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ergibt sich auch als weitere Folge, daß dadurch mehr nur die kriegerische und politische Bedeutung Dresdens für den ganzen Feldzug in den Vordergrund tritt, denn die Räte äußern sich selbst fast nur über die politischen und militärischen Fragen des Tages.

Ganz kurz kann ich mich unter Hinweis auf die Verfassungsgeschichte Dresdens von Otto Richter in der Schilderung des Umfanges Dresdens zur Zeit des Schmalkaldischen Krieges fassen. Es genügt, wenn man sich vor Augen hält, daß die eigentliche Stadt Dresden damals im wesentlichen die Ausdehnung der jetzigen inneren Altstadt hatte und daß sie durch eine starke Stadtmauer, Festungsgraben und einen befestigten Vorwall geschützt wurde. Fünf Stadttore und ebensoviel Zugbrücken vermittelten den Verkehr mit den Vorstädten und dem platten Lande.

Ganz genau ist im einzelnen für 1547 schon nicht mehr die Stärke und Lage der einzelnen Festungsteile anzugeben, da ja Herzog Moritz bereits seit 1546 mit der großartigen Umgestaltung der Festungswerke begonnen hatte, die dann in ihrer Neuanlage als gradlinige Steinwälle länger als zwei Jahrhunderte allen feindlichen Angriffen Trotz bieten konnten. Von dem eigentlichen Dresden scharf zu trennen ist damals noch das auf dem rechten Elbufer gelegene Altendresden.

Unmittelbar hinter dem Elb- oder Brückentor nach Norden zu hörte bereits das Weichbild der Stadt Dresden auf. Die Elbbrücke bildete ein eigenes Rechtsgebiet, in dem der Brückenmeister unter Aufsicht des herzoglichen Amtmanns die Gerichtsbarkeit ausübte[1]. Die Brücke war zu beiden Seiten mit Häusern bebaut und trug in der Mitte ein Wärterhäuschen. Sie wies 1547 wohl schon durchgängig steinerne Pfeiler auf, aber die Verbindung zwischen den einzelnen Pfeilern wurde mindestens in der Mittelbrücke nicht durch steinerne Bogen, sondern durch einfache eichene Holzverplankung hergestellt[2]. Den Zugang zu der Brücke auf Altendresdner Seite beherrschte eine stärkere turmartige Verschanzung.

Altendresden selbst war nur ein unbedeutendes dorfähnliches Städtchen von höchstens 1350 Einwohnern, dessen Ausdehnung sich etwa durch die Linien der heutigen Straßenzüge: Große Meißnerstraße, Körnerstraße, Fleischergasse, Ober- und Niedergraben, Kasernenstraße, Jägerhofgäßchen, Große Klostergasse bestimmen läßt. Altendresden hatte weder Mauern noch Türme, sondern nur einen bewallten Stadtgraben[3] und stand durch 6 Tore mit der Außenwelt in Verbindung. Wohl hatte Herzog Moritz 1546 durch Anlegung eines neuen Stadtgrabens den Versuch zu einer stärkeren Befestigung des rechtselbischen Städtchens gemacht, aber die Arbeiten konnten infolge der Überlastung mit andern Ausgaben nicht vollendet werden, und so hatten die Truppen des Kurfürsten Johann Friedrich im Frühjahr 1547 ein leichtes Spiel mit dem unbewehrten Orte, den sie denn auch im ersten Ansturm nahmen.

Es ist unter diesen Umständen wohl ohne weiteres begreiflich, wenn sich unser Hauptinteresse auf das Schicksal der linkselbischen Stadt Dresden konzentriert. Freilich, auch diese Stadt darf sich in der Zeit des Schmalkaldischen Krieges an Bedeutung noch nicht messen mit Leipzig, der weitberühmten Handels- und Universitätsstadt, und selbst Freiberg als Mittelpunkt des sächsischen Silberbergbaus macht ihr noch den Rang streitig in der Wertschätzung des Landesherrn. Das lag zum größten Teil wohl an der ganzen Entwicklung der Einwohnerschaft. Zwar zählte nach der Berechnung von Otto Richter die eigentliche Stadt im Jahre 1546 die für jene Zeiten schon recht stattliche Summe von 4156 Einwohnern, mit der Neustadt (den Straßenzügen um die Frauenkirche) und den Vorstädten sogar 5152, aber die überwiegende Mehrheit der Bewohner bestand noch aus schlichten Ackerbürgern und Handwerkern, die im Gegensatz vor allem zu den Leipzigern, bei denen schon damals Wissenschaft und Handel gleichmäßig eifrig gepflegt wurden, wenig mit der Zeit fortschritten und eigentlich erst durch die spätere großartige Bautätigkeit der Kurfürsten Moritz und August und die damit verbundenen vielfachen Anregungen aus ihrem Phlegma aufgerüttelt wurden.

Wie wenig höheres Interesse hier vorhanden war, das wird uns recht klar, wenn wir versuchen, uns ein Bild von dem geistigen und kulturellen Leben in Dresden eben in der Zeit des Schmalkaldischen Krieges zu verschaffen. – Verlorne Mühe! – Vor dem Jahre 1549, wo der Stadtschreiber Weiße seine Chronik anzulegen beginnt, dringt keine Kunde zu uns von dem Leben und Treiben der Bürger jener Tage. Kein einziger schreibgewandter Mann findet sich wie in den deutschen Städten des Westens und Südens, der mit lebendiger Teilnahme die Geschicke der Vaterstadt verfolgt und seine Gedanken und Glossen zu den Zeitereignissen, seine Hoffnungen und Wünsche, seine Schmerzen und Sorgen dem Papier anvertraut. Nur ganz kärgliche kalendarische Vermerke finden sich hier und da verstreut – wie das Dresdnische Zeitregister von 994 (!) bis 1657 im Hauptstaatsarchiv und Müllers Annales des Hauses Sachsen –, die von Hochwasser und Epidemien, von Teuerungen und ähnlichen Schicksalsschlägen melden, aber alle nicht viel Glauben verdienen, weil der Schreiber gerade für die früheren Zeiten nur zu oft seiner Willkür die Zügel schießen läßt.


  1. O.Richter, Abriß d. geschichtl. Ortskunde von Dresden 13.
  2. Wilh. Schäfer, Chronik d. Dresd. Elbbrücke 29, Anm. 6.
  3. O. Richter, Abriß 14.
Empfohlene Zitierweise:
Dr. Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter Band 5 (1909 bis 1912). Buchdruckerei der Wilhelm und Bertha v. Baensch Stiftung., Dresden 1909 bis 1912, Seite 2. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dresdner_Geschichtsbl%C3%A4tter_F%C3%BCnfter_Band.pdf/5&oldid=- (Version vom 30.12.2025)