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die Räte berechtigten Zweifel an der Wehrhaftigkeit dieses Notaufgebotes hegen, und es nimmt nicht Wunder, wenn wir sie die ganze folgende Zeit über unermüdlich darauf bedacht sehen, wirklich brauchbares Kriegsvolk aufzutreiben.
Herzog August stellte dem König Ferdinand von Böhmen am 6. Januar vor[1], daß Dresden wohl der geeignetste Ort zu einem Sammelpunkt seiner bereits angekündigten Hilfstruppen sei; Pistoris forderte im Namen der Räte am 5. Januar von Ernst von Miltitz[2], der mit 500 Reitern in Grimma lag, im Falle eines feindlichen Angriffs Dresden zu Hilfe zu kommen, und der alte Carlowitz trat am 6. Januar bereits mit einem umfassenden Plane an Herzog Moritz heran. Der Sechsundsiebzigjährige, der in diesen Tagen der Not an Unermüdlichkeit und Frische seinem jungen Herrn gleich kam, hatte zunächst dem Herzog August zu einer Umfrage bei allen größeren Städten, wie Freiberg, Annaberg, Chemnitz, nach ihrer Stellungnahme in der jetzigen Notlage geraten, die recht günstig ausgefallen war und die ihn nun veranlaßte, das Aufgebot des zweiten oder dritten Mannes in diesen Städten zu befürworten. Allerdings sollte Herzog Moritz selbst mit seinen Reisigen bei dem Volke bleiben, um jeden Abfall zu verhüten. Aber dann hielt Carlowitz auch mit den Besatzungen von Dresden und Leipzig und der Hälfte der Bürger beider Städte seinen Fürsten für stark genug zu einer kräftigen Offensive. Nur wollte er für den Fall der Ausführung des Planes einen tüchtigen Befehlshaber wie etwa Otto von Dieskau nach Dresden gesetzt wissen[3]. Nichts charakterisiert dabei den alten Fuchs besser, als die Art und Weise, wie er durch die Mitnahme der halben Bürgerschaft ins Feld die andere Hälfte zum Ausharren daheim zwingen wollte. Freilich, das Mißtrauen in die gute Gesinnung der Bürger war auch nur zu berechtigt, denn überall im Lande regte sich heimlich und offen die Sympathie für den Kurfürsten, meist noch gemehrt durch die evangelischen Prediger, die fast alle in ihm den Verfechter der reinen Lehre sahen. Herzog Moritz war sich dieser Gefahr wohl bewußt und ergreifend klingt seine Klage an den römischen König, als er am 7. Januar um schnelle Hilfe bat: „dann ich meinen eigenen untertanen in den stedten und was uf dem land von fußvolk ist, gar nichts vertrauen darf, sunder mich vor denselben selbst befahren [muß], weil sie alle zugleich dem feinde mehr als mir anhangen und alle toll und unsinnig sein, weil sie sich des bereden lassen, daß dies meins vettern furnehmen zur handhabung des evangeliums beschehe; derhalben ich bisher das gemeldt mein fußvolk im land nit hab dorfen versammlen noch zusammenbringen, damit ich nit meinen eigenen feind versammle.“[4] In der Tat ließ der Herzog auch die Mahnungsbriefe erst ergehen, als er sicher auf das baldige Eintreffen des fremden Kriegsvolkes rechnen konnte und dadurch alle aufrührerischen Gelüste niederzuschlagen hoffen durfte.
In Dresden suchte man sich zu behelfen, so gut es ging. Man arbeitete eifrig an der Verbesserung der Verschanzungen und suchte dem Feinde den Zugang auch dadurch zu erschweren, daß man den zugefrorenen neuen Graben mit 1500 Eggen unzugänglich machte. 72 Geschütze auf Rädern standen unter der Bedienung von 80 Geschützmeistern zur Verfügung, so daß Herzog August am 21. Januar aus Freiberg zuversichtlich dem Bruder schrieb: „Der Dick (Spottname für Johann Friedrich) kümm wann er wolle, soll er rechtschaffen empfangen und abgefertigt werden“[5]. Aber dies Vertrauen teilten die meisten Räte in Dresden leider nicht.
Bernhard von Mila hatte sich zunächst wieder nach Wittenberg zurückgezogen, und so bestand eigentlich keine unmittelbare Gefahr eines Angriffs. Trotzdem scheinen die Zustände in der Stadt höchst unerquicklich gewesen zu sein, wenigstens nach dem trüben Stimmungsbilde zu schließen, das Ernst von Miltitz in seinem Briefe an Herzog Moritz vom 12. Januar entwirft[6]. Er war auf des Herzogs Befehl mit seinen Reitern hierher gezogen und fungierte nun als Statthalter, aber fühlte sich offenbar in dieser Rolle nicht wohl, denn er bat den Herzog dringend (wie übrigens mit ihm auch die andern Räte am gleichen Tage[7]) wenigstens auf einen Tag nach Dresden zu kommen „zu besehen, wie die dinge allenthalben bestallt. Dann ob ich wohl E. F. G. sonst noch mehr zu schreiben, so ist es doch der feder nicht zu vertrauen. Bitte aber nochmals E. F. G. wollten selbst bedenken, was E. F. G. an dieser E. F. G. Stadt Dresden gelegen und sich mussigen zu sehen, wie es bestallt.“ Er bat ferner ausdrücklich um Verbrennung des Briefes, damit er nicht unter die Leute komme, und gab der Überzeugung Ausdruck, daß die Reiter unter den jetzigen Umständen nicht so bald abgefordert werden dürften.
Es verstärkt nur den Eindruck einer allgemeinen pessimistischen Stimmung, wenn die Räte am 17. Januar zusammen mit den Erforderten von der Ritterschaft[8]
- ↑ Or. Wien Saxonica 1 d.
- ↑ Wie oben Anm. 10.
- ↑ Carlow. an Moritz. Dresden, 1547, Januar, 6. Or. Loc. 9141 Der Rete zu Dresd. Bl. 22.
- ↑ Colditz, 1547 Jan. 7. Konz. (Türks Hd.) Loc. 4409. Instruktion und Werbung. Bl. 48/50. Gedruckt: Ranke, dtsch. Gesch. im Zeitalter d. Ref. 6. Aufl. VI. S. 238/40.
- ↑ Hz. August an Hz. Moritz Freiberg 1547, Jan. 21. Or. Dr. Loc. 9141 Der Rete zu Dresden, Bl. 14.
- ↑ Or. eigenh. Dr. Loc. 9141 Der Rete zu Dresden Bl. 9.
- ↑ Or. wie Anm. 16; Bl. 7.
- ↑ Or. (Pistoris Hd.) wie Anm. 16; Bl. 33.
Dr. Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter Band 5 (1909 bis 1912). Buchdruckerei der Wilhelm und Bertha v. Baensch Stiftung., Dresden 1909 bis 1912, Seite 5. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dresdner_Geschichtsbl%C3%A4tter_F%C3%BCnfter_Band.pdf/8&oldid=- (Version vom 30.12.2025)