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Seine Bedenken, nach Sachsen zu gehen, waren groß gewesen. Seit er 1616 Kardinal geworden war, konnte er wohl beanspruchen, gleichen Rang mit Fürsten einzunehmen. Am Kaiserhofe war dies jedoch, da er zugleich Kaisers Diener blieb, dahin entschieden worden, daß er den Erzherzögen weichen müßte. Jenen Anspruch konnte er nun auch Reichsfürsten gegenüber erheben; wurde er nicht geachtet, so war ihm dies der Kurie gegenüber unangenehm. Hierzu kam sein Bedenken, in einem lutherischen Lande zu erscheinen. Um alledem zu entgehen, hatte er sich in einem Memorial an den Kaiser gewendet[1]: „nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil ich allezeit denen Competenzen, Subtilitäten, Ceremonien und äußerlichen Wesen feind gewesen und auch lieber in allen meinen Vocationibus und Professionibus auff den Kern und Substanz selbst, als dergleichen Sachen, nach welcher sich leyder bey dieser Vocation befunden, begeben wollen. Aus welcher Ursach ich auch Ew. Mj., wie gern ichs sonst umbgehen wollte, jetzunder gehorsam bitten muß, meiner mit der Sächs. Reise zu verschonen, weil ich dorbey großen Spott und Schaden besorgen müßte, denn diese Dignität denen Uncatholischen dermaßen zuwider, daß sie die Cardinales für ernste Verräther, Tyrannen und Außrotter der Evangelischen (wie sie sich nennen) halten, wider solche schreiben und predigen, das Volk verbittern, verhitzen und informieren, deswegen ich ingemein allerley Despekt zu gewarten, auch das Vertrauen, wie zuvor, der Orthen nicht haben werde“. In dem höchst fesselnden Briefwechsel, den Klesl 1613 bis 1616 mit dem Reichspfennigmeister Zacharias Geizkofler geführt hat, dem gegenüber er den Ernst seiner Ausgleichsverhandlungen immer betont, äußert er sich über den Wert, den er auf das Gerede der Leute über seine neue Würde legt, freilich anders. Er schreibt dem Freunde am 9. Juli 1616 aus Prag: „Es wird draußen im Reich viel Diskurs abgeben und viel die rote Farb irren, das muß ich passieren lassen und gedenken, daß diese schlechte judicia haben müssen, so von der Farb, Kleidung und Stand die qualitates et partes animi judicieren. Ich laß reden wer will“. Ergreifend ist, was Geizkofler, der die „Komposition“ durch eine Annäherung des Fürsten Christian von Anhalt an Klesl befördern wollte, über das Schicksal Deutschlands schreibt, falls die Einigkeit nicht herbeigeführt werden sollte: „In Deutschland wird, wenn es zwischen den beiden großen Parteien zu keiner Komposition, sondern zu einer Ruptur kommt, ein unversöhnliches Blutvergießen und Landesverderben angerichtet, und beide Parteien möchten fremden Nationen zum Raub werden“[2].

Wie schon erwähnt, drang Matthias auf sein Mitkommen, und wir haben ihn in Pirna und in Dresden in der Farbe des Kardinals einziehen sehen[3]. Seine Aufnahme in Dresden selbst zeigt, daß er aber doch nicht als Kardinal, sondern als Direktor des Geheimen Rates dahin „verrückt“ war, wie auch eine schriftliche Zeitung nach Anhalt[4] berichtete. Trotz der Verhandlungen, die Adam von Wallenstein für ihn geführt hat, hat man nicht die volle Rücksicht auf ihn genommen. Er wurde bei Tafel, wie Khevenhiller mitteilt[5], „so weit heruntergesetzt, daß sich viel verwundert, daß ers angenommen und nicht im Retirado-Zimmer gegessen; jedoch weil der Cardinal allein dahingangen, daß der Ursach, warumb die Reise angestellet worden, geholffen werde, also hat er in dieser Occasion seine Praeeminenz nicht gestatten wollen“.

Am Hofe zu Sachsen nahm man die Sache ernst genug, um am Schluß des Protokolles über die politischen Verhandlungen hinzuzufügen: Wie es mit dem Kardinal gehalten. – Die kurf. Frauenzimmer haben ihn bei der Ankunft nicht angesprochen; der Churfürst nannte ihn Herr, nicht Euer Liebden; die Churfürstlichen Geheimräte: Hochwürdiger Fürst, gnädiger Herr und Herr, Eure fürstliche Gnaden. Im Wassergeben und an der Taffell hatt ehr allewege die stelle under S. Chf. Gn. gehabt. Im übrigen aber ist ehr auf dem Churfürstl. Hause allhier logieret, tractieret und von vielen vom Adel stadlich bedienet worden; wie dieses des Hofmarschalls Ordnungen mit mehrern weisen[6].

Sein Erscheinen hat in Dresden begreiflicherweise Aufsehen erregt; hat ihn doch einer der oben erwähnten Dresdner Dichterlinge, Magister Johannes Burcart, neben dem Kaiser, dem König und dem Erzherzog Maximilian mit etlichen gedruckten lateinischen Sprüchen begrüßt, in denen er neben dem Cäsar Augustus, der da einzieht, als Mäcenas gepriesen wird. Wenn er auch wahrscheinlich nicht viel in der Öffentlichkeit aufgetreten ist und durch die Verhandlungen mit dem kranken Kaiser, sowie den sächsischen Räten viel beschäftigt war, so hat man ihn doch mit allen Gästen 5 Stunden lang auf dem Altmarkte bei der Tierhetze sehen können. Auch ist durch geschäftige Zungen über sein Verhalten im Schlosse manches in die Öffentlichkeit gedrungen. Nach einer Mitteilung aus Prag vom


  1. Khevenhiller Annales Ferdinandei 1723, Bd. VII; VIII, S. 1142.
  2. Mitteilungen des Instituts für Oesterreichische Geschichtsforschung Ergänzungsband 5, 1903. Johannes Müller: Die Vermittelungspolitik Klesls von 1613 bis 1616 im Lichte des gleichzeitig zwischen Klesl und Zacharias Geizkofler geführten Briefwechsels S. 689 und 621.
  3. Häberlin-Senkenberg, Neuere Deutsche Reichsgeschichte 24, 121 vermutet, daß Ferdinand und Maximilian auf Klesls Mitkommen gedrückt haben, um ihn zu demütigen.
  4. Herzogl. Haus- und Staatsarchiv zu Zerbst.
  5. a. a. O. S. 1147.
  6. Loc. 10676 Succession usw. Bl. 583.
Empfohlene Zitierweise:
Dr. Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter Band 5 (1909 bis 1912). Buchdruckerei der Wilhelm und Bertha v. Baensch Stiftung., Dresden 1909 bis 1912, Seite 45. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dresdner_Geschichtsbl%C3%A4tter_F%C3%BCnfter_Band.pdf/48&oldid=- (Version vom 3.3.2026)