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Ich habe mich vergebens im Hauptstaatsarchiv, auf der Königl. öffentlichen Bibliothek und im Ratsarchiv nach unmittelbaren Zeugnissen aus jener Zeit umgesehen, außer dem schon erwähnten Handelbuch des Melchior von Ossa und den später – vielleicht nach verloren gegangenen Quellen – gemachten Aufzeichnungen A. Wecks findet sich eben nichts von Belang. Schließlich blieb nichts anderes übrig, als das Kriminalregister der Stadt Dresden im Hauptstaatsarchiv zu Rate zu ziehen, um wenigstens in etwas mit dem Fühlen und Denken der Dresdner jener Tage vertraut zu werden. Aber natürlich, man muß bei der Ausbeutung dieses Materials mit der äußersten Vorsicht verfahren, um nicht lediglich ein Zerrbild zu liefern.
Als das charakteristischste und von unserer heutigen Anschauung am meisten abweichende Moment erscheint in dieser Zeit noch die gegen das Mittelalter zwar schon etwas gelockerte, aber immerhin noch ungemein starke Gebundenheit des Bürgers in staatlicher, sozialer und kirchlicher Beziehung. Einen starken Nährboden fand diese Bevormundungssucht in der von Luther so streng betonten unbedingten Gehorsamspflicht gegen alle Obrigkeit, die auch in den höchsten Fragen, die das Menschenherz kennt, dem Untertan keine selbständige Stellungnahme zugestehen wollte. Allerdings, das Ideal jeder Obrigkeit sollte nach Luther sein, die Untertanen zu einem ernsten, christlichen Lebenswandel anzuhalten, aber wie oft verbanden sich nicht Herrschsucht und Unduldsamkeit unter dem Anschein christlicher Frömmigkeit!
In Dresden speziell waren die Anschauungen gerade in dem religiösen Punkte nicht allzu einseitig, da man noch von den Zeiten Herzog Georgs des Bärtigen her in Erinnerung hatte, wie schwer man damals selbst unter den Gewissenszweifeln gelitten, die einerseits die Gehorsamsverpflichtung gegen den katholischen Landesherrn und andrerseits die Hinneigung zur neuen Lehre hervorriefen. Natürlich war man schon in den 40er Jahren streng lutherisch, und gerade im Schmalkaldischen Kriege äußerte sich diese Gesinnung in der allgemeinen Abneigung gegen den Krieg mit Johann Friedrich, aber immerhin scheint man in den ersten Jahren der lutherischen Lehre in Dresden, wenigstens nach dem Fehlen prozessualer Verfügungen gegen Andersgläubige zu schließen, nicht so unduldsam wie an andern Orten gewesen zu sein. Freilich, die üblichen Ermahnungsstrafen bei unchristlichen Wandel, wie bei gotteslästerlichem Fluchen, geringem Kirchenbesuch u. a. m. fehlen nicht, aber diese gehören ja ebensogut auch schon einer früheren Epoche an wie die Wirtshaus-, Zutrunks-, Kleiderverbote und ähnliche staatliche Maßregelungen des privaten Lebens.
In die ruhige Fortentwicklung der Stadt kam wohl schon ein schnelleres Tempo, als 1546 Herzog Moritz mit der Ausführung seiner baulichen Erweiterungspläne begann, aber den entscheidenden Anstoß zu einer völligen Umgestaltung Dresdens brachte doch erst der Schmalkaldische Krieg in seiner letzten Etappe von 1547. So ist es für den Lokalhistoriker wohl interessant genug, sich einmal genauer mit diesem Abschnitt der Geschichte Dresdens zu beschäftigen.
Bekanntlich sah sich Herzog Moritz nach langwierigen diplomatischen Verhandlungen mit Kaiser und König im Herbst 1546 doch gezwungen, seine bisherige neutrale Haltung aufzugeben. Am 27. Oktober fertigte er den Verwahrungsbrief[1] an Johann Friedrich ab, worin er ihm anzeigte, daß er auf kaiserlichen Befehl und um die Rechte des Hauses Sachsen zu erhalten, die kurfürstlichen Lande einnehmen müsse, damit sie nicht in fremde Hände fielen. In raschem Vorstoß warf er sich zunächst auf Zwickau, das sich nach einigem Zögern ergab und dessen Beispiel dann weithin wirkte. Ohne weiteres folgten ihm Altenburg, Werdau, Crimmitschau, Borna, Grimma, Wurzen, Eilenburg, Torgau. Alles geschah ohne Blutvergießen, und überall leisteten die Bürger den verlangten Huldigungseid anstandslos, wenn auch wohl vielfach mit innerem Widerwillen. Am 22. November legte er auch Beschlag auf Halle, das Ziel seines heißesten Ehrgeizes. Im Dezember widerstanden nur noch Wittenberg und Gotha, und Herzog Moritz richtete sich schon darauf ein, sein Winterlager in des Kurfürsten Land zu halten. Aber da kam der jähe Umschlag. Kurfürst Johann Friedrich hatte das Lager vor Giengen verlassen und zog heran, um das Erbe seiner Väter vor dem begehrlichen Vetter zu retten. Am 24. Dezember stand er schon vor Langensalza und nahm die Stadt kampflos ein; 300 Reiter und 2000 Mann herzoglicher Lehnstruppen mußten sich ihm ergeben. Am 27. Dezember fiel auch die starke Feste Heldrungen[2], und nun gingen Schlag auf Schlag neue Schreckenskunden bei Herzog Moritz ein.
Der Albertiner hielt sich um diese Zeit gerade in Leipzig auf. Er war eben erst von einer kurzen Reise nach Prag zurückgekehrt, wo er mit König Ferdinand die gesamte Lage besprochen und noch eben beruhigende Auskünfte über die geringen Machtmittel des heimziehenden Kurfürsten empfangen hatte. So hatte er eine solche Nähe der Gefahr gar nicht erwartet. Aber trotzdem ließ er sich auch jetzt nicht einschüchtern. Kaum gingen die ersten bedrohlicher lautenden Nachrichten von den Fortschritten Johann Friedrichs ein, so begann in der Kanzlei des Herzogs eine fieberhafte Tätigkeit, um alle die nötigen Befehle so schnell als möglich auszufertigen.
Dr. Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter Band 5 (1909 bis 1912). Buchdruckerei der Wilhelm und Bertha v. Baensch Stiftung., Dresden 1909 bis 1912, Seite 3. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dresdner_Geschichtsbl%C3%A4tter_F%C3%BCnfter_Band.pdf/6&oldid=- (Version vom 30.12.2025)