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Deiner guten Frau sage, daß mich bis jetzt „noch keine Schweizerflechten gefesselt hätten“, weil ich noch keine gesehen habe. Etwa 8–10 Tage bleibe ich noch hier, dann aber, wann ich wieder etwas Moos habe, gehts nach Bern.

Behalte lieb Deinen
Gustav Friedrich Z.     

Es ist ein buntbewegtes Flüchtlingsleben, das Zschetzsche in den folgenden Briefen an Köchly entrollt; besonders sind es natürlich die sächsischen Flüchtlinge, an deren weiterem Schicksal er lebhaft Anteil nimmt. Auch die Verbindung mit den Dresdner Freunden setzt er fort, u. a. schickt er folgenden humoristischen Abschiedsbrief an seinen ehemaligen Amtsgenossen von der 2. Bürgerschule, J. G. Müller, den langjährigen Leiter des Männergesangvereins Orpheus und wohlverdienten Kantor u. Musikdirektor an der Dreikönigskirche:

Wildbad b. Zürich 10. Aug. 1849.     

 Liebes gutes Müllerchen.

Das Schicksal hat uns gewaltig weit auseinandergeworfen, seitdem ich Sie bald nach der Übergabe der Stadt noch zum letzten Male in Dresden traf. Der Belagerungszustand ist gewiß Niemandem unbequemer gewesen als Ihnen, davon bin ich fest überzeugt. Denn wenn auch Ihre Tagesordnung dadurch nicht sehr beeinträchtigt worden ist, so hat doch gewiß die Nachtordnung eine bedeutende Störung erlitten. Trösten Sie sich mit mir. Hier in der Schweiz ist man zwar vom Belagerungszustand sehr weit entfernt, aber trotzdem bekommen Sie nach dem Schlage 11 Uhr keinen Tropfen mehr zu trinken, wenn Sie sich nicht vorher bei der Polizei einen „Freischein“ für 6 Batzen gelöst haben. So etwas kommt einem alten Rennerianer höllisch unbequem u. lächerlich vor, zumal bei jetzigen heißen Tagen, wo es eigentlich erst um 8 Uhr erträglich wird u. zu schmecken anfängt. Das hat aber den Vortheil, daß der Zürcher Gesangverein seine Übungen beim Abt[1] etwas zeitiger u. pünktlicher beginnt, als der Orpheus, weil er nach Schlag 11 Uhr keinen Ton mehr hören lassen darf, u. sollte er mitten im Verse abbrechen müssen. Der Abt läßt Sie übrigens bestens grüßen. Er hält große Stücke auf Sie, u. liebt besonders ihr „Ständchen“. Heißts nicht so? (was Sie in Concerten immer im reinen Quartett singen ließen?) Mit der Musik ist aber hier höllisch wenig los, obwol man nicht gerade sagen kann, daß es an Beifall fehlte. Neulich waren schnell nacheinander 2 Prager Musikbanden hier, welche sehr gute Geschäfte gemacht haben, auch wirklich recht nett spielten.

Über mich u. meine Verhältnisse zu schreiben, würde im Augenblicke wol nicht gerathen sein, weil man am Ende doch nicht wissen kann, ob diese Zeilen in des Löwen Rachen fallen könnten. Als Pflicht liegt mir jetzt ob, von Ihnen als College Abschied zu nehmen, da ich unterm 20. Juli meine freiwillige Verabschiedung an die Inspection eingesandt habe. Oder hat man mich etwa schon früher cassirt gehabt? Über die Schulverhältnisse fehlt es mir gänzlich an Nachrichten, daher Sie wol ein Mal Ihre Feder in Bewegung setzen könnten. Durch Seyffart[2] wird Alles sicher an mich besorgt.

An Bekannten fehlt es hier nicht, obgleich jetzt viele auf einige Wochen ins Oberland gegangen sind. Vor einer Stunde war der Wagner (Kapellstr) bei mir, welcher sich hier festzusetzen gedenkt u. nächster Tage seine Familie erwartet. Er hat mit der großen Oper in Paris ziemlich vortheilhafte Verträge für den Winter abgeschlossen u. arbeitet jetzt sehr fleißig. Da zum Herbste die Eisenbahn zw. Paris u. Straßburg fertig wird, so ist es dann leicht, in 2 Tagen von hier nach Paris zu kommen.

Hitzschold, Zschweigert aus Plauen, Hennig[3] aus Wilsdruff, Marschall Biberstein, Schärff[4] haben bereits ihre Weiber hier u. scheinen sich in den Gedanken eines längeren Asyls zu fügen. Feldner[5] kam vorige Woche auch hier an, nachdem es ihm gelungen war 5 Wochen in Straßburg zu leben, ohne von der Polizei entdeckt zu werden. Endlich war er aber mit Weißflog mit Zwangspaß u. 3 Sous Etappengelder p. Stunde fortspedirt worden. Schaffrath, der [mit] mir in einem Hause wohnt, wird nächster Tage nach Hause kommen, um sich einstecken zu lassen. Heute morgen hatte ich eine hübsche Überraschung. Ich lag noch im Bette, als es derb an meiner Thür donnerte. Wer da? – Ein Landsmann, der direct vom Galgen kommt! – Ich hose mich schnell an u. öffne. Eine lange, bleiche, elende

Gestalt tritt ein. Mir waren die Züge sogleich bekannt, aber ich wußte keinen Namen u. keinen Platz


  1. Der Liederkomponist Franz Abt war Müllers langjähriger Freund.
  2. E. Herm. Seyffart, Hilfslehrer an der 3. Bezirksschule.
  3. Hennig, Gerichtsdirektor in Wilsdruff, s. Freimüthige Sachsenzeitung Jahrg 1849 Sp. 1153; Dresdner Zeitung Jahrg. 1849 S. 1296, 1418; Jahrg. 1850 S. 483, 614.
  4. Schärff, Schirmfabrikant in Dresden, s. Freimüthige Sachsenzeitung Jahrg. 1849 Sp. 1153; Dresdner Zeitung Jahrg 1849 S. 1200, 1418
  5. Feldner, Oberlehrer in Hainichen, s Freimüthige Sachsenzeitung Jahrg. 1849 Sp. 151/3, 1153; Dresdner Zeitung Jahrg. 1849 S. 1200, 1418. Weißflog gehörte zum leitenden Zentralausschuß der Vaterlandsvereine, s. C Krause „Der Aufruhr in Dresden“ S. 24.
Empfohlene Zitierweise:
Dr. Otto Richter (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter Band 4 (1905 bis 1908). Wilhelm Baensch Dresden, Dresden 1905 bis 1908, Seite 121. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Dresdner_Geschichtsbl%C3%A4tter_Vierter_Band.pdf/126&oldid=- (Version vom 18.2.2025)