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Industrie; es fehle wahrhaftig nicht an „Caducität“. Das zeige sich namentlich bei den Schwierigkeiten, denen die von den Ständen verlangten Bewilligungen begegneten. Und wahrhaftig, wenn man bedenkt, wie wenig Kaiser Joseph auf seiner geschwinden Reise durch Sachsen von der „Industrie“ dieses Landes hat sehen können, so muß man Flemmings Urteil für richtig finden und ebenso seine Annahme, daß die so günstige Auffassung der Lage Sachsens dem Kaiser von bestimmter Seite eingegeben worden sei. Er schreibt am 21. August an Vitzthum, er wisse, aus welcher „Boutique“ diese Auffassung komme, namentlich von den „Generals“, besonders von Lacy. Es sei unglaublich, wie sich der Kaiser, der doch Einsicht und Urteilskraft besitze, hierin von den Offizieren habe etwas vortäuschen lassen. Man spüre in Sachsen das Gegenteil von dem, was Joseph beobachtet haben wolle. Außerdem sei ihm entgegenzuhalten, daß die österreichische Armee während des Krieges meist um Dresden gestanden und daher sehr viel aus Böhmen habe kommen lassen. Er schließt die Widerlegung der Josephinischen Äußerungen mit dem sehr berechtigten Seufzer: „Alle patriotisch gesinnten haben Gott zu bitten, das Vaterland vor diesen modus acquirendi zu behüten!“

Vitzthum kommt nur noch einmal, in seinem Bericht am 13. August, auf diese Angelegenheit und fällt das für die österreichische Bevölkerung nicht sehr schmeichelhafte Urteil: „Eine Industrieverbesserung in Sachsen wird hier nicht ohne jalousie angesehen, da die hiesigen weniger labourieusen Untertanen natürlich weniger leisten“.

Es ist noch die Frage zu erledigen, ob die Reise Josephs durch Sachsen und sein Aufenthalt am Dresdner Hofe in der großen Politik jener Tage Aufsehen erregt und welche Beurteilung der ganze Vorgang erfahren hat. Erklärlicherweise hat der Umstand, daß ein Kaiser inkognito und unter Ablehnung aller Festlichkeiten eine Studienreise machte, mehr überrascht, als der beinahe etwas erzwungene Besuch bei seinen Verwandten am Dresdner Hofe. Man hatte die Gewißheit, daß irgendeine politische Absicht oder gar eine politische Bedrohung nicht dahinter stecken könne. Man wußte, daß Sachsen infolge seiner unglücklichen Politik in Polen und im Reiche ruhebedürftig war; außerdem hatte es sich politisch wie militärisch doch sehr unfähig gezeigt, daß es kaum als ein erstrebenswerter Bundesgenosse zu irgendeiner politischen Unternehmung gelten konnte. Hierzu kam, daß der Administrator, eifrig mit Wiederherstellungsarbeiten für den Staat beschäftigt, nur noch reichlich 2 Jahre zu amtieren hatte, um dann die Regierung einem ganz jungen, unerprobten Fürsten zu übergeben. Gerade da die Öffentlichkeit von seinem irgendwie wichtigen Zwecke dieses Besuches etwas erfuhr oder erfahren konnte, wurden durch Zeitungen falsche Vermutungen verbreitet.

Es ist ganz offen zu sagen, daß der von Joseph ausgeführte Besuch in Dresden, so sehr er menschlich erfreut hat, politisch die öffentliche Meinung viel weniger beschäftigt hat, als eine Zusammenkunft, die bei Gelegenheit der militärischen Studienreise von ihm zunächst geplant gewesen ist und von der anderen Seite, wie es scheint, sehr gern gesehen worden wäre, aber in Wirklichkeit nicht stattgehabt hat. Kurz gesagt: daß Kaiser Joseph mit Friedrich dem Großen nicht zusammengekommen ist, hat viel mehr Federn in Bewegung gesetzt, als sein Aufenthalt in Dresden. Dies beweist sehr deutlich, welcher Umschwung sich in der Stellung Sachsens, vor allem aber Brandenburg-Preußens vollzogen hatte seit der Zeit, da Habsburger Kaiser zu hochpolitischen Sonderzwecken nach Dresden gereist waren (1564, 1575, 1617).

Es ist daher wohl gestattet, zum Schluß auf das zu reden zu kommen, was sich bei Gelegenheit des Dresdner Kaiserbesuches vom Jahre 1766 beinahe in einer anderen damals sächsischen Stadt ereignet hätte. Zu diesem Zwecke sei erst ganz kurz die Weiterreise Josephs durch Sachsen besprochen.

Auf seiner ersten Tagesreise von Dresden aus ist er am 27. Juni bis Torgau gelangt, wo er sich von Lacy die Stellungen der Österreicher und Preußen während der bekannten Schlacht von Torgau am 3. November 1760 zeigen und erklären lassen wollte. Die Art, wie er an diesem Tage gereist ist und wie er äußerlich dabei aufgetreten, ist schon auf Grund eines Berichtes des Stadtschreibers Anton August Brenig von Meißen ausführlich und fesselnd besprochen worden[1]. Brenig hebt vor allem die Schlichtheit hervor, mit der er sich benommen hat, z. B. wie er sich beim Kegelspiel im Gasthofsgarten Scharfenberg oder vor dem Essen im Mietsgarten zu Zehren, wo er sich der Länge lang ins Gras legte, gezeigt hat. Die Leutseligkeit, die er im Verkehr liebte, der Humor, mit dem er einem sich bückenden und dabei halb knieenden Offizier seines Gefolges einen leichten Schlag mit seinem Stock auf die gespannten Hosen gab, werden behaglich erzählt. Wir sehen die hohe und schwerfällige grünliche Reisekutsche, in der er auch in Dresden eingefahren war, mit ihrem Bodenkasten, in dem große silberne Terrinen und andere Gerätschaften z. B. für 24 Personen silberne Schüssel, Teller, Messer, Gabeln und allerhand Tischzeug untergebracht waren.

Nach den Berichten der Bedienten ließ er sich unterwegs gern „harte“ Speisen bereiten: Pökelfleisch, Rindfleisch, Meerrettich; von Delikatessen halte er nichts, noch von Rosoglios.

Im Wagen gab es unter allen Sitzen noch allerhand

Kästen mit eingepackten Sachen, an den Türen


  1. Otto Schmidt in den Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Meißen (Bd. 4 1897, S. 227): Kaiser Joseph in Meißen.
Empfohlene Zitierweise:
Dr. Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter Band 5 (1909 bis 1912). Buchdruckerei der Wilhelm und Bertha v. Baensch Stiftung., Dresden 1909 bis 1912, Seite 88. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dresdner_Geschichtsbl%C3%A4tter_F%C3%BCnfter_Band.pdf/91&oldid=- (Version vom 2.1.2026)