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Belgiens Hauptstadt wandte sich Zschetzsche nach der Schweiz; von hier aus richtete er einen längeren Brief an Köchly[1], dessen Inhalt interessant genug ist, der Vergessenheit entrissen zu werden:
Hottingen bei Zürich, am 21. Juli 1849.
Mein innig verehrter Freund.
Reich an polizeilichen Erfahrungen aller Art aber kriegs- und revolutionsmüde bin ich endlich hier in einen wenigstens provisorischen Hafen der Ruhe eingelaufen. Wahrhaftig, wenn es keine Polizei gäbe, das Leben wäre nur halb so interessant. Laß Dir kurz erzählen, wie mirs ergangen. Um das verdächtige Individuum möglichst sicher los zu werden, hatte mir die Metzer Police einen Postschein auf Straßburg besorgt. Davon wurde ich schon früh 7 Uhr unterrichtet u. mir die Abfahrt auf 10 Uhr angezeigt. Mein Wirth Dollmetscher rechnete sich mit vieler Selbstgefälligkeit diesen glücklichen Erfolg zum Verdienst an, und meine Rechnung zeigte, daß ihm das moralische Bewußtsein nur geringe Belohnung war, denn für ein Abendessen von gebacknen Kalbsfüßen, ein dergl. Frühstück mit 1/2 Fl. leichten Weins, und das Nachtlager in einem Zimmer, wo wir ihrer 7 schnarchten, zapfte er mir mit landsmännischer Billigkeit 6 fr. 50 Cts. ab. Der Teufel hole die Landsmannschaften! dachte ich u. bezahlte knurrend. Es war auch keine Zeit zu weitern Erörterungen, denn der schlaue Landsmann rückte erst in der letzten Minute mit seiner Forderung heraus. Auf der Post erwartete mich eine große Bärmütze im rothverbrämten Frack und übergab mir mit seinen citronenfarbnen Handschuhen die gestellte Caution excl. des bereits bezahlten Personengeldes von 28 Frs. Man hatte mir ein[en] Platz im Coupé besorgt, der zwar sehr bequem u. angenehm, aber auch 7 Fr. theurer als Plätze im innern Wagen war. Der Grund dieser zärtlichen Fürsorge war aber keineswegs in der Achtung der Police vor meiner Person, sondern in dem Umstande zu suchen, daß dies der einzige noch frei gewesene Platz war. Genug ich fügte mich in mein Schicksal, ließ mit Herzklopfen die letzten 3 noch übrig gebliebenen Napoleons von den safranfarbenen Handschuhen des Gensdarmen in mein Portmonai übergleiten und rollte eingehüllt in den Mantel meiner sentimentalen Erinnerungen durch die Festungswerke hinaus. Der brave Koene muß wahrhaftig mein Schicksal gerochen haben, als er mir so freundlich in Brüssel einen Vorschuß anbot. Ohne diesen wäre ich sicher als subsistenzloser Landstreicher in noch weit ärgere Klemmen gekommen. Bei jedem Napoleon, den mir die Fluth der Prellerei entriß, – nirgend bekam ich auch nur einen Cts Agio – habe ich seiner dankbar gedacht. – Meine beiden Coupégenossen störten mich nicht in meinen Fantasien, denn sie verstanden kein Wort deutsch. Sie waren sehr elegant gekleidet, und musterten mich mit zweideutigen Blicken, da ihnen meine genaue Bekanntschaft mit der republikanischen Gensdarmerie, von der sie Zeuge gewesen waren, nicht ganz erklärlich sein mochte. Die umhängenden großen Geldtaschen beseitigten in mir jeden Zweifel, daß ihre Verhältnisse weit glücklicher waren als die meinigen, selbst wenn ich die letzteren auf die 10 Potenz erhoben träumte. Vor ihren 2 Bogen Polizeipapier machte der erste in Chaussy revidirende Gensdarme einen tiefen Bückling, während er mich wieder ein Examen bestehen ließ, welches einen ganzen Pferdewechsel u. 3 Peitschenknalle lang dauerte, u. sicherlich noch nicht geendigt hätte, wären nicht die Vorderpferde aus Mitleid mit mir unruhig geworden. Als wir am nächsten Berge zu Fuß gingen – das passirte sehr häufig – rieth mir der Conducteur, ich möchte doch eine andere Mütze aufsetzen, weil die meinige (es war Deine Hausmütze) die Gensdarmen aufstützig machte, da sie so viel Roth enthalte. Ich freute mich mehr über die deutsche Spr. des Conducteurs als über seinen Rath, den ich aber dennoch befolgte, und schwang mich mit ihm auf den Oberboden des ungeheuern Wagens, mehr mit ihm zu plaudern. Er meinte selbst, daß die Gensdarmerie noch nie so arg gewesen sei, als gerade jetzt, was mir aber in Erwägung der gegenwärtigen politischen Verhältnisse ziemlich erklärlich. An der nächsten Kneipe ließ ich eine Flasche Champagner herauflangen, um mir die Freundschaft des Conducteurs mehr zu versichern. Auf den beiden nächsten Stationen blieb ich wirklich ungeschoren, denn die herantretenden Bärmützen ließen es bei der aufmerksamen Betrachtung meiner Physiognomie bewenden. Ich füge daher 2 Umstände aus der vormetzischen Zeit hier ein. Da ich in Arlon meine Karte nicht erhielt, so zwang ich dem Polizei-Commissar wenigstens eine Bescheinigung darüber ab, daß ich mich bei ihm gemeldet habe. Er gab mir dieselbe auf der Rückseite meiner Feuille de Route. Dieser Umstand war mein Unglück. Bei St. Martin betraten wir Frankreich. Bezüglich des Passes legitimirte ich mich durch die Arloner Bescheinigung. Als aber die franz. Police die Feuille de Route erblickte, schöpfte sie Verdacht, u. das gräuliche Examen begann. Ein damaliger Reisegefährte, der gar keine
Papiere hatte, kam weit besser weg. In Longwy
- ↑ Der Brief stammt aus Köchlys Nachlasse und wurde mir durch Vermittlung des Herrn Gymnasialdirektors E. Böckel in Heidelberg von Köchlys Hinterbliebenen zu dieser Lebensskizze Zschetzsches freundlichst überlassen.
Dr. Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter Band 4 (1905 bis 1908). Wilhelm Baensch Dresden, Dresden 1905 bis 1908, Seite 116. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dresdner_Geschichtsbl%C3%A4tter_Vierter_Band.pdf/121&oldid=- (Version vom 18.2.2025)