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Röckel[1], Klette[2], Bakunin[3], Richter[4], Oberstleutnant Heinze[5], Minckwitz[6], Herz[7], Hirschel[8] etc. sind noch in Haft, im Ganzen circa 180 noch. Oberstl. Heinze u. Hirschel sollen viel Geständnisse gemacht haben, ich glaube es aber nicht eher, bis ich Beweise habe, denn dergl. Gerüchte werden absichtlich ausgesprengt. Richter saß in der ersten Zeit mit Minckwitz u. Blöde in einem Zimmer der Frohnveste[9] u. hielt diesen Beiden Vorlesungen über Chemie, soll sich aber oft bitter beklagt haben, daß sie weit schwerer capirten, als seine Jungens in der Akademie. Seit die Gefangenen aber nach der neustädter Reitercaserne transportirt sind, sitzen dieselben getrennt. Richter’s Bfe an s. Schwester sind mit vielem Humor geschrieben. Ich will wünschen daß es ihm wirklich leicht ums Herz ist; jedenfalls ist es aber klug so zu schreiben, da jeder Bf vom Officier der Wache gelesen wird. Wenn Richter’s Schwester ihrem Bruder von Dir schriftlich Nachricht giebt, schreibt sie: der Dr. Mupper oder Dr. Dübruh etc. Martin[10] liegt noch verwundet im Hospital.
Der Oberbefehlshaber der hiesigen bewaffneten Macht, Schirnding, hat gegen die Arnold’sche Buchhandlung Klage beim Stadtgericht eingereicht, weil Du auf N. 13 der bei Arnolds erscheinenden Zeitung des Lehrervereins, trotzdem, daß Du steckbrieflich verfolgt, noch als Mitredacteur genannt bist. – Wenn ich Sillig[11] u. Consorten bei Arnolds treffe, erzähle ich von Dir, wie gut es Dir ginge u. wie überaus wohl Du Dich in London befändest. Da solltest Du die Gesichter dieser erbärmlichen Creaturen sehen, ihre schwarz-gelben Gesichter, werden vor Wuth u. Ingrimm daß Du entwischt abwechselnd roth u. aschgraufarbene Fratzen. Hinter Schloß u. Riegel hätten sie Dich gern wohlverwahrt gesehen.
Mit wenigen Worten will ich Dir noch meine Erlebnisse aus den Maitagen schildern. Nachdem ich Dich Donnerstag[12] Nacht auf dem Rathhaus gesprochen, ging ich wieder auf meine Wache auf den Zwingerwall u. blieb dort ununterbrochen bis Sonnabend Abend 6 Uhr. Unsere Vorposten u. die des Militairs standen 10 Schritt auseinander. Vom Militair wurden wir deshalb nicht angegriffen, weil wir (circa 70 Mann) den Wall u. Zwinger zum Schutz der Museen besetzt hatten. Sonnabend Nachmittag wurde von einigen Männern das Verlangen an uns gestellt, zu erlauben, daß das Palais u. Schloß vom Zwinger aus mit Schwefeläther, Vitriol u. Spiritus bespritzt werden dürfe um diese Gebäude in Brand zu stecken; eine Zumuthung die wir mit Entschiedenheit zurückwiesen. Gegen 6 Uhr wurden wir während des heftigsten Kanonendonners auf Befehl des Obercommandant Heinze von unseren Posten (welchen gleich hinter uns das Militär besetzte) abberufen[13] u. ich wurde nebst Anderen beordert die Kanonen von Burg[k] in Empfang zu nehmen. Am plauenschen Schlag sprach ich Dich zuletzt. Unsern Auftrag führten wir trotz der schwärmenden Cavallerie pünktlich aus; die 4 Geschütze welche unter Bedeckung von cca 1000 Mann ankamen, wurden in der Stadt
abgeprotzt, von 40 Händen über die Barrikaden gehoben
- ↑ August Röckel, Musikdirektor am Dresdner Hoftheater seit 1843; seine Beteiligung an dem Maikampf schildert er in seinem Buche „Sachsens Erhebung und das Zuchthaus zu Waldheim“ (Frankfurt a. M. 1865) S. 141 ff.
- ↑ Klette, Kürschnermeister und Stadtrat, Wohnung: innere Rampescheg. 21; wegen seiner Beteiligung wurde er zu dreijähriger Zuchthausstrafe verurteilt, dann zu zweijährigem Landesgefängnisse begnadigt, s. Dresdner Zeitung 1850 Nr. 127 S. 521, Nr. 150 S. 655.
- ↑ Michael Bakunin zum intellektuellen Anstifter des Dresdner Maiaufstandes zu stempeln, dürfte schwerlich noch heutigen Tages versucht werden; in dieser Hinsicht wird der Artikel in der Dresdner Zeitung 1849 Nr. 267 S. 1396 f. dem slavischen Agitator gerecht.
- ↑ Dr. Hermann Eberhard Friedrich Richter, Professor an der medizin. chirurg. Akademie (vgl. Allgem. d. Biographie Bd. XXVIII S. 465) war mit Köchly und Minckwitz Mitglied des Sicherheitsausschusses; über dessen Tätigkeit vgl. außer den Quellenschriften auch „Freimüthige Sachsenzeitung“ 1849 Nr. 75 Extra-Beilage.
- ↑ Alexander Clarus Heinze, Kommandant der Kommunalgarde während des Kampfes, starb im Zuchthause zu Waldheim.
- ↑ Dr. jur. Heinrich Eduard Minckwitz (s. Anm. 10) war Obmann des Ausschusses des Deutschen Vaterlandsvereins; seine Eingabe an das Dresdner Stadtgericht ist abgedruckt in der Dresdner Zeitung 1850 Nr. 5 außerordentliche Beilage; vgl. dazu Nr. 12 S. 48.
- ↑ Dr. Wilhelm Heinrich Herz, Landtagsabgeordneter und Landtagsarchivar, wurde zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe verurteilt, s. Dresdner Zeitung 1850 Nr. 130 S. 533 und Nr. 169 S. 695.
- ↑ Dr. med. Bernhard Hirschel, gestorben 1874 als Sanitätsrat und Arzt am Henriettenstift, wurde am 27. Juli 1849 gegen Kaution aus seiner Haft entlassen, s. Dresdner Zeitung 1849 Nr. 174 S. 1016; dazu Nr. 22 S. 163 und Nr. 27 S. 211.
- ↑ Diese befand sich auf der Großen Frohngasse Nr. 18–20.
- ↑ Der Postsekretär Martin wurde zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe verurteilt, s. Dresdner Zeitung 1850 Nr. 180 S. 739; er war mit Heubner und Bakunin verhaftet worden.
- ↑ Später Konrektor an der Kreuzschule; über Köchlys Stellung zu diesem und den älteren Kreuzschulkollegen vgl. Böckel H. Köchly S. 32 f. Bei diesem Urteil über Sillig hat anscheinend Parteihaß die Feder geführt.
- ↑ 3. Mai.
- ↑ Mit diesem Berichte eines glaubwürdigen Augenzeugen lassen sich die Angaben bei v. Montbé „Der Maiaufstand in Dresden“ S. 135 f. und v. Waldersee „Der Kampf in Dresden im Mai 1849“ S. 118 f. nicht in Einklang bringen.
an seine Freunde s. Dresdner Zeitung 1850 Nr. 170 S. 872. Er begab sich nach Amerika und wirkte in Newyork als Redakteur einer der ersten Zeitungen.
Dr. Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter Band 4 (1905 bis 1908). Wilhelm Baensch Dresden, Dresden 1905 bis 1908, Seite 114. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dresdner_Geschichtsbl%C3%A4tter_Vierter_Band.pdf/119&oldid=- (Version vom 18.2.2025)