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22. August (nach Anhalt gerichtet) soll er einen Gesundheitstrunk wegen aller Lutherischen haben „herumbgehen“ lassen und sich selbst dabei berauscht haben. Im Anschluß hieran wird im September von ebendaher berichtet: Herr Kardinal Clösel hat es von den Churf. Hofpredigern, sonderlich von Magister Hennichen, in den Predigten gar gute bekommen, also daß er sich auch darüber beschwert[1]. Diese Bemerkung, von Prag nach Anhalt übermittelt, beweist, daß vor allem Dresdner Geistliche über die Anwesenheit und das Verhalten Klesls, der als unerbittlicher Wiederhersteller des Katholizismus in österreichischen Landen einst eine traurige Berühmtheit erlangt hatte, erregt gewesen sind. Dies führt nun auf die andere geistliche Persönlichkeit, aus Wien stammend, auf den nachmals als politischer Berater des Kurfürsten Johann Georg so übel beleumundeten Oberhofprediger Matthias Hoë von Hoënegg.
Merkwürdige Parallelen lassen sich trotz so mancher Verschiedenheiten bei beiden finden. Beide waren geborene Wiener und aus protestantischer Familie. Hoë, dessen Vater erst 1592 geadelt worden war, stammte auch aus gut bürgerlicher Familie, bildete sich aber in Wittenberg zum Geistlichen aus, nachdem er in Österreich von vielen, unter anderen auch vom damaligen Bischof Klesl vergeblich bearbeitet worden war, katholisch zu werden. Mit 32 Jahren wurde er bereits Hofprediger des Kurfürsten Christian II., ging aber 1610, zwei Jahre nach Erlaß des Majestätsbriefes, auf seines Herrn Wunsch als lutherischer Prediger nach Prag und organisierte dort mit großem Eifer und Geschick, immer den Kalvinisten entgegentretend, die lutherische Gemeinde. Er hatte die Freude, in Prag die erste lutherische Kirche zu weihen, „ein geistliches Brodhaus, da wir und unsere Kinder das geistliche Semmelmehl finden und holen werden“, wie er in seiner Festpredigt sagte. Eine für Matthias sehr begeistert klingende, schmeichlerische Predigt hielt er, als dieser 1612 zum Kaiser gewählt worden war. Aber schon 1613 berief ihn Johann Georg in die Oberhofpredigerstelle nach Dresden zurück. Die Prager Kirche war bei seiner Abschiedspredigt so voll, daß er „über die Stül gehoben werden mußte“, um zur Kanzel zu gelangen. Seine Berufung machte beim zweiten und dritten Hofprediger böses Blut, da diese als bloße Magister übergangen, er aber als Graduierter, als Doktor der Theologie bevorzugt worden war. Offenbar hatten außer seiner unleugbaren Begabung als Redner, Verwalter und Schriftsteller, seine ausgeprägte Gegnerschaft zu den Kalvinisten, seine österreichische Abkunft und seine gute Kenntnis der Verhältnisse des benachbarten Böhmen zu der Berufung geführt. Er stand mit dem dritten Hofprediger, Magister Hänichen, sehr schlecht. Noch im Dezember des Jahres 1617 artete der Streit in wüstes Schimpfen aus, so daß, zum Teil in Gegenwart des Kurfürsten, 1618 ein Prozeß vor dem Oberkonsistorium geführt wurde[2].
Unter den heftigen Vorwürfen, die der sehr grobe und derbe Magister Hänichen dem bei weitem klüger und gehaltener auftretenden Oberhofprediger machte, erscheinen nun solche über dessen Haltung bei Anwesenheit des Kaisers und des Kardinals.
Hoë hat nie ein Hehl daraus gemacht, daß er nicht vergessen konnte „ein österreichisch Landkind zu sein, das dem österreichischen Lande nach Vermögen diene“; er blieb Zeit seines Lebens allerunterthänigster Schuldner des Kaisers[3]. Nun ist er, der ebenso eifrige wie ehrgeizige Wächter der reinen Lehre, dem Kurfürsten gegenüber selbst in den Zeiten seines politischen Einflusses, von 1620 ab, immer schmeichlerisch und unterwürfig gewesen; verglich er sich doch einmal unglaublich geschmacklos mit den „Hündlein guter Art“, die sich ihrer Herren „wenn nicht anders, wenigstens mit ihrem Gebelfer anzunehmen suchen“[4]. Er wird also 1617, als er die Vertrauensstellung beim Kurfürsten als politischer Berater noch nicht einnahm, bei Anwesenheit des Kaisers und der vielen österreichischen hohen Herren sehr vorsichtig und entgegenkommend aufgetreten sein, um so mehr, als sein Herr ja selbst zu einem Einvernehmen mit dem Hause Habsburg zu kommen suchte. Der Kurfürst hatte ihn übrigens durch einen eignen Brief vom 20. Juli aus Schandau zur Zusammenkunft eingeladen „daß ihr unterthänigst aufwarten müget“[5]. Hierbei traf er nun auch mit demselben Bischof Klesl zusammen, der ihn einst hatte bekehren wollen, und sah in ihm den fast allmächtigen Minister des Kaisers. Bei aller Betonung seiner Stellung als lutherischer Oberhofprediger wird er seiner ganzen Natur nach keine scharfe Gegnerschaft gezeigt haben. Auch hat er in der Folge gezeigt, daß ihm das österreichische Haus
- ↑ Herzog. Anh. Hausarchiv. – Vehse, Geschichte der Höfe des Hauses Sachsen Bd. 3 S. 4 berichtet, der lustige Prof. Taubmann habe Klesl bei Tafel gefragt: wo Gott nicht sei? Klesl habe geantwortet: in der Hölle, sei aber dahin berichtigt worden: Nein, in Rom, denn da habe er seinen Statthalter. – Möglich, daß dieser gewiß schon ältere Witz damals in Zusammenhang mit Klesls Anwesenheit am sächs. Hof gebracht worden ist; Taubmann kann den Kardinal aber nicht gut gefragt haben, denn er war schon 1613 gestorben.
- ↑ E. Otto, der Streit der beiden sächsischen Hofprediger D. Matthias Hoë von Hoënegg und Mag. Daniel Hänichen (1613–1618), Beiträge zur Sächs. Kirchengeschichte 1908 S. 82 flg.
- ↑ E. Otto, die Schriften .... Hoës von Hoënegg, kritisch gesichtet und geordnet. Dresden 1898, S. 8.
- ↑ H. Knapp, Matthias Hoë von Hoënegg und sein Eingreifen in die Politik und die Publicistik des 30jährigen Krieges. Halle 1902.
- ↑ Loc. 10676 Bl. 497a.
Dr. Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter Band 5 (1909 bis 1912). Buchdruckerei der Wilhelm und Bertha v. Baensch Stiftung., Dresden 1909 bis 1912, Seite 46. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dresdner_Geschichtsbl%C3%A4tter_F%C3%BCnfter_Band.pdf/49&oldid=- (Version vom 3.3.2026)