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Der Versuch einer Annäherung hat sich nun in folgender Weise abgespielt. Der König reiste am 27. Juni mit dem Bruder Heinrich und einem Prinzen von Braunschweig bis nach Kloster Zinna, 6–7 Meilen nördlich von Torgau, und sendete den General von Kameke zur Begrüßung Josephs nach Torgau. Dieser kam erst nach 10 Uhr abends an und empfing sofort noch den Abgesandten des Königs. Darüber hat er seiner Mutter am 30. Juni folgendes[1] aus Reichenberg in Böhmen geschrieben: Er habe ihr schon aus Torgau selbst geschrieben (der Brief liegt nicht vor), daß aus der Zusammenkunft rein gar nichts geworden sei; ihre Wünsche hätten seine Schritte gut geleitet: „Ich habe dem Minister Kameke die Begier angesehen, die er empfand, etwas zu sagen, was dem nahe kam, was ihm verboten war, und wie angenehm ihm ein Wort meinerseits gewesen wäre, das ihn dazu berechtigt hätte; aber eigensinnig (entêté) und fest in meinen Absichten, besonders, wenn es sich darum handelt, mich dem einzigen Gegenstand zu verpflichten, den ich verehre und anbete, habe ich bis zuletzt auf meinem System bestanden und die einzige Gelegenheit versäumt, die ich Zeit meines Lebens haben werde, einen Menschen zu sehen und kennen zu lernen, den, wie ich nicht leugnen kann, kennen zu lernen meine Neugier mich reizt. Wenn Sie etwas von der Wirkung erfahren, die dies auf ihn ausgeübt hat, oder wenn Fürst Kaunitz mein Betragen billigt, wage ich, Sie zu bitten, mir es zu bezeigen.
Der königl. Generaladjutant von Kleist ist in Torgau gewesen, um alle meine Schritte auszuspähen; ich habe ihn auch uns zu Pferde folgen sehen auf dem ganzen Ausflug, den wir über das Schlachtfeld machten, ja bis an die Elbe, und als wir uns in die Wagen setzten, um abzufahren, ritt er in vollem Laufe davon. Das ist keine Erfindung, wir alle haben ihn mehrere Male selbst gesehen“.
Über die Vorgänge, die sich nach des Kaisers Ankunft und nach Kamekes Empfang abgespielt haben, berichtet uns ein Brief des Barons von Riedesel, des militärischen Begleiters aus dem sächsischen Heere. Er schreibt den 27. (soll heißen 28.) Juni 2 Uhr mitternachts an den Prinzen Xaver[2]: „Sobald der Kaiser in Torgau angekommen, meldete sich sogleich der königlich preußische Minister Kampke und wurde sogleich zur Audienz eingeführt. Nach einer guten Viertelstunde hatte die Konferenz ein Ende, der Kaiser ging zur Tafel, der preußische Minister in sein Quartier. Die meprise eines preußischen Feldjägers, den der preußische Minister bey sich hat und mich für einen kayserl. königl. Offizier ansah, machte ich mir zu Nutze und erfuhr von ihm, daß sich der König in Zinna befinde und es von der Antwort des Kaisers abhänge, ob der König kommen oder zurückgehen werde. Und wie ich alleweile annehme, ist dem Feldjäger in die Schreibtafel diktiert worden durch einen kaiserlichen Unteroffizier: der Kaiser werde früh um 6 Uhr abreisen; die Namen der Suite und was er noch zu wissen verlanget. Kampke hat für sich und den Feldjäger für 4 Uhr früh Postpferde zur Abreise bestellt.
An Ihro Kaiserl. Majestät habe diesen Abend (27.) bey der Tafel weit mehrere tranquillité als unterwegs verspühret“.
Aus einem zweiten Schreiben Riedesels geht hervor, daß Kameke erst nach des Kaisers Abreise um 7 Uhr Torgau verlassen hat. Während Graf Dietrichstein dem Baron ausdrücklich erklärt, Kamekes Auftrag sei ein bloßes Kompliment gewesen, schöpft er selbst aus einem Gespräch, das der Kaiser mit ihm gehabt hat, den Eindruck, daß man wegen der Art und Weise, wie diese Zusammenkunft, ohne der Kayserl. Majestät etwas zu vergeben, anzustellen, nicht habe übereinkommen können. König Friedrich ist am 28. Juni, nachdem er mit seinem Bruder eine ganze Stunde in der Stadt Zinna spazieren gegangen ist, wieder nach Potsdam zurückgereist.
Auch Maria Theresia hat die Auffassung, als ob Etikettenfragen die Sache vereitelt hätten, in ihren Privatbriefen betont. Sie schreibt am 11. Juli 1766 an ihre Freundin, die Gräfin Enzenberg[3]: „Joseph kehrt nun bald zurück, alle Welt ist mit ihm zufrieden. Die Zusammenkunft, die Friedrich und er gewünscht haben, ist nicht geschehen. Die Vorsehung hat es nicht gewollt, und diese Fürsten, die beide nichts auf Etikette und Ceremoniell geben, haben sich in dem Augenblick, da die Entrevue statthaben sollte, darauf versessen, wer den andern sprechen oder einladen sollte, und so sind beide von ihrem Nachtquartier abgereist und haben, was jeder so sehnlichst wünschte, verfehlt! Was wird man alles darüber sagen! Und doch ist es so, wirklich kann man sagen: Der Menscht denkt, Gott lenkt!“
Die Prophezeiung, daß über die unterbliebene Zusammenkunft sehr viel werde geredet und geschrieben werden, hat sich erfüllt. Aber nichts läßt den wahren Grund so recht hervortreten. Aus allem scheint jedoch hervorzugehen: Friedrich hat nicht mehr tun können, als er getan hat: er eilte in die Nähe von Torgau und ließ den jungen Kaiser begrüßen. Joseph hat, weil er sich der Mutter gegenüber gebunden fühlte, weniger getan, als er hätte tun sollen; er hat über den Hauptpunkt geschwiegen, also eine Frage oder eine Einladung mittelbar unmöglich gemacht. Ehe sich zwei solche
fürsten von solcher Bedeutung und so gegensätzlicher
Dr. Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter Band 5 (1909 bis 1912). Buchdruckerei der Wilhelm und Bertha v. Baensch Stiftung., Dresden 1909 bis 1912, Seite 91. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dresdner_Geschichtsbl%C3%A4tter_F%C3%BCnfter_Band.pdf/94&oldid=- (Version vom 6.1.2026)