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XIX. Jahrgang 1910 Nr. 1.
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In dem achtzigjährigen Zeitraume von 1539 bis 1617 waren viermal Kaiser aus dem Hause Habsburg in Dresden erschienen, um den albertinischen Herrscher für die Politik ihres Hauses, namentlich für die Kaiserwahl des jeweiligen Nachfolgers zu gewinnen. Es waren dies also im eigentlichen Sinne Wahlreisen gewesen. Von 1617 bis zur Auflösung des Reiches 1806, also beinahe 200 Jahre lang, sind aber nur zwei habsburg-lothringische Kaiser in Dresden gewesen, Joseph II. 1766 und Leopold II. 1791, der eine auf einer militärischen Studienreise, der andere bei Gelegenheit des Pillnitzer Kongresses, der der Lösung einer großen europäischen Frage galt. Zur Gewinnung des Kurfürsten von Sachsen für die Kaiserwahl oder ein anderes wichtiges Hausgeschäft sind diese Kaiser nicht an die sächsische Hofstatt gereist, ein Beweis, daß einmal das Kurfürstentum Sachsen nach dem dreißigjährigen und dem siebenjährigen Kriege für die Reichspolitik von geringerer Bedeutung als bisher war, anderseits auch daß das Haus Habsburg sich bei der von Zeit zu Zeit auftauchenden Wahlfrage sicherer glauben konnte, als in der Zeit des unausgeglichenen Religionsstreites.
Als es jedoch nach dem Aussterben des habsburgischen Mannesstammes eine zeitlang schien, als sollte ein anderes deutsches Fürstengeschlecht, das wittelsbachische, die Habsburger ersetzen, da hat der in der Hauptsache doch recht unglückliche Bewerber, Kurfürst Karl Albert von Bayern, es für nötig erachtet, wenige Wochen vor seiner Wahl und Krönung zu Frankfurt in Dresden vorzusprechen. Ehe auf diesen Besuch eines späteren deutschen Kaisers in der Hauptstadt Sachsens eingegangen wird, sei zum Vergleiche mit dem bisher Berichteten und dem wenigen noch zu Erzählenden die Stellung der sächsischen Kurfürsten zu den Kaiserwahlen zwischen 1617 und 1741 kurz berührt.
Johann Georg I., der 1617 in Dresden seine Zustimmung zur Kaiserwahl ferdinands II. gegeben hatte, war diesem mit Ausnahme der Jahre 1631 bis 1633, da er auf Seiten Gustav Adolfs und der schwedischen Politik gestanden hatte, treugeblieben, obwohl er in ihm den ärgsten Feind des Protestantismus hatte erblicken müssen. Als 1636 Ferdinand II. die Kurfürsten zu einem Tage nach Regensburg einlud, um die Nachfolge seines Sohnes Ferdinand in der Kaiserwürde zu sichern, erschien Johann Georg persönlich und betätigte dabei neuerdings seine Anhänglichkeit an das Haus Habsburg. Am 22. Dezember desselben Jahres wurde Ferdinand III. noch von ihm zum römischen König gewählt. Seine Hoffnung, dadurch die Amnestie und die mildere Behandlung der Protestanten in den kaiserlichen Erblanden zu erreichen, erfüllte sich jedoch nicht.
Seine Treue zu Habsburg bewies er auch 1638, ein Jahr nach Ferdinands II. Tode, dadurch, daß er mit dessen Nachfolger, Ferdinand III., in Leitmeritz zusammentraf und mit ihm das für Sachsen so verderbliche Bündnis gegen die Schweden erneuerte.
Im 41. Jahre seiner Regierung, 1652, machte sich Johann Georg noch einmal auf die Reise, um einer Einladung Ferdinands III. nach Prag zu folgen, wohin die Kurfürsten gebeten worden waren, um ihm die
Dr. Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter Band 5 (1909 bis 1912). Buchdruckerei der Wilhelm und Bertha v. Baensch Stiftung., Dresden 1909 bis 1912, Seite 69. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dresdner_Geschichtsbl%C3%A4tter_F%C3%BCnfter_Band.pdf/72&oldid=- (Version vom 22.3.2026)