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hat; daraus wird wohl zugleich erklärlich, warum Joseph auf dem Hofball nicht besonders aufgeräumt war. Hatte er doch auch merken müssen, wie Maria Antonia etwas piquiert war, daß sie zu der bevorstehenden Zusammenkunft, von der alles flüsterte, nicht hinzugezogen werden sollte. Sollte sie doch auf sächsischem Boden stattfinden! Übrigens muß es in Sachsen etwas verstimmt haben, daß von der preußischen Regierung bis zum letzten Augenblick, da man die Zusammenkunft noch für möglich halten konnte, keine Anfrage oder Anzeige darüber kam, daß der König Friedrich vielleicht auf sächsischen Boden kommen werde, um eine politisch sehr wichtige Besprechung mit dem Gaste des Dresdner Hofes zu haben.

Nugeant berichtet nun, nachdem er darauf hingewiesen, daß Flemming ihm ausdrücklich gesagt habe, er sei der Meinung, die Entrevue werde viel Aufsehen machen in Europa, folgendes[1]: „S. Maj. der Kaiser ließ mich in der Nacht vor seiner Abreise in sein Zimmer kommen, um mir zu sagen, daß allem Anschein nach der König nach Torgau kommen werde; er ist bezüglich der verschiedenen Gesichtspunkte, die der König haben könnte, mit einer Gerechtigkeit und einer Eindringlichkeit ins Einzelne gegangen, die den Leuten, die in den Geschäften aufs äußerste bewandert sind, hätte Ehre machen können. Ich hatte es nicht nötig, ihm zu sagen, daß er es mit einem Herrscher ohne Treu und Glauben (sans foi, sans loi) zu tun habe, der in sich selbst alle Gesetze der Menschlichkeit erstickt habe; dem es nichts bedeute, die heiligsten Versprechen zu geben, um sie in der Folge zu brechen, wenn es seinem Interesse entspräche; daß jedes Mittel ihm gleich sei, wenn er nur zu seinem Ziele komme. S. Maj. kannte das alles schon, und es schien mir, daß er den König ebenso gut kannte, als ich ihn hätte kennen können. Ich hielt es für meine Pflicht, ihn zu fragen, ob S. Maj. vielleicht befehle, daß ich ihn begleitete. Seine Antwort war, daß dies zu sehr das Ansehen einer abgemachten Sache habe; ich sagte ihm, daß unter anderen Vorschlägen, die ihm der König machen könnte, vielleicht der sei, daß er ihm von Lothringen spreche. S. Maj. sagte mir, daß Schlesien seine Staaten besser abrunden werde. Da ich so viel Eindringen und so viel Kenntnisse bei einem so jungen Fürsten sah, habe ich ihn mit Erstaunen verlassen, und ich beunruhigte mich nicht über eine Zusammenkunft, die ihm nur Ehre machen kann.“

Nugeant, der im Grunde ein Gegner der Zusammenkunft war, hatte von Dresden aus über des Kaisers Reisepläne nach Berlin so kurz und trocken, so wenig aufmunternd berichtet, daß gerade er dazu beigetragen hat, daß Friedrich der Große, der das Zusammentreffen sehr wünschte und alle vorbereitenden Schritte mit Klugheit und Energie getroffen hatte, vor dem letzten Schritt selbst zurücktrat.

Die Lebhaftigkeit, mit der er auf den Plan eingegangen war, als Nugeant noch in Berlin versichert hatte, Joseph wünsche nichts Besseres, als ihn zu sehen, geht aus vielen Briefstellen hervor. Am 12. Juni schreibt er seinem Bruder Heinrich, er habe ihm bald eine ganz neue Neuigkeit mitzuteilen (une nouvelle toute nouvelle). Er macht die wichtigsten Botschafter eigenhändig darauf aufmerksam, daß Joseph ihn sehen wolle, und wünscht verbreitet zu sehen, dieser Entrevue sei nichts Schlimmes unterzulegen. Als Nugeant am 21. nach Dresden abreist, um Joseph zu treffen und sich Instruktionen zu holen (in Wahrheit, um nicht bei dem Zusammentreffen sein zu müssen) verrät der König dem Bruder seine nouvelle toute nouvelle und bittet ihn, am 25. in Potsdam zu sein: er sei zu einer Entrevue eingeladen; viel werde nicht herauskommen, es sei die übliche Höflichkeit. Am 24. Juni wird Fink von Friedrich aufgefordert, über den aus Dresden erwarteten Nugeant’schen Kurier mit allen genaueren Nachrichten so schnell als möglich zu berichten; die Postpferde bis Torgau und Schloß Lichtenburg[2] werden bestellt.

Nugeants trockenen Bericht, Joseph reise am 27. von Dresden ab, halte sich am 28. in Torgau und Umgegend auf und reise abends noch nach Bautzen, nimmt Friedrich als verkappte Ablehnung auf. Dies teilt er auch den Botschaftern schriftlich mit, trotzdem werden alle Vorbereitungen zur Reise nach Kloster Zinna[3] getroffen. Fink erfährt noch am 27., aus welchen Gründen sich Friedrich die Ablehnung erkläre: man fürchte Mißstimmung von Frankreich, mit dessen Gesandten Kaunitz längere Unterredungen gehabt habe, man traue Joseph zu, daß er von dem sprechen werde, was er verschweigen solle; man fürchte, er werde Joseph Ideen einflößen, die ihn zur Unabhängigkeit von der Mutter und von Kaunitz führten: Leidenschaft und Gereiztheit de ces gens gegen ihn seien noch so stark und übertrieben, daß sie es nicht verbergen könnten.

Friedrich wird hier wohl das Richtige getroffen haben, daß Joseph erst dazu getrieben, Kaunitz zunächst das Zusammentreffen als wichtigen politischen Faktor eingestellt und bei Maria Theresia darauf hingewirkt hat; später ist dieser aus Rücksicht auf Frankreich zurückgewichen und hat Maria Theresias Abneigung nachgeben können.


  1. Adolf Beer, a. a. O. S. 436 ff.
  2. Sächsisches Schloß nahe bei Prettin, 1½ Meilen von Torgau gelegen, von Friedrich u. a. als Treffpunkt gedacht.
  3. Kloster Zinna, ein ehemaliges Zisterzienserkloster, nicht weit von Jüterbog an der Nuthe gelegen, war 1764 als selbständiger Ort von Friedrich dem Großen neu gegründet worden.
Empfohlene Zitierweise:
Dr. Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter Band 5 (1909 bis 1912). Buchdruckerei der Wilhelm und Bertha v. Baensch Stiftung., Dresden 1909 bis 1912, Seite 90. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dresdner_Geschichtsbl%C3%A4tter_F%C3%BCnfter_Band.pdf/93&oldid=- (Version vom 6.1.2026)