Seite:Dresdner Geschichtsblätter Vierter Band.pdf/123
zur Untersuchung präsentirt hatte, erreichten wir endlich den rechten Ort. Der hiesige Commissar war aber der erste vernünftige Kerl unter dem Gelichter seines Gleichen. Er war nicht mißtrauisch, fragte nur nach Anhörung meines traurigen Reiseberichts nach meinen Subsistenzmitteln, u. da ich ihm meine beiden noch lebenden Napoleons vorzeigte, so gestattete er mir bis zum nächsten Abende in der Stadt zu bleiben. Doch mußte ich ihm sogleich meine Wohnung angeben, ich weilte aus Politik Hotel de l’Europ[e]. Nachdem ich mich gestärkt u. etwas geschlafen hatte, Du kannst denken, wie matt ich nach solchen Aufregungen war, bestieg ich den herrlichen Münster. Im Fremdenbuche fand ich Ludw. Schreck u. Prof. Semper eingeschrieben. Gegen Abend ging ich nach Kehl hinüber. Ich fragte noch zuvor den Gensdarmen an der großen Brücke, ob ich wieder herübergelassen würde, u. er versicherte mir dies. Drüben fand ich viel lustige u. entschlossene Gesellschaft. Da wird es mir zum ersten Male wieder wohl. Die Bauern waren brave Kerls. Später kamen Freischaarenoffiziere, welche das entlaufene erste Aufgebot des Amtes Kork wieder zusammen suchen sollten. Die neubackenen Offiziere der Grenzbesatzung stachen in ihrem Benehmen freilich gewaltig gegen die entlaufenen ab, von welchen 5 in meinem Gasthof in Straßburg wohnten, aber sie waren entschlossen, das Äußerste zu wagen. Als ich nach etwa 4 Stunden zurückging, war jener fr. Gensdarm an der Brücke nicht mehr da, die andern wollten mich nicht kennen, es gab ein Examen u. das Finale war, daß mich eine Rothhose in die Stadt begleiten mußte, um zu erfahren, ob mein[e] Angabe, daß ich der Policei bereits gemeldet sei, auf Wahrheit beruhe. Der Kerl wußte aber den Weg wiederum nicht, u. ich mochte ihn nicht wissen, sondern that noch das Meinige, den armen Schelm irre zu führen. So liefen wir noch um 11 Uhr in der Stadt umher, als eine Patrouille meinen verdutzten Begleiter anhielt u. um den Zweck seines späten Umherlaufens u. seinen Casernenurlaub befragte. Ich freute mich königlich, des Teufels Reich in sich selbst mißtrauisch zu sehn. Wir mußten alle beide mit auf die nahe Wache, wo mein rothhosiger Führer nach einigen Fragen zum Thore hinaus u. ich nach Hause geschickt wurde. Nächsten Mittag wollte ich mit der Eisenbahn nach Basel. Am Bahnhofe gabs aber so viel gelbe Handschuhe, daß ich in einer Apfelsinenhandlung zu sein glaubte. Bald erbarmte man sich auch meiner geringen Person. Da ich kein Geschriebenes hatte, so wurde ich zurückbehalten, eine Bärmütze fuhr mit mir im Omnibus nach dem Policeibüreau zurück; der freundliche Commissar lachte, als er mich sah. Ich war verdrießlich, bat um eine Bescheinigung, daß ich nach Basel könne. Das lag außer der Macht des Commissars u. war erst am nächsten Tage zu erlangen. Doch meinte der Commissar, ich würde auf badischer Seite mit dem nächsten Zuge ungehindert aufwärts fahren können. Diesen Wink benutzte ich, u. dankte Gott als ich Frankreich im Rücken hatte. Aber da drüben gabs zwar keine Polizei, dafür war aber Alles, was Beine hatte, Militär. Von Kehl nach Appenweier ging die Sache gut. Hier nahmen aber Freischaarenwerber den Zug in Empfang. Da war kein Entkommen, keine Entschuldigung. „Du bist jung u. stark, bist ein Deutscher, Du mußt mitfechten für die deutsche Sache. Ein Lump wer sich weigert!“ Dazu kam noch, daß mich ein Dresdner erkannte, u. mich als Flüchtling bezeichnete. Statt nach Basel gings nun gen Baden-Baden. Dort bekamen wir Blouse, Flinte, Munition pp. u. wurden einer Compagnie zugetheilt. Die Preußen standen nur 21/2 Stunde von uns u. wir bekamen noch denselben Abend Ordre zum Vorrücken. Doch gabs diesen Tag nichts. Nächsten Morgen wurde exerziert u. Nachmittags schon wurden unsere Flanken angegriffen. Bald kam Unordnung in die ganze Geschichte, u. es begann ein Rückzug bei Anbruch der Dunkelheit in schönster Ordnung. Doch die Gefahr kam erst. Entweder wir waren von den Preußen umgangen worden, oder wir waren ihnen geradezu in die Hände gelaufen. Ich mag hierüber nicht entscheiden. Es mochte fast Mitternacht sein u. war sehr trübes Wetter. Ermüdet wollten wir uns hinter eine Hecke legen, die bei ihrer Dichtigkeit gut gegen den Wind schützen konnte. Ein Leutnant war auf Recognition vorausgewesen u. sagte es sei kein Feind in der Nähe. Da als wir eben im Begriffe waren uns hinter diesem Versteck auszuruhen, blitzte mit einem Male das ganze Verhau in lichtem Feuer auf. Der Feind hatte sich hinter demselben gelagert u. uns in der Finsterniß so nahe herankommen lassen, daß die tödtlichen Läufe unmittelbar vor unsern Nasen ihr Verderben ausspiehen. 17–20 von uns stürzten, alles war verblüfft, was laufen konnte [lief], nur wenige schossen noch ihr Gewehr gegen den Feind, der uns mit Schüssen verfolgte. Mir war eine Kugel nahe an der Stirn vorbei durch die Mütze gefahren, welche ich nicht wieder gesehen habe. Erst nach etwa einer halben Stunde fühlte ich den brennenden Schmerz an der Stirne. Der Schuß war so nahe vor dem Kopfe abgefeuert worden, daß das Pulver die Stirn ganz verbrannt hatte. Gegen Morgen fanden wir uns ihrer 7 wieder zusammen u. suchten ein neues Battaillon auf, dem wir uns anschlossen. Wir marschirten gegen Offenbach u. bekamen 1 Stunde vor
Dr. Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter Band 4 (1905 bis 1908). Wilhelm Baensch Dresden, Dresden 1905 bis 1908, Seite 118. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dresdner_Geschichtsbl%C3%A4tter_Vierter_Band.pdf/123&oldid=- (Version vom 18.2.2025)