß“. Klesl hatte sich erst schwierig gezeigt, dann aber die Erfüllung der kurfürstlichen Bitte beim Kaiser befürwortet und an Johann Georg salbungsvoll geschrieben[3]:

„Wie ich mich nun gern Euer Churf. Dl. in diesem bequeme: also versichere ich dieselben, das an meinem Willen und Affection, so lange Ich in diesem Labyrinth,


  1. Sehr scharfe Beurteilung Christians II. und seines Bruders Johann Georg bei Breyer, Geschichte Maximilians I. von Bayern und seiner Zeit. Bd. 3, S. 25.
  2. H.St.A. Loc. 8555 Röm. Kays. Maj. Matthiessen Schreiben an Churfürst Joh. Georg I. 1612-1625 (es sind auch Briefe Ferdinands II. nach des Matthias Tode 1619 eingeheftet).
  3. a. a. O. 12. Sept. 1612.
Empfohlene Zitierweise:
Dr. Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter Band 5 (1909 bis 1912). Buchdruckerei der Wilhelm und Bertha v. Baensch Stiftung., Dresden 1909 bis 1912, Seite 18. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dresdner_Geschichtsbl%C3%A4tter_F%C3%BCnfter_Band.pdf/21&oldid=- (Version vom 24.2.2026)