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XIX. Jahrgang          1910          Nr. 2.


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Die Burg Thorun bei Dresden.
Von Otto Trautman.

Im Jahre 1206 wird Dresden zuerst genannt. Die Urkunde, die es nennt, wirft zugleich Licht auf die Geschichte der Siedlungen des Elbtales überhaupt. Eine Reihe von Ortschaften der Gegend von Dresden wird zum erstenmal erwähnt und im Zusammenhang damit die Grenze des Besitzes der Meißner Kirche auf dem linken Elbufer gekennzeichnet. Die Urkunde ist in den Dresdner Geschichtsblättern 1906 besprochen und wiedergegeben worden. Es dürfte aber an der Zeit sein, der Bestimmung der Örtlichkeit, um die es sich in der Urkunde handelt, einige Aufmerksamkeit zu widmen.

Es handelt sich im Jahre 1206 um die Beilegung eines Streites über einen Ort Thorun. In der Nähe der Weißeritz hatte der Burggraf von Dohna widerrechtlich auf bischöflich meißnischem Gebiet eine Burg, ein „castellum“, das Thorun hieß, errichtet. Den Namen der Burg las man früher Chorun. Als Hasche zu Anfang des 19. Jahrhunderts seine „Diplomatische Geschichte Dresdens“ schrieb, war ihm eine Abschrift der Urkunde zur Verfügung gestellt worden, und er war damit in der Lage, die frühere Lesung des Namens zu berichtigen[1].

Man wendete indessen der Form des Namens wenig Aufmerksamkeit zu und versuchte, die Lage von Thorun aus andern Angaben zu erschließen. Man versetzte die Burg auf den Burgberg zu Pesterwitz[2], indem man den Bach Zuchewidre, von welchem die Urkunde spricht, als die Wiederitz, die Zauckerode durchfließt, deutete.

Diese Annahme ist unhaltbar. Sie ist zunächst unmöglich aus Gründen der Siedlungskunde. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts lag um den Pesterwitzer Burgberg eine dichte Schar von Siedlungen. Die Urkunde selbst nennt mehrere Orte der nächsten Umgebung: Döhlen, Potschappel, Wurgwitz, Gompitz, Plauen usw. Die Besitzverhältnisse in diesen Orten waren seit langem geordnet, die Gegend war in kleine Fluren aufgeteilt, ein Streit um dieses Gelände konnte unmöglich durch die Eide einiger Männer beigelegt werden. Daß es nicht die Gegend von Pesterwitz war, wohin 1206 Lehnsleute des Markgrafen mit glaubwürdigen Männern entsandt wurden, um die Grenzen des bischöflichen Besitzes zu erkunden, das erhellt aus dem Umstand, daß 1144 ein Streit über das unmittelbar neben dem Burgberg liegende Dorf Dölzschen durch König Konrad III. geschieden worden war. Markgraf und Kirche hatten sich damals bereits endgültig über diese Gegend geeinigt[3].

Wohl befand sich auf dem Burgberg zu Pesterwitz eine Burgstätte; die Funde, welche man dort gemacht hat, weisen auf eine frühe mittelalterliche Zeit hin – aber es war die Stätte, wo der alte Burgwartsbezirk Pesterwitz seinen befestigten Mittelpunkt hatte.


  1. Hasche, Urkundenbuch zur Dresdner Geschichte, S. 3.
  2. Die Donins, 1876, S.34; Codex diplomaticus Saxoniae II, 1, S. 71.
  3. Cod. II, 1, S. 51. Das in der Urkunde von 1144 mitgenannte Nuendorf ist nicht Kleinnaundorf am Windberg, sondern Naußlitz bei Dölzschen (juxta Deltsan). Der Flur Naußlitz (1311 Nuzadelitz, 1547 Naueschitz) liegen die zwei Königshufen der Ansiedelungsurkunde vom Jahre 1068 (Cod. II, 1, 33) zugrunde. Auf die Entwicklung der Gründe für diese Behauptungen muß hier verzichtet werden.
Empfohlene Zitierweise:
Dr. Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter Band 5 (1909 bis 1912). Buchdruckerei der Wilhelm und Bertha v. Baensch Stiftung., Dresden 1909 bis 1912, Seite 85. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dresdner_Geschichtsbl%C3%A4tter_F%C3%BCnfter_Band.pdf/88&oldid=- (Version vom 29.12.2025)