Seite:Dresdner Geschichtsblätter Vierter Band.pdf/125

Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

da die bekannte Geschichte in der Morning Post die Abberufung derselben zur Folge gehabt hat. Um ein wenig zur Ruhe zu kommen u. nun einmal Briefe aus der Heimath, wohin ich gestern geschrieben habe, abzuwarten, habe ich mir hier ein Stübchen gemiethet. Unser Haus heißt „zum Freudenberge“ und ist von jeher ein Flüchtlingsasyl gewesen. In meiner Stube wohnte voriges Jahr Tschechs[1][WS 2] Tochter, von der ich in meinem Tischkasten noch ein Manuscript fand. Außer mir wohnen noch hier: Schaffrath[2], bei dem eigentl. auch Joseph wohnt, welcher aber jetzt verreist ist. Er will nächstens nach Hause u. sich setzen lassen, weil er sich hier auf keine Weise einen Broderwerb zu verschaffen getraut. Ferner Schramm[3] aus Langensalza, ein ganz vortrefflicher Kerl, der leider diesen Morgen nach St. Gallen gegangen ist, wo er seine Frau u. Kinder erwarten will. Ferner Ingenieur Heine[4] aus Dresden, der nächsten Monat nach Australien geht. Zschweigert[5], aus Plauen, dessen Frau u. Kinder heute ankamen. Ein Paar Kölner Studenten, Theaterregisseur Fischer[6] aus Karlsruhe nebst Frau, der bekannten Sängerin, die heute Abend plötzlich fort müssen, weil das Theater auf morgen für die preuß. Gardeleutnants eröffnet werden soll. Endlich Mad. Herwegh, die Tante des Dichters, nebst 2 recht hübschen Töchtern, sämmtlich der Bühne angehörend. Die ältere Tochter ist als Sängerin nach Stuttgart engagirt. Du siehst das Bild ist bunt, u. es ändert fast täglich seine Farben. Auch Hitzschold[7] ist in Zürich. Er wollte Anfangs nach Dresden zurück, scheint aber jetzt doch davon abzustehen, da er seine Frau hierher gerufen hat. Von den badischen Notabilitäten ist natürlich noch mancher hier den ich aber nicht besonders aufzähle. Von unsern Sachsen fällt mir eben noch Berthold[8] ein, der merkwürdig kleinlaut ist. Er hat sogar Gesundheits oder vielmehr Krankheitszeugnisse nach Sachsen geschickt, um sich seine Stelle zu erhalten. Damit scheint mirs nun denn doch Essig zu sein. Aber im Ganzen siehts in der Schweiz sehr trostlos für uns aus. Das Ländchen ist förmlich überfluthet. Und das Elend, unter der Masse der Flüchtigen ist nicht leicht zu heben. Das Mißtrauen gegen die Deutschen ist übrigens sehr fühlbar. Ich sehe wohl, daß hier schwerlich etwas zu machen sein wird u. treibe daher jetzt eifrig beim Eschenburg Englisch um noch diesen Herbst nach Amerika zu gehen. Es bleibt uns wahrhaftig nichts andres übrig. Wir sind jetzt auf ein Jahrzehnd hinaus eine geschlagene Partei. Ich bin begierig zu wissen, wie sich die mächtigen Herren gegen die kleine Schweiz benehmen werden. Hier herrscht viel Erbitterung gegen Preußen. An einen erfolgreichen Widerstand wäre aber nicht zu denken. Der Bundesrath scheint auch Conflicte vermeiden zu wollen, darum hat er gestern die sämmtlichen politischen u. militärischen Führer aus der Schweiz verwiesen. Merkwürdigerweise hat dieser Beschluß unter den meisten Schweizern aber tiefe Erbitterung erregt. Obgleich ihnen die Flüchtlinge ein Dorn im Auge sind, so wollen sie doch auch keinen Flecken auf der Nationalehre dulden. Baselland hat bereits erklärt, daß es jene Ordre des Bundesrathes nicht ausführen werde. Hier wird eine große Volksversammlung beabsichtigt.

Über Munde’s[9] glückliche Ankunft in Brüssel bin ich sehr erfreut. Ich lege einige Zeilen für ihn bei. Zychlinsky’s[10] Mutter war vorgestern hier um ihren Sohn zu suchen. Derselbe stand als Adjudant beim Willich u. bekam in einem der letzten Treffen einen Schuß durch den Hals, der aber wunderbarer Weise nicht gefährlich ist, außerdem hat er sich beim Sturz vom Pferde den Arm verrenkt. Er liegt in Schaffhausen. Die Obersten Sigel u. Willich, welche zuletzt kommandirten u. der Schweiz 68 schwere Feldgeschütze u. etliche Tausend Gewehre übergaben, sind auch noch hier, jetzt aber ausgewiesen. Sie genießen bei der versprengten Armee viel Liebe, während Mieroslawsky als Verräter gehaßt wird.

Deinen Brief fand ich hier vor, ich schreibe über die Paßangelegenheit auf ein besonderes Blatt, damit Du es nöthigenfalls der Polizei vorzeigen kannst.


  1. Heinrich Ludwig Tschech, Bürgermeister von Storkow[WS 1], der das am 26. Juli 1844 gegen Friedrich Wilhelm IV. verübte Attentat mit dem Tode büßte.
  2. Wilh. Michael Schaffrath, Dr. jur., Advokat, geb. 1. Mai 1814, † 7. Mai 1893.
  3. Ein sächsischer Lehrer, der in St. Gallen ein Mädcheninstitut zu gründen suchte.
  4. Ingenieur Carl Johann Heine s. Dresdner Zeitung Jahrg. 1849 S. 1200, 1418; nicht zu verwechseln mit dem ehemaligen Dresdner Theatermaler P. B. Wilhelm Heine s. Dresdner Zeitung Jahrg. 1850 S. 33 und allg. Künstler-Lexikon Bd. II S. 151.
  5. Kaufmann W. Zschweigert, Landtagsabgeordn. s. Dresdner Zeitung Jahrg. 1849 S. 1505; Jahrg. 1850 S. 12, 83, 91, 101, 274.
  6. Friedrich Fischer, 1809–1871, seine Gattin Karoline Achten, s. Allg. deutsche Biographie Bd. VII S. 67.
  7. Stadtrat Fr. Aug. Hitzschold s. Freimüthige Sachsenzeitung Jahrg. 1849 Sp. 1153; Dresdner Zeitung Jahrg. 1849 S. 1418; Jahrg. 1850 S. 56, 447.
  8. Dr. ph. Wilhelm Berthold, Oberlehrer in Döbeln.
  9. Dr. Carl Munde, Direktor der Dresdner Handelslehranstalt, vgl. E. Böckel, H. Köchly S. 122.
  10. Rechtskandidat Leo von Zychlinski, Adjutant des Oberkommandanten der Kommunalgarde Heinze, s. Freimüthige Sachsenzeitung Jahrg. 1849 Sp. 1418; Dresdner Zeitung Jahrg. 1849 S. 1418; Jahrg. 1850 S. 250. Über die badische Revolution und ihre Führer s. H. Blum „Die deutsche Revolution 1848/49“ S. 411 ff. mit Quellenangaben.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Stockow
  2. Vorlage: Tzschech
Empfohlene Zitierweise:
Dr. Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter Band 4 (1905 bis 1908). Wilhelm Baensch Dresden, Dresden 1905 bis 1908, Seite 120. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dresdner_Geschichtsbl%C3%A4tter_Vierter_Band.pdf/125&oldid=- (Version vom 18.2.2025)